Ukraine: Bildung der neuen Kirche soll ausschließlich auf freiwilliger Basis erfolgen

Staatspräsident Poroschenko versichert, dass die ukrainische Regierung “den vollen Respekt für die Religionsfreiheit der Gläubigen aller Denominationen” garantiert – “Patriarch” Filaret kündigt Bischofsversammlung an

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Foto ©: Bektour (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Kiew, 13.10.18 (poi) Der selbsternannte “Patriarch” von Kiew, Filaret (Denisenko), hat bei einer Pressekonferenz in Kiew versichert, dass die Bildung der angestrebten vereinigten orthodoxen Kirche in der Ukraine ausschließlich auf freiwilliger Basis erfolgen werde, “ohne Macht oder Gewaltanwendung”. Der Heilige Synod des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel hatte bei seiner jüngsten Sitzung die vom Moskauer Patriarchat über Filaret verhängten Strafmaßnahmen – Laisierung und Exkommunikation – aufgehoben und seine bischöfliche Würde bestätigt. Bei der Pressekonferenz betonte Filaret, er wolle keine “Rebellen” in der neu zu konstituierenden Kirche: “Wir wollen eine orthodoxe Kirche, die nicht nur äußerlich geeint ist, sondern auch im Geist. Wir brauchen Bischöfe, die dem ukrainischen Volk dienen, die den ukrainischen Staat gegen äußere Feinde verteidigen und nicht den Weg für Einmischungen von außen bereiten”.

Bereits “demnächst” werde eine Bischofsversammlung einberufen werden, an der die Bischöfe des “Kiewer Patriarchats” und der von Metropolit Makarij (Maletytsch) geleiteten “ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche” teilnehmen sollen, aber auch jene Bischöfe der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, die sich an der neuen Kirche beteiligen wollen. Bei dieser Bischofsversammlung soll auch die Wahl eines Patriarchen für die neue Kirche erfolgen. Erst ein solcher Patriarch könnte auch der Empfänger des vieldiskutierten “Tomos” sein, in dem der Ökumenische Patriarch die Autokephalie der neuen Kirche proklamiert.

Der Leiter der Pressestelle der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche, Wasilij Anisimow, erklärte vor Journalisten, dass seine Kirche an der von Filaret (Denisenko) initiierten Bischofsversammlung keinesfalls teilnehmen werde: „Wir sind eine kanonische Ortskirche. Warum sollten wir uns an der Bildung einer anderen Kirche beteiligen, noch dazu mit Leuten, die wegen verschiedener schwerer Vergehen suspendiert worden sind“. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche stehe in der „apostolischen Sukzession“, ihre Priester hätten die Gnadengabe Christi empfangen: „Unsere Kirche erfüllt ihre Heilsmission auf ukrainischer Erde und niemand stellt diese Mission in Frage, weder die anderen orthodoxen Kirchen der Welt noch die katholische Kirche – und auch die Schismatiker nicht“. Bei der Bischofsversammlung handle es sich um eine „rein politische Initiative“.

Derzeit ist noch nicht ganz klar, wie Filaret (Denisenko) von Konstantinopel hierarchisch eingestuft wird. Aus einer veröffentlichten Korrespondenz zwischen dem Moskauer Theologen und Blogger Andrej Kurajew und Erzbischof Job (Getcha), dem Repräsentanten des Ökumenischen Patriarchats beim Weltkirchenrat in Genf, geht hervor, dass Konstantinopel Filaret als “früheren Metropoliten von Kiew” ansieht. Auf eine Frage Kurajews nach dem hierarchischen Rang Filarets antwortete Erzbischof Job: “Meines Wissens ist er der frühere Metropolit von Kiew” (diese Funktion hatte Filaret bis 1992 inne). Kurajew zitierte in seinem Blog die Aussage von Filaret bei dessen Pressekonferenz, er sei Patriarch gewesen, er sei es jetzt und werde es auch in Zukunft sein. Der orthodoxe Blogger knüpfte daran die Bemerkung, dass Filaret durch sein Verhalten schon 2008 ein Autokephalie-Projekt zu Fall gebracht habe. Jetzt verhalte er sich wieder genauso.

Der ukrainische Staatspräsident Petro Poroschenko hatte noch am Donnerstagabend – unmittelbar nach der Veröffentlichung der Beschlüsse des Heiligen Synods des konstantinopolitanischen Patriarchats – betont, die ukrainische Regierung garantiere “den vollen Respekt für die Religionsfreiheit der Gläubigen aller Denominationen”. In der Ukraine gebe es keine Staatskirche, es habe nie eine gegeben und es werde auch in Zukunft keine geben. Niemand werde “gewaltsam” in die neue autokephale Kirche eingeladen werden.

Wörtlich erklärte der Präsident: “Für uns ist die eigene Kirche eine Garantie der spirituellen Freiheit. Das ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Harmonie. Ich garantiere, dass der ukrainische Staat die Entscheidung all jener respektieren wird, die in der Kirche verbleiben wollen, die mit der russisch-orthodoxen Kirche verbunden ist. Ich garantiere aber auch, dass der Staat die Rechte jener Priester und Laien aus der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats garantieren wird, die sich freiwillig entschließen, den Einfluss Moskaus zu verlassen, um gemeinsam mit anderen die autokephale ukrainische orthodoxe Kirche zu errichten”. Die gemeinsame Begründung einer unabhängigen Kirche könne kein Grund für Zwietracht, Konfrontation oder Gewalt sein, “das werden wir nicht zulassen”, so Poroschenko. Er betrachte die Gründung der neuen Kirche als Weg zu “Frieden, Trost und Verständigung”.

Wenn es Leute geben sollte, die Klöster oder Kirchen gewaltsam besetzen wollen, dann handle es sich um “Agenten Moskaus”, erläuterte der Präsident seine Sichtweise. Denn es sei das Ziel des Kremls, einen Religionskrieg in der Ukraine zu entfesseln: “Aber das ist nicht mein Plan, es ist nicht der Plan des ukrainischen Volkes und es ist nicht der Plan des ukrainischen Staates”.

Den ersehnten „Tomos“ aus Konstantinopel über die Proklamation der Autokephalie bezeichnete Poroschenko als eine weitere „Unabhängigkeitserklärung“ der Ukraine. Das „Imperium“ verliere damit eine der letzten Einflussmöglichkeiten in seiner früheren „Kolonie“, sagte der ukrainische Staatschef und fügte hinzu: „Die Frage von ‚Tomos‘ und Autokephalie geht weit über das kirchliche Leben hinaus, da sich ja der Staat eingeschaltet hat. Das ist eine Angelegenheit unserer Unabhängigkeit, unserer nationalen Sicherheit, unserer Staatlichkeit, der globalen Geopolitik“. Die Autokephalie für die Ukraine bedeute den Fall des „Dritten Rom“, des „ältesten Konzepts des Moskauer Anspruchs auf Weltherrschaft“, sagte Poroschenko  und meinte, die Autokephalie sei Teil der „proeuropäischen und proukrainischen staatlichen Strategie“, die seit vier Jahren konsequent verfolgt werde: „Das ist die Grundlage für unseren eigenen Weg der Entwicklung, der Entwicklung des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation“.

Poroschenko war am Dienstagabend mit dem Oberhaupt der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, Metropolit Onufrij (Berezowskij), zusammengetroffen. In ukrainischen Blogs wurde berichtet, der Metropolit sei bei der Unterredung ohnmächtig geworden, was vom stellvertretenden Leiter des Außenamts der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Nikolaj Danylewitsch, zurückgewiesen wurde.

Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow erklärte am Freitag, Gewaltakte auf Grund religiöser Auseinandersetzungen im Zug des Prozesses zur Erlang der Autokephalie der orthodoxen Kirche in der Ukraine seien inakzeptabel. Awakow appellierte an Politiker und andere öffentlich tätige Persönlichkeiten, Provokationen und Versuche der Destabilisierung zu vermeiden. Sein Ministerium werde für Sicherheit und Wahrung des Rechts sorgen. Wenn es darum gehe, Extremismus und Religionsstreit zurückzuweisen, werde man „hart durchgreifen“.