Ukraine-Frage stürzt orthodoxe Kirche von Zypern in Krise

Erzbischof Chrysostomos II. hatte ohne Rücksprache den Metropoliten der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“, Epifanij (Dumenko), in der Liturgie genannt

0
75
Foto: © Presidential Press and Information Office/Kremlin.ru (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Nicosia-Moskau, 24.10.20 (poi)   Die orthodoxe Kirche von Zypern ist wegen der Ukraine-Frage in eine Krise gestürzt. Am Samstagmorgen hatte das Oberhaupt der autokephalen Kirche von Zypern, Erzbischof Chrysostomos II., bei der Weihe des neuen Bischofs von Arsinoe den Namen von Metropolit Epifanij (Dumenko) von Kiew (Oberhaupt der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ ) kommemoriert. Die Anerkennung dieser Kirche und ihres Oberhaupts spaltet seit Dezember 2018 die Weltorthodoxie. Noch bevor die Göttliche Liturgie beendet und die Bischofsweihe erteilt war, verließ Metropolit Athanasios (Nikolaou) von Limassol zum Zeichen des Protests  die Klosterkirche in Paphos, wo der Gottesdienst stattfand. Metropolit Athanasios sagte vor Journalisten, er habe seinen Ohren nicht getraut, als er den Namen des „schismatischen Metropoliten Epifanij“ hörte. Im Verlauf des Tages veröffentlichte Metropolit Athanasios gemeinsam mit den Metropoliten Nikiphoros (Kykkotis) von Kykkos, Isaias (Kykkotis) von Tamasos und Bischof Nikolaos (Timiadis) von Amathous eine scharfe Verurteilung der Haltung von Erzbischof Chrysostosmos II., der mit der Nennung des Namens von Epifanij (Dumenko) in der Liturgie die Autokephalie der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ anerkannt habe. Die zypriotischen Bischöfe stellten prinzipiell die Befugnis des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Frage, Epifanij (Dumenko) zum Primas der Ukraine zu proklamieren. Vor einer solchen Maßnahme hätte der Ökumenische Patriarch den „kanonischen Metropoliten von Kiew, Onufrij (Berezowskij), in Übereinstimmung mit dem Moskauer Patriarchat, zu dem Onufrij gehöre“  befragen müssen. Ebenso hätte die Zustimmung aller autokephalen orthodoxen Kirchen gesucht werden müssen. Die Verleihung der „Autokephalie an schismatische Strukturen“ durch Patriarch Bartholomaios I. stelle eine „nichtkanonische und nichtkirchliche Aktion“ dar, so die vier zypriotischen Bischöfe.

Die Bischöfe bedauern die „unzeitige Aktion“ von Chrysostomos II., die zu einem kritischen Zeitpunkt erfolge, in dem Zypern durch die türkischen Aktionen bedroht sei, die „unsere Nation zutiefst in Gefahr bringen“. „Wir fordern den Erzbischof auf, seinen unkanonischen und ungültigen Akt sofort zurückzunehmen“, stellten die vier Bischöfe fest. Zugleich appellieren sie an die anderen zypriotischen Bischöfe, zur Behandlung dieser Frage die Einberufung einer außerordentlichen Sitzung des Heiligen Synods zu verlangen.

Der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew) , erklärte am Samstag, die russische Kirche sei „sehr traurig“ über die Ereignisse auf Zypern. Die russische Reaktion werde vom Heiligen Synod des Moskauer Patriarchats festgelegt werden. Metropolit Hilarion hält es für möglich, dass Erzbischof Chrysostomos II. in der russischen Kirche nicht mehr in der Liturgie genannt wird (wie es auch für den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. gilt). Man müsse aber klarstellen, ob es sich am Samstagmorgen um eine persönliche Entscheidung von Chrysostomos II. gehandelt habe oder um einen Beschluss des Heiligen Synods der Kirche von Zypern.  Die russische Kirche werde jedenfalls mit jenen zypriotischen Hierarchen in Kommunion bleiben, die sich nicht der Haltung von Chrysostomos II. anschließen. Auch die russische Pilgerbewegung werde sich auf jene zypriotischen Städte konzentrieren, deren orthodoxe Bischöfe sich von der Haltung  von Chrysostomos II. distanzieren.

Metropolit Hilarion prangerte zugleich die „Fake news“ an, die in Umlauf gebracht werden. So gebe es angebliche Interview-Aussagen von Chrysostomos II., dass er dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. gesagt habe, dieser werde nie „der Erste“ in der Orthodoxie sein. Eine solche Diskussion habe nie stattgefunden, sagte Metropolit Hilarion, der bei allen Begegnungen zwischen Chrysostomos II. und Kyrill I. anwesend war. „Im Übrigen hat die russisch-orthodoxe  Kirche nie die Primatialgewalt über die orthodoxe Kirche  verlangt“, so Metropolit Hilarion. Metropolit Hilarion äußerte die Vermutung, dass sowohl der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. (der am 22.Oktober den 29. Jahrestag seiner Wahl beging) als auch Kräfte um den  US-amerikanischen Außenminister Michael Pompeo Druck auf Chrysostomos II. ausgeübt hätten. Die amerikanische Politik wolle die Orthodoxie insgesamt schwächen, indem sie eine „griechische“ gegen eine „slawische“ Strömung aufbauen möchte.

Erzbischof Chrysostomos II. sagte im Gespräch mit zypriotischen Journalisten, seine Entscheidung habe „der Orthodoxie und der Kirche von Zypern“ gedient. Es sei richtig, dass er dem Ökumenischen Patriarchen mitgeteilt habe, dass die Kirche von Zypern in Sachen Ukraine eine neutrale Position einnehmen werde.  Aber jetzt habe er das Gefühl gehabt, dass er Stellung nehmen müsse, sagte der zypriotische Erzbischof. Aber er sei sich bewusst, dass die Mitglieder des Heiligen Synods seiner Kirche nichts von seiner Entscheidung gewusst hätten.

Der Kanzler der ukrainisch-orthodoxen Kirche (des Moskauer Patriarchats), Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Boryspol, plädierte dafür,  auf offizielle Informationen aus Nicosia zu warten. Es sei  bekannt, dass der Heilige Synod der Kirche von Zypern eine andre Ansicht vertrete als sie Chrysostomos II. am Samstagmorgen zum Ausdruck gebracht habe. Vor allem müsse man aber ins Kalkül ziehen, dass sich die „geopolitischen Interessen“ diverser Großmächte in die kirchlichen Angelegenheiten einmengen. Leider seien sowohl die Weltorthodoxie als auch einzelne orthodoxe Kirchen Opfer dieses Prozesses. Die Entscheidungen unter dem Diktat „der Mächte dieser Welt“ führten freilich in den Abgrund.

Metropolit Epifanij von Kiew nahm die Nachricht aus Nicosia über die Vorgangsweise von Chrysostomos II. mit Begeisterung auf. Er verwies auf Facebook darauf, dass die Kirche von Zypern jetzt – mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, der orthodoxen Kirche von Griechenland und dem Patriarchat von Alexandrien – die vierte autokephale orthodoxe Kirche sei, die die neugegründete „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ anerkannt hat.