Ukraine: Konstantinopel und Moskau wollen sich nicht auseinanderdividieren lassen

Hochrangige Delegation der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats war auf Einladung von Bartholomaios I. im Phanar – Es geht nicht um „Legalisierung“ des innerorthodoxen Schismas in der Ukraine, sondern um „Heilung“ auf der Basis des kanonischen Rechts

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Foto: В'ячеслав Ол (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Konstantinopel-Kiew, 25.06.18 (poi) Die orthodoxen Patriarchate von Konstantinopel und Moskau wollen sich durch das ukrainische Schisma nicht auseinanderdividieren lassen. Am Samstag traf eine hochrangige Delegation der (autonomen) ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats im Phanar mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. auf dessen Einladung zu einer Aussprache zusammen. Die Aussprache, an der von konstantinopolitanischer Seite u.a. auch Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Paris, der emeritierte Metropolit Ioannis (Zizioulas) und Metropolit Bartholomaios (Samaras) von Smyrna (Izmir) teilnahmen, dauerte mehr als fünf Stunden. Teilnehmer von ukrainisch-orthodoxer Seite waren u.a. Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Boryspol, Metropolit Agafangel (Sawwin) von Odessa, Metropolit Hilarion (Schukalo) von Donezk und Mariupol, Metropolit Feodor (Gajun) von Kamenez Podolskij (auch der Werchowna Rada-Abgeordnete Wladimir Nowinskij nahm teil). Die ukrainische Delegation kam im Auftrag des Kiewer Metropoliten Onufrij (Berezowskij) an den Bosporus und überbrachte die Einladung zur Entsendung eines Repräsentanten Konstantinopels zu den bevorstehenden 1.030-Jahr-Feiern der Taufe der „Kiewer Rus“. In den letzten Wochen hatte sich zwischen Konstantinopel und Moskau viel Unbehagen aufgestaut, nachdem von ukrainischer politischer Seite an den Ökumenischen Patriarchen die Forderung herangetragen worden war, einer (aus den beiden schismatischen orthodoxen Gruppierungen des Landes) neu zu schaffenden orthodoxen Kirche die Autokephalie zu verleihen.

Metropolit Antonij, der auch der Verwaltungschef der ukrainisch-orthodoxen Kirche ist, erklärte vor Journalisten, Ziel der Vorsprache im Phanar sei es gewesen, „objektive Informationen über die Probleme der Orthodoxie in der Ukraine“ zu überbringen und vom Ökumenischen Patriarchen persönlich zu hören, ob es tatsächlich sein Wunsch sei, „demnächst“ die Autokephalie einer neuen ukrainischen Kirche zu verkünden, wie das in den regierungsnahen ukrainischen Medien dargestellt werde. Der Ökumenische Patriarch habe deutlich gemacht, dass er sich nicht einmischen, sondern in seiner Verantwortung als „Erster unter Gleichen“ helfen wolle. Im Phanar sei betont worden, dass die Leute, die von einem bereits fertigen Text für den „Tomos“ zur Proklamation der Autokephalie einer neuen orthodoxen Kirche in der Ukraine reden, „gegen das Ökumenische Patriarchat arbeiten“. Es sei ein „langes, offenherziges und brüderliches“ Treffen gewesen, so der Metropolit. Jeder habe seine Vision der Situation in der Ukraine – und nicht nur dort – dargelegt, weil es schismatische Situationen nicht nur in der Ukraine, sondern auch in anderen orthodoxen Lokalkirchen gebe. Man sei sich einig gewesen, dass man das Schisma in der Ukraine nicht einfach „legalisieren“ könne, man müsse es vielmehr „heilen“. Wörtlich meinte der Metropolit von Boryspol: „Wir müssen eine Lösung auf der Basis des kanonischen Rechts suchen, nicht auf den Wegen, von denen ukrainische Medien und hochgestellte Persönlichkeiten reden, die so tun, als sei die Sache bereits geregelt. Niemand weiß, wie man das Problem lösen kann, weil es sehr kompliziert ist, aber wir sollten alles tun, um unsere Brüder und Landsleute, die im Schisma sind, in die orthodoxe Herde zurückzubringen“. Eine Lösung dürfe nicht zu neuen Spaltungen führen „oder einen Teil der Gläubigen in die Katakomben zwingen“. Die ukrainischen Metropoliten hätten im Phanar auch deutlich gemacht, dass die Schaffung einer „kanonischen Parallelstruktur“ – durch die Autokephalie für eine neue orthodoxe Kirche – zur Folge hätte, dass es auf Dauer keine einheitliche orthodoxe Ortskirche in der Ukraine geben würde.

Metropolit Emmanuel von Paris bezeichnete das Treffen mit den ukrainischen Bischöfen als „überaus nützlich und konstruktiv“, es sei „ein Segen“ gewesen. Er brachte die Hoffnung auf „künftige Zusammenarbeit und fortgesetzten Dialog“ mit den Repräsentanten der ukrainischen Kirche zum Ausdruck. Das Ökumenische Patriarchat habe nie aufgehört, sich für Frieden, Versöhnung und Zusammenarbeit aller in der Ukraine einzusetzen. Wörtlich fügte er hinzu: „Wir sind überzeugt, dass wir gemeinsam einen Beitrag zum Allgemeinwohl der Ukraine leisten und das Problem des Schismas lösen können“.

In der Ukraine gibt es derzeit neben der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats zwei schismatische Gruppierungen: Die sogenannte Autokephale ukrainisch-orthodoxe Kirche, die 1920 entstanden ist. Sie wurde anfänglich von den Bolschewiki unterstützt, um die Orthodoxie zu schwächen, wurde dann zurückgedrängt, tauchte während der deutschen Besatzung wieder auf, um ab 1945 nur mehr in der Emigration weiter zu existieren. 1990 kehrte diese Kirche in die Ukraine zurück. Das Kiewer Patriarch entstand 1992 auf Betreiben des umstrittenen Metropoliten Filaret (Denysenko), der Exarch des Moskauer Patriarchats für die Ukraine war (zuvor u.a. ab 1962 zwei Jahre russisch-orthodoxer Bischof von Wien), das Amt des Moskauer Patriarchen anstrebte, aber nicht reussierte. 1995 ließ er sich zum „Patriarchen von Kiew“ wählen, worauf er 1997 vom Moskauer Patriarchat exkommuniziert wurde.