Ukraine: Griechisch-katholische Kirche ist „Katalysator“, nicht „Stolperstein“ der Ökumene

Großerzbischof Schewtschuk zog in Interview positive Bilanz der Begegnung der ukrainischen Metropoliten mit Papst Franziskus und den Spitzenfunktionären der römischen Kurie am 5./6. Juli: „Man konnte hören und wurde gehört“ – Außerordentliche Bedeutung des Ökumene-Dokuments „Missio Oecumenica“ und des neuen ukrainischen Katechismus „Christus, unser Ostern“

0
87
Foto: © Олег Чупа (Quelle: Wikimedia; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Kiew-Rom, 08.07.19 (poi) Die ökumenische Berufung der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche hat deren Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk nach der zweitägigen Begegnung mit Papst Franziskus und den Spitzenfunktionären der römischen Kurie (5./6. Juli) in einem Interview mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur ACI betont. „Wir sind seit 30 Jahren frei und haben eine ökumenische Wandlung erlebt“, sagte der Großerzbischof von Kiew und Halytsch (Galizien). Als der Eiserne Vorhang zusammengebrochen sei, „konnte die griechisch-katholische Kirche aus den Katakomben steigen und den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils leben, vor allem dessen ökumenischen Geist“. Freilich sei die ökumenische Situation in der Ukraine  in den 1990er-Jahren schwierig gewesen, weil die griechisch-katholischen Christen „als Feinde“ deklariert wurden, auch deshalb, weil sie „ihre vom stalinistischen Regime enteigneten Gotteshäuser zurückhaben wollten“. Aber jetzt würden die Unierten als „Brüder“ gesehen.

Die griechisch-katholische Kirche sei daran interessiert, mit allen christlichen Kirchen in der Ukraine in Kontakt zu treten, vor allem mit den orthodoxen Kirchen, betonte Großerzbischof Schewtschuk: „Wir suchen jede Möglichkeit zur Zusammenarbeit, vor allem, wenn es darum geht, der vom Krieg betroffenen Bevölkerung zu helfen“. Kardinal Kurt Koch, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, habe das vom Synod der griechisch-katholischen Kirche erarbeitete Dokument „Missio Oecumenica“ sehr positiv bewertet. Die griechisch-katholische Kirche plädiere in diesem Dokument für eine „inklusive Ekklesiologie“, die niemanden ausschließe und auch im „getrennten Bruder“ den zu respektierenden und zu liebenden Bruder sehe. „Missio Oecumenica“ gehe von der heutigen Situation aus und setze auf jene Horizonte, die zum Dialog und zur „Reinigung des Gedächtnisses“ führen, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Kardinal Koch habe das Dokument als „Zeichen der ökumenischen Reife“ betrachtet, es sei ein Zeugnis dafür, dass die griechisch-katholische Kirche nicht ein „Stolperstein“, sondern ein „Katalysator“ des Ökumenismus sei.

Aus vielen Gründen habe die ukrainische griechisch-katholische Kirche derzeit keinen offiziellen Dialog mit den orthodoxen Kirchen, erinnerte Schewtschuk. Aber sobald ein solcher Dialog aufgenommen sei, „vielleicht durch bilaterale Begegnungen mit jeder der ukrainischen orthodoxen Kirchen“, werde es darum gehen, die Früchte des ökumenischen Dialogs auf Weltebene auch im lokalen pastoralen Kontext anzuwenden. Ein erstes Thema werde die Anerkennung der Gültigkeit der Sakramente sein „und damit ein Ende der Praxis, die Gläubigen anderer Konfessionen wiederzutaufen“.

Ein weiteres zentrales Thema des römischen Treffens sei die Weitergabe des Glaubens und die Evangelisierung gewesen, berichtete der Großerzbischof in dem Interview. Papst Franziskus sei am neuen ukrainischen griechisch-katholischen Katechismus „Christus, unser Ostern“ besonders interessiert gewesen. In der Vergangenheit hätten viele katholische Ostkirchen – auch die ukrainische – einfach die Katechismen der lateinischen Kirche in ihre Sprachen übersetzen lassen. Mit diesem Vorgang sei oft eine „Latinisierung“ der Theologie und der spirituellen Frömmigkeit Hand in Hand gegangen. Der Katechismus „Christus, unser Ostern“ dagegen sei keine Übersetzung, sondern „Frucht der Arbeit der griechisch-katholischen Kirche“. Das komme zum Beispiel in der Art und Weise zum Ausdruck, wie aus östlicher Sicht das Petrus-Amt gesehen werde. Im Gespräch mit Kardinal Luis Ladaria, dem Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, hätten die ukrainischen Bischöfe die „byzantinische Vision der Katholizität der Kirche“ dargelegt – als einer Gemeinschaft von Ortskirchen, die vom Nachfolger des Heiligen Petrus garantiert und gefördert wird. Die ukrainische griechisch-katholische Kirche umfasse Metropolien in der Ukraine, in Kanada, den USA, Brasilien, Argentinien usw., die untereinander und mit dem Petrus-Nachfolger in Gemeinschaft leben. Diese Verbindung schade der spezifischen ukrainischen Tradition nicht, sondern fördere sie. Wörtlich sagte Schewtschuk in diesem Zusammenhang: „Vielleicht kann diese unsere Tradition, die Gemeinschaft der Kirche zu leben, ein Beitrag zur Entwicklung eines Konzepts der Synodalität und der gesunden Dezentralisierung sein, von dem Papst Franziskus oft spricht“.

 

„Nicht mehr Nation und Sprache“

Der Katechismus habe sich jedenfalls als „fundamentales Instrument“ der Einheit der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche erwiesen, betonte der Großerzbischof. Es gebe bereits russische, englische, portugiesische, spanische Ausgaben des Katechimus, die polnische und die deutsche stünden vor der Fertigstellung, die italienische  sei in Arbeit. Auch bei der kommenden Tagung des Heiligen Synods der ukrainischen Kirche von 1. bis 10. September in Rom (aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums der Basilika Santa Sofia) werde die einheitsstiftende Kraft des Katechismus „Christus, unser Ostern“ zum Ausdruck kommen. Bei einer weltweiten Umfrage, was sie mit der griechisch-katholischen Kirche verbinde, hätten die Gläubigen unisono geantwortet: Die östliche Spiritualität und die Tradition der Kirche von Kiew. Er sei selbst erstaunt gewesen, dass auch chinesischstämmige Gemeinden seiner Kirche in Nordamerika diese Antwort gegeben hätten, sagte Schewtschuk: „Es ist nicht mehr die Nation und die Sprache, die das Fundament der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche bilden, sondern die Erfahrung der Menschwerdung des Wortes Gottes in der Geschichte der Gemeinschaft unserer Kirche“. Der Katechismus bringe die Identität der ukrainischen Kirche zum Ausdruck, er sei ein vitales Instrument für die Evangelisierung.

Die ukrainische Kirche zeige damit, dass östliches Christentum nicht bedeute, mit merkwürdigen Gewändern herumzulaufen oder besondere Riten zu praktizieren, so der Großerzbischof. Es sei vielmehr eine besondere Art des Christseins, die sich „in der Theologie“ ausdrückt, im „Verständnis des Geheimnisses Gottes, in der Art und Weise, wie der Glaube im Alltag gelebt und wie die kirchliche Gemeinschaft aufgebaut wird“. Die Aufgabe der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche heute sei es, ihre Erfahrungen zu teilen. Aus diesem Vorgang würden die chinesischen, spanischen, portugiesischen usw. Gemeinden erwachsen.

 

„Drei Träume“

Im Hinblick auf die vielzitierten drei „Träume“ der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche – Papstreise in die Ukraine, Rangerhöhung zum Patriarchat, Seligsprechung von Metropolit Andrej Scheptyzkyj (von 1900 bis 1944 griechisch-katholischer Oberhirte von Lemberg/Lwiw) – sagte Schewtschuk im ACI-Interview, die Verwirklichung der „Träume“ sei am 5./6. Juli näher gerückt. Die ukrainischen Bischöfe hätten den Papst gebeten, in die Ukraine zu kommen, „damit der Krieg aufhört“. Papst Franziskus habe geantwortet, er werde darüber nachdenken. Im Hinblick auf das Patriarchat gehe es nicht um einen Ehrentitel, sondern um eine Möglichkeit zur Verbesserung der Arbeit der Kirche. „Unsere Kirche, ihre Entwicklung und ihre Blüte sind keine Gefahr für unsere orthodoxen Brüder. Wir sind nicht ‚gegen irgendjemanden‘, sondern für den ‚Einen‘“, betonte der Großerzbischof. Nach offiziellen Angaben würden jedes Jahr eine Million Ukrainer das Land verlassen, „es bedarf einer pastoralen Begleitung dieser Migranten“. Alles spreche für ein Patriarchat, denn die ukrainische griechisch-katholische Kirche sei zwar in der Ukraine verankert, aber sie sei längst eine globale Kirche geworden. Es sei übrigens Metropolit Scheptyzkyj gewesen, der das als erster verstanden habe. In seiner Zeit habe die Kirche drei Eparchien in der westlichen Ukraine gehabt, heute gebe es 34 Eparchien in aller Welt. Scheptyzkyj habe unermüdlich Pastoralreisen in viele Länder unternommen, um die ukrainischen Gläubigen zu besuchen.

Mit der Begegnung am 5./6. Juli im Vatikan habe  Papst Franziskus deutlich gemacht, dass er den „Uniatismus“ von der Existenz der katholischen Ostkirchen unterscheide, unterstrich der Großerzbischof von Kiew und Halytsch in dem ACI-Interview. Als Methode zur Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit der Kirche seit der „Uniatismus“ vorbei, „das sagen auch wir katholischen Ostchristen“. Diese Methode habe dazu geführt, dass Kirchen gespalten worden seien, es sei zu noch mehr Spaltungen und zu keiner Heilung der Verwundungen gekommen. Aber leider werde die Kritik am „Uniatismus“ oft auch dazu verwendet, die Existenz der katholischen Ostkirchen in Frage zu stellen. Die ukrainische griechisch-katholische Kirche habe sich in den letzten 30 Jahren außerordentlich gut entwickelt, der Papst schätze das Leben und die Vitalität dieser Kirche. Die Begegnung am 5./6. Juli habe zugleich „Synodalität in Aktion“ gezeigt: Der Papst, die Kurienfunktionäre und die ukrainischen Bischöfe seien um einen Tisch gesessen, „man konnte hören und wurde gehört“.

 

„Ein Kolonialkrieg“

In dem Interview ließ Schewtschuk keinen Zweifel an seiner Sichtweise der Situation in der Ukraine: „Der Krieg in der Ukraine ist ein Kolonialkrieg, der im Herzen Europas erfolgt, mit der Absicht, ein System nach Art der Sowjetunion, ein Imperium wiederherzustellen“. Daher hätten die Bischöfe dem Papst den Wunsch der Ukrainer zur Verteidigung des Landes dargelegt. Wiederholt zitierte der Großerzbischof das von dem antillenfranzösischen Psychiater, Schriftsteller und Revolutionär Frantz Fanon entwickelte Konzept der „Entkolonialisierung“. U.a. sagte er, die Ukraine sei „ein Volk auf dem Weg zur Entkolonialisierung“. Ein „Aggressor“ – die Russische Föderation – führe einen „Kolonialkrieg“ gegen die Ukraine, damit das Land Peripherie eines großen Imperiums bleibe. Die großen ökumenischen Fortschritte im Westen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien dem „Prozess der Entkolonialisierung“ zu verdanken, so Schewtschuk. Als damals das spirituelle Leben von weltlichen und geopolitischen Interessen befreit worden sei, hätten die Kirchen die Fähigkeit zum Dialog wiedergewonnen. In der Ukraine – „und auf dem ganzen Territorium der ehemaligen Sowjetunion“ – bestehe das Problem des Ökumenismus darin, dass „die Entkolonialisierung nicht stattgefunden hat“.