Türkei: Marienkloster von Sumela wird ab Ende Juli zugänglich sein

Zugleich wird aber auch die im Jahr 2012 wieder zur Moschee gewordene Hagia Sophia von Trapezunt nach einer Restaurierung wiedereröffnet

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Foto: © Jean & Nathalie (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Ankara, 05.07.20 (poi) Das berühmte Marienkloster von Sumela im Pontus – in den Bergen südlich von Trapezunt (Trabzon) – ist ab Ende Juli wieder für Besucher geöffnet. Die Eröffnungszeremonie wird der türkische Kulturminister Mehmet Nuri Ersoy vornehmen. Die Restaurierung des Klosters hat fünf Jahre gedauert. Ursprünglich sollte es bereits Ende Juni wieder zugänglich sein. Aber die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie führten zu der Verschiebung. Derzeit ist noch nicht klar, ob der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. am 15. August – zum Fest der Entschlafung der Gottesmutter – die „Erlaubnis“ erhalten wird, in Sumela die Göttliche Liturgie zu zelebrieren.

Das Kloster Sumela wurde im Jahr 386 gegründet und war viele Jahrhunderte hindurch der bedeutendste Wallfahrtsort am Schwarzen Meer, vor allem wegen der hier verehrten Marienikone, die dem Evangelisten Lukas zugeschrieben wird. Nach dem Ende der kurzlebigen Pontischen Republik mussten 1923 alle griechischen und armenischen Christen des Pontus das Land verlassen, auch die Mönche von Sumela. Jahrzehnte hindurch war das Kloster eine Ruine, bis es 1972 von der Regierung in Ankara zum Nationaldenkmal erklärt wurde. 2010 wurde erstmals dem Ersuchen von Patriarch Bartholomaios I. stattgegeben, am 15. August die Göttliche Liturgie in Sumela feiern zu dürfen. Bei dem Gottesdienst sagte der Ökumenische Patriarch vor tausenden Gläubigen damals wörtlich: „Nach 88 Jahren weint die Jungfrau Maria nicht mehr“. 88 Jahre zuvor, am 15. August 1922, war zum letzten Mal das Marienfest in Sumela feierlich begangen worden. Mehrere Jahre konnte Bartholomaios I. in Sumela jeweils das Marienfest feiern, in den letzten Jahren wurde die Genehmigung unter Hinweis auf die laufenden Restaurierungsarbeiten verweigert.

Die ältesten erhaltenen Gebäude des Klosters in dem romantischen Gebirgstal stammen aus der Zeit der Komnenen, die ab 1204 als Kaiser von Trapezunt herrschten. Mehrere Kaiserkrönungen fanden in Sumela statt. Auch nach der Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1461 blieb das Kloster ein spirituelles und kulturelles christliches Zentrum, das auch von den Sultanen durch große Schenkungen gefördert wurde. Im 19. Jahrhundert erfolgte noch einmal ein großer Ausbau des Klosters, das sowohl christliche als auch muslimische Pilger aus dem ganzen kleinasiatischen Raum, aber auch aus Russland und Kaukasien anzog.

In die Freude über die Wiedereröffnung des Klosters Sumela mischt sich ein Wermutstropfen: Kulturminister Nuri Ersoy wird in Trapezunt gleichzeitig auch die ebenfalls restaurierte Hagia Sophia eröffnen. Die in ihrer heutigen Form um 1250 errichtete Hagia Sophia von Trapezunt ist ein Hauptwerk der byzantinischen Baukunst, ihre Fresken haben Weltgeltung. Nach der umfangreichen Restaurierung der Fresken in den Jahren 1957 bis 1962 (die von dem schottischen Byzantinisten David Talbot Rice verantwortet wurde) war die Hagia Sophia seit 1964 ein Museum. Auf Grund einer umstrittenen Gerichtsentscheidung wurde sie 2012 wieder zur Moschee, im Juni 2013 fand das erste Freitagsgebet statt. Derzeit ist unklar, in welcher Form nach der jüngsten Restaurierung die Fresken sichtbar sein werden.

Die Hagia Sophia war nach der osmanischen Eroberung 1461 zur Moschee umgewandelt worden, aber die Fresken blieben unangetastet. Erst 1880 veranlasste ein islamistisch eingestellter Großkaufmann, dass die Fresken unter Putz verschwanden (wobei es zu ernsthaften Beschädigungen kam). Im Ersten Weltkrieg wurde Trapezunt 1916 von russischen Truppen besetzt, die russischen Behörden sorgten für die Freilegung der Fresken, aus der Moschee wurde wieder eine Kirche. Das blieb sie zunächst auch in den Wirren nach den beiden russischen Revolutionen, als Teile der russischen Truppen wieder abzogen, aber durch armenische Einheiten und Milizen der kurzlebigen Pontischen Republik ersetzt wurden. Erst nach der Besetzung der Stadt durch die Kemalisten und der Vertreibung der christlichen Einwohner wurde die Hagia Sophia wieder Moschee.

Die feierliche Eröffnung von Kloster Sumela und Hagia Sophia Ende Juli wird im Pontus so interpretiert, dass das reiche künstlerische Erbe des Kaisertums Trapezunt (das von 1204 bis 1461 bestand) für einen touristischen „Cluster“ genutzt werden soll. Das künstlerische Erbe des trapezuntinischen Staates (der durch seine Position an der Seidenstraße über große materielle Mittel verfügte) ist überaus eindrucksvoll. Allein in der relativ kleinen Stadt Trapezunt gab es 80 Kirchen, von denen die meisten bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch standen. Sehr viele dieser Gotteshäuser sind aber in den letzten 100 Jahren „verschwunden“.