Ukraine: Die Autokephalie-Bewegung und ihre Geschichte

Die dramatischen Entwicklungen in der orthodoxen Kirche ab der Februar-Revolution von 1917 bis zu den jüngsten Auseinandersetzungen

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Kiew, 28.10.18 (poi) Die Auseinandersetzung zwischen den Patriarchaten von Konstantinopel und Moskau über die Zuerkennung der Autokephalie (Selbständigkeit) an die ukrainische orthodoxe Kirche (aber an welche?) beschäftigt die panorthodoxe, die ökumenische und die geopolitische Öffentlichkeit (letztere tut sich wegen mangelnder Vertrautheit mit kirchlichen Gegebenheiten eher schwer). Umso notwendiger erscheint es, die historische Entwicklung der letzten hundert Jahre in der Ukraine Revue passieren zu lassen. Ein orthodoxer Laie aus England – John M. Harwood – hat sich dieser Mühe unterzogen.

Ab der russischen Februarrevolution 1917 war die Ukraine (vor allem der Westen des Landes) Schauplatz endloser Kämpfe zwischen unterschiedlichen – einheimischen wie landfremden .- Gruppierungen, deren „Bosse“ vor allem daran interessiert waren, die eigene Kasse zu füllen. Es herrschte Chaos. Beteiligt waren (die Liste ist nicht vollständig): Die Repräsentanten der neuen republikanischen Regierung in Petrograd (vordem und heute wieder St. Peterburg), die Bolschewiki, die schon ziemlich ausgezehrten Truppen des österreichischen Kaisers und ungarischen Königs Karl und die seines preußisch-deutschen Verbündeten Wilhelm II., die Anhänger des von Berlin geförderten „Hetmans“ Pawlo P. Skoropadskij (kaiserlich-russischer General, Großgrundbesitzer, ukrainischer Nationalist), die Gefolgsleute des ab 1919 amtierenden ukrainischen Regierungschefs (und Letztverantwortlichen für viele Pogrome an der jüdischen Bevölkerung) Simon W. Petljura, die Gefolgsleute des russischen „weißen“ Generals Anton I. Denikin, die Mitverschworenen des ukrainischen Anarchisten Nestor Machno, sowie die bewaffneten Kräfte von mindestens zwei „Nachbarnationen“: Rumänien und das nach 200 Jahren unter dem Schutz der sogenannten „Mittelmächte“ wiedererstandene Polen. Intensiviert wurde dieser Kampf aller gegen alle (mit ständig wechselnden Koalitionen) durch den seltsamen Friedensschluss der „Mittelmächte“ mit dem neuen Sowjetregime vom 3. März 1918 in Brest-Litowsk, ein Gewaltfriede, in dem sich die Siegesphantasien der jungen Ministerialräte vom Wiener Ballhausplatz und aus der Berliner Wilhelmstraße und ihrer militärischen Komplicen spiegelten.

Das Chaos musste Auswirkungen auch auf die kirchliche Szene haben. Es begann mit dem Martyrium des – heilig gesprochenen – Metropoliten Kiewer Metropoliten Wladimir (Bogojawlenskij; 1848-1918). Der Metropolit hatte eine schwierige Lebensgeschichte: Sein Vater wurde ermordet, nach dem Tod seiner Gattin und des einzigen Kindes trat der junge Priester 1886 in ein Kloster in Tambow ein. Zwei Jahre später wurde er zum Auxiliarbischof für Nowgorod geweiht. 1912 wurde er Metropolit von St. Peterburg und Mitglied des „Heiligsten Dirigierenden Synods“, der damals die russisch-orthodoxe Kirche leitete. 1915 wurde er nach Kiew versetzt, 1917 wurde er auf Anordnung von Fürst Georgij J. Lwow, dem ersten Ministerpräsidenten der neuen republikanischen Regierung, aus dem Synod entfernt.

Als Ende 1917 die ersten Rufe nach einer „unabhängigen“ ukrainischen orthodoxen Kirche auftauchten, warnte Metropolit Wladimir davor, weil dies den „Feinden der Kirche“ nützen werde. Im Verlauf der Kämpfe um die Vorherrschaft in Kiew besetzten die Bolschewiken am 23. Jänner 1918 das Höhlenkloster. Was dann geschah, ist bis heute unklar, jedenfalls wurde der Metropolit getötet. Er wurde in der Michaelskirche des Höhlenklosters bestattet, wo er die letzten Tage seines Lebens im ständigen Gebet zugebracht hatte.

Als eigentlicher Beginn der Autokephalie-Bewegung kann – so John M. Harwood – der 29. Juni 1919 angesehen werden, als der Priester Basil Lipowskij in der Kiewer Sophienkathedrale die Göttliche Liturgie in ukrainischer Sprache zelebrierte – gegen die ausdrückliche Anordnung seines Bischofs. Die bolschewistischen Behörden unterstützten zu diesem Zeitpunkt alle ukrainischen nationalen Bestrebungen, ebenso waren sie an schismatischen Strömungen in der Orthodoxie interessiert, um die Kirche zu schwächen. Der eigentliche Bruch erfolgte am 23. Oktober 1921, als Lipowskijs Gruppe mit aktiver Unterstützung durch die sowjetukrainische Regierung ihre eigene kirchliche „Rada“ begründete und Lipowskij zugleich zum „Metropoliten der ‚Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche‘“ proklamierte. Aber kein Bischof war bereit, sich der Gruppe anzuschließen. So beschlossen sie, Lehre und Kirchenrecht beiseite zu lassen und Lipowskij selbst unter Gebet „die Hände aufzulegen“. Das trug den „Autokephalen“ den Spitznamen „die Selbstgeweihten“ ein. „Metropolit“ Lipowskij hielt es nicht ab, umgehend fünf weitere Bischöfe zu weihen. Der Synod der neuen Kirche verkündete seine vollständige Trennung von der russisch-orthodoxen Kirche und distanzierte sich von den Entscheidungen des Moskauer Landeskonzils von 1917/18.

Aber die Bolschewiki ermutigten in der Ukraine auch andere schismatische Gruppierungen, vor allem den ukrainischen Zweig der russischen „Erneuerer“-Kirche. Sowohl die „Autokephalen“ als auch die „Erneuerer“ führten die ukrainische Liturgiesprache ein, auch verheiratete Bischöfe, sie eröffneten verwitweten oder verlassenen Priestern die Möglichkeit zur Wiederheirat, wandelten die Klöster in „Arbeitskollektive“ um und unterstützten vor allem die sowjetukrainischen Behörden.

Nach Ansicht Harwoods wurden die „Autokephalen“ vor allem von der Intelligenz, den Parteigängern Petljuras und einem Teil des verheirateten Pfarrklerus unterstützt. Aber zu keinem Zeitpunkt hätten die „Autokephalen“ die Mehrheit der orthodoxen Christen in der Ukraine hinter sich gehabt. Beim Kirchenkonzil im Juni 1918 hätten die Befürworter der Autokephalie nur ein Drittel der Stimmen kontrolliert, Mitte der 1920er-Jahre habe die „Ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“ nach Jahren der Unterstützung durch die Regierung und gleichzeitig der ständigen Belästigung der kanonischen orthodoxen Kirche höchstens elf Prozent der noch funktionierenden Pfarrgemeinden umfasst. Die große Mehrheit der orthodoxen Gläubigen sei dem Moskauer Patriarchen Tichon treu und mit den verfolgten Schwestern und Brüdern in anderen Teilen des sowjetischen Staates solidarisch geblieben.

1929 veränderte sich die Parteilinie. Stalin begann die Attacke auf den „bourgeoisen Nationalismus“, eine „Verschwörung“ zur Wiedereinführung des Privateigentums und zur Abtrennung der Ukraine von der Sowjetunion wurde „aufgedeckt“. Viele ukrainische kulturelle Führungspersönlichkeiten verschwanden im „GuLag“, während der 1930er-Jahre wurden alle „autokephalen“ Bischöfe verhaftet (ebenso jene der kanonischen Kirche und auch die immer loyalen „Erneuerer“). Von den 35 Bischöfen, die Lipowskij geweiht hatte, war 1938 keiner mehr am Leben. Der einzige Überlebende war John Theodorovich, der zur Seelsorge der ukrainischen Immigranten nach Kanada entsandt worden war. Viele dieser Immigranten waren frühere griechisch-katholische (unierte) Gläubige.

Theodorovich verfasste eine leidenschaftliche theologische Verteidigung der Weihe von Bischöfen „ohne Bischöfe“. 1949 ließ er sich aber von einem Teil seines Klerus überzeugen, dass er eine „gültige“ Weihe durch einen Bischof empfangen sollte, der seinerseits die Weihe durch die polnisch-orthodoxe Kirche und einen eher vagen griechischen Bischof empfangen hatte, der sich auf die Kirche von Alexandrien berief.

Im Juni 1941 marschierten die Deutschen ohne Kriegserklärung in der Sowjetunion ein. Sie rückten so rasch vor, dass sie innerhalb von drei Monaten fast die ganze Sowjetukraine okkupiert hatten. Zu diesem Zeitpunkt waren in der Ukraine nur mehr wenige Kirchen offen, aber die Deutschen erlaubten die Wiederbelebung des Kirchenlebens. Zwei rivalisierende bischöfliche Synoden tauchten auf. Auf der einen Seite die sogenannten „Autonomisten“ (die den Metropoliten – später Patriarchen – Sergej Stragorodskij kommemorierten, aber keine direkte Kommunikation mit ihm hatten) und die „Autokephalen“, die natürlich keinen Oberen hatten. Die „autokephalen“ Bischöfe waren vom Metropoliten von Warschau geweiht – und damit technisch gesehen „kanonisch“ –, aber sie nahmen rasch Kontakt mit dem überlebenden Klerus der Lipowskij-Linie auf, der unter den neuen Bedingungen wieder an die Oberfläche gekommen war.

Ein anderes Problem der „autokephalen“ Bischöfe bestand darin, dass sie vor allem politische Figuren waren (die Deutschen bekamen das bald mit und nannten sie „Politiker im Talar“). Das Oberhaupt der „Autokephalen Kirche“ in der okkupierten Ukraine war Polykarp Sikorskij, der während des ukrainischen Bürgerkriegs Leiter der Kanzlei von Petljuras Ministerrat war; Bischof Iwan Ohienko war Religionsminister im Kabinett Petljura und Mstyslaw Skrypnyk (der später zum selbsternannten Patriarchen aufsteigen sollte) war Petljuras Neffe und sein Sekretär.

Trotz ihrer Verachtung für solche Hierarchen, bevorzugten die Deutschen im allgemeinen die „Autokephalen“ und deren Bestrebungen zur „Ukrainisierung“. Zweifellos habe es während der relativ kurzfristigen deutschen Besatzung – so Harwood – ein „Revival“ des kirchlichen Lebens gegeben, wenngleich es an präzisen Statistiken mangle. Man könne nur davon ausgehen, dass dieses „Revival“ in Kiew und den westlichen Landesteilen intensiver war als in den östlichen. Nach Harwoods Angaben gab es in Kiew und Umgebung 798 offene orthodoxe Kirchen, von denen 500 zur „autonomen“ und 298 zur „autokephalen“ Kirche gehörten. 600 „autonome“ und 434 „autokephale“ Priester waren im Einsatz. Alle Berichte würden daraufhin deuten, dass die Unterstützung der „Autokephalen“ für die von Lipowskij und seinen Gefolgsleuten geweihten Priester wesentlich dazu beitrug, dass die Gläubigen diese Richtung ablehnten.

Beim Rückzug der Deutschen sei rund die Hälfte der „autonomen“ Bischöfe und alle „autokephalen“ Bischöfe mit ihnen geflüchtet. In der Folge seien in Europa und Nordamerika „autokephale“ Pfarrgemeinden dieser Fluchtgeneration begründet worden. Keine der offiziellen orthodoxen Kirchen haben jemals eine dieser Gemeinden anerkannt. Auch von den ukrainischen „autokephalen“ Bischöfen habe es niemals ein Wort der Buße über die Aktionen Basil Lipowskijs im Jahr 1921 gegeben.

Trotzdem seien die „Autokephalen“ 1990 in Kanada und 1994 in den Vereinigten Staaten unter das Omophorion des Ökumenischen Patriarchats genommen worden (die beiden jetzt nach Kiew entsandten Exarchen stammen aus dieser Linie). In der Orthodoxie habe das anfangs einige Diskussionen ausgelöst, die aber bald eingeschlafen seien, als sich herausstellte, dass von den „heterodox“ geweihten ukrainischen Priestern der 1920er-Jahre niemand mehr am Leben war.

Als die „Perestrojka“ in der noch bestehenden Sowjetunion dazu führte, dass die Einschränkungen der Religionsfreiheit aufgehoben wurden, konnten Ende der 1980er-Jahre in der Ukraine sowohl die griechisch-katholische unierte Kirche als auch die „autokephale“ Kirche aus den Katakomben wieder in das Licht der Öffentlichkeit kommen.

Es folgte eine „Periode der Konfusion“, wie Harwood schreibt. Russisch-orthodoxer Metropolit von Kiew (und Exarch des Moskauer Patriarchen für die ganze Ukraine) war zu diesem Zeitpunkt Filaret (Denisenko), der jetzt wieder viel von sich reden macht und zuvor u.a. russisch-orthodoxer Pfarrer und dann Bischof seiner Kirche in Wien gewesen war (wo sich ältere Mitglieder der Gemeinde der Nikolauskathedrale in der Jauresgasse im 3. Wiener Bezirk sich noch seiner erinnern). Filaret strebte an, zum neuen Patriarchen von Moskau gewählt zu werden. Das trat nicht ein, stattdessen wurde Aleksij (Ridiger), Metropolit von St.Peterburg (und zuvor im heimatlichen estnischen Rewal/Talliin), zum Patriarchen gewählt.

In der Ukraine hatte sich die „autokephale“ Kirche wieder konstituiert und den mittlerweile 92-jährigen Mstyslaw (Skrypnik) eingeladen, als „Patriarch“ in die Heimat zurückzukehren. Mstyslaw wurde 1990 inthronisiert, entschloss sich aber bald danach zur Rückkehr ins heimatliche New Jersey. Filaret kündigte an, er werde sich der „autokephalen“ Kirche anschließen und als Exarch für den in den USA lebenden „Patriarchen“ Mstyslaw fungieren. Dagegen gab es massive innerkirchliche Opposition, nach dem Tod von „Patriarch“ Mstyslaw 1993 kam es im Bereich der „Autokephalen“ zu einer Kirchenspaltung. Die eine Richtung bezeichnete sich als „ukrainische orthodoxe Kirche (Kiewer Patriarchat)“ unter Filaret, der sich selbst zum „Patriarchen“ erhob. Die andere Richtung bezeichnete sich als „ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“ unter „Patriarch“ Dmitrij (Jarema). Nach dem Tod von „Patriarch“ Dmitrij im Jahr 2000 verzichtete das Oberhaupt der „ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche“ – derzeit Metropolit Makarij (Maletytsch) – auf den Patriarchentitel und knüpfte enge Verbindungen mit der ukrainischen Orthodoxen in Kanada (und damit indirekt auch mit Konstantinopel).

Als Filaret (Denisenko) seine eigenen Wege ging  -und in der Folge unter dem Beifall aller offiziellen orthodoxen Kirchen von Moskau laisiert und exkommuniziert wurde – wählte die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats Wladimir (Sabodan) zum Metropoliten von Kiew und Oberhaupt der ukrainischen Kirche. Metropolit Wladimir war bis zu seinem Tod im Jahr 2014 überall in der Ukraine überaus angesehen, praktisch alle orthodoxen Klöster unterstellten sich ihm. Auch unter seinem Nachfolger, Metropolit Onufrij (der zuvor Metropolit in Cerniwcy/Cernauti, dem altösterreichischen Czernowitz, war) verblieb die große Mehrheit der Pfarren, Klöster und Seminare unter dem Omophorion der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die in allen Belangen (auch bei der Wahl der Bischöfe und in finanziellen Fragen) völlig unabhängig ist.

John M. Harwood machte darauf aufmerksam, dass die beiden (bisher als schismatisch geltenden) Gruppierungen – „Kiewer Patriarchat“ und „ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“ – regional sehr unterschiedlich vertreten sind. Die zahlenmäßig kleine „ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“ gebe es vor allem im alten Galizien, das bis 1939 polnisch und davor bis 1918 österreichisch war; die Gläubigen dieser Kirche seien Nachfahren von griechisch-katholischen „unierten“ Gläubigen. Auch die Präsenz des „Kiewer Patriarchats“ sei im Süden, Osten und Norden der Ukraine eher „dünn“. Auch die Hochburgen des „Kiewer Patriarchats“ befänden sich im alten Galizien, in Wolhynien, in Rowno und in der Provinz Kiew.

In seiner Schlussbemerkung erinnerte Harwood – der keine russischen „Connections“ hat – an die Feier in Hoffnung auf einen von Konstantinopel ausgestellten „Tomos“ am 14. Oktober auf einem Kiewer Innenstadtplatz in unmittelbarer Nähe zum Höhlenkloster. Staatspräsident Petro Poroschenko und „Patriarch“ Filaret hätten das Wort ergriffen, ukrainische Flaggen seien geschwenkt worden, die überschaubare Menge habe nationale Parolen gerufen. Aber, so Harwood: „Niemand hat eine Ikone hochgehalten. Jedem, der persönliche Kenntnis des kirchlichen Lebens in der Ukraine hat, wurde damit eine unmissverständliche Botschaft vermittelt: Diese Ereignisse werden nicht von den Gläubigen unterstützt“.