Türkei: Kritik an möglicher Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

9. Juli 2020 (NÖK) Patriarch Bartholomaios hat sich erneut gegen eine mögliche Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ausgesprochen. Sie „gehört nicht nur den Besitzern des Monuments, sondern der ganzen Menschheit“, sagte der Ökumenische Patriarch in einer Predigt am 30. Juni. Als Museum könne die Hagia Sophia als „Ort und Symbol von Begegnung, Dialog und friedlicher Koexistenz von Menschen und Kulturen, gegenseitigem Verständnis und Solidarität zwischen Christentum und Islam“ dienen. Die Verwandlung in eine Moschee würde „Millionen von Christen in der ganzen Welt enttäuschen“ und Christentum und Islam spalten.

Im Juni waren erste Gerüchte aufgetaucht, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan plane, die Hagia Sophia in eine Moschee umzuwandeln. Die Kirche aus dem 6. Jahrhundert gilt als ein Wahrzeichen der Orthodoxie. Nach der Eroberung Istanbuls durch die Osmanen diente sie bis ins 20. Jahrhundert als Moschee, heute ist sie als Museum für Besucher zugänglich. Das Vorhaben hat international Kritik hervorgerufen. Schon vor rund einer Woche kritisierte Bartholomaios in einem Interview mit der Washington Post, dass das 1500 Jahre alte Erbe „uns trennt, statt uns zu vereinen“. Er sei „traurig und schockiert“ über Erdoğans Pläne. Der Generalsekretär der Partei der nationalistischen Bewegung (MHP) warf dem Patriarchen nach seiner Predigt vor, er überschreite seine Kompetenzen und seine Aussagen klängen wie eine Ankündigung von Angriffen gegen Muslime.

Dem Ökumenischen Patriarchen schloss sich unter anderen Erzbischof Hieronymos (Liapis) von Athen, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche von Griechenland, an. Er bezeichnete das türkische Vorgehen als Spiel, er glaube nicht, dass die türkische Regierung tatsächlich die Umsetzung der Pläne „wagen“ würde. Der russische Patriarch Kirill drückte in einem Statement seine tiefe Sorge über die türkischen Pläne aus. Die Beziehungen zwischen der Rus‘ und Konstantinopel seien zwar nicht immer einfach, aber das jahrtausendealte Erbe Konstantinopels sei auch für die russischen Gläubigen wichtig. Eine Bedrohung der Hagia Sophia sei „eine Bedrohung für die ganze christliche Zivilisation und daher für unsere Spiritualität und Geschichte“. Er hoffe deshalb auf die Vernunft der türkischen Führung und den Erhalt des neutralen Status der Hagia Sophia.

Nicht nur Kirchenvertreter kritisierten die türkischen Pläne, auch die russische Duma wandte sich an das türkische Parlament. In ihrem Statement wiesen die russischen Abgeordneten darauf hin, dass die Hagia Sophia eine der von russischen Touristen meistbesuchten Attraktionen Istanbuls sei. Ihr aktueller Status als Museum erlaube „einer maximalen Anzahl Menschen den Zugang, um persönlich ihre Ehrfurcht vor dem spirituellen Erbe und den kulturellen Traditionen unserer Vorfahren auszudrücken“. Sie riefen die türkischen Abgeordneten auf, in dieser „für unsere Bürger heiklen Frage“ vorsichtig und überlegt vorzugehen. Zudem forderte der US-Botschafter für Fragen der internationalen Religionsfreiheit die türkische Regierung auf, den Status der Hagia Sophia als UNESCO-Weltkulturerbestätte zu bewahren. Da sie eine „ungeheure spirituelle und kulturelle Bedeutung für Milliarden von Gläubigen unterschiedlicher Bekenntnisse in aller Welt“ habe, müsse sie der Allgemeinheit zugänglich bleiben. Die UNESCO selbst hat sich schon Anfang Juni schriftlich an die türkischen Behörden gewandt, habe aber noch keine Antwort erhalten. Die Weltkulturerbe-Konvention bestimmt, dass sich ein zwischenstaatliches UNESCO-Komitee für die „Bewahrung des unantastbaren kulturellen Erbes“ mit Fällen beschäftigen muss, in denen der Status eines Weltkulturerbes verändert werden soll.

Der oberste Gerichtshof der Türkei entschied Anfang Juli, dass das Dekret Mustafa Kemal Atatürks von 1934 – das der Hagia Sophia den Status eines Museums verlieh – gültig sei. Allerdings könne der Status mit einem Dekret des Präsidenten geändert werden. Türkische Medien spekulierten, dass im Fall einer Statusänderung das erste muslimische Gebet schon am 15. Juli stattfinden könnte. Daraufhin rief der amerikanische Außenminister Mike Pompeo die türkische Führung auf, den aktuellen Zustand zu erhalten. Die Regierung der Türkei wies die Aufrufe jedoch zurück und betonte, die Hagia Sophia sei wie alle anderen Kulturgüter des Landes Eigentum der Türkei und ihr Status sei somit eine innere Angelegenheit. Erdoğan bezeichnete die Vorwürfe der internationalen Gemeinschaft gar als „direkten Angriff auf unsere Souveränität“.