Ukraine-Krise: “Panorthodoxer Gipfel ist notwendig”

“Brüderliche Versammlung” der Delegationen von sechs autokephalen orthodoxen Kirchen auf Einladung des Jerusalemer Patriarchen Theophilos III. in Amman – Moskauer Patriarch Kyrill I. plädiert für weitere solche Versammlungen zur Diskussion der kirchlichen Probleme in “offener, objektiver und unparteiischer Weise”

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Foto: © Dmitry A. Mottl (Quelle: WIkimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Amman, 27.02.20 (poi)  Im Hinblick auf die (orthodoxe) kirchliche Situation in der Ukraine ist ein “panorthodoxer Dialog” notwendig, um Heilung und Versöhnung zu erreichen; dieser Dialog soll “bevorzugt noch vor Ende dieses Jahres” stattfinden, wobei die Hoffnung bestehe, dass sich der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I.  als Ehrenprimas an diesem Dialog mit den Oberhäuptern der anderen autokephalen orthodoxen Kirchen beteiligt.  Diese Aussage steht im Mittelpunkt des Kommuniques des orthodoxen Patriarchats von Jerusalem über die “brüderliche Versammlung” von Oberhäuptern der orthodoxen Kirchen, die am Mittwoch, 26. Februar, auf Einladung von Patriarch Theophilos III. in der jordanischen Hauptstadt Amman stattgefunden hat.  Bei der “brüderlichen Versammlung” waren die Delegationen von sechs autokephalen Kirchen vertreten – und zwar Delegationen des Patriarchats von Jerusalem unter Führung von Patriarch Theophilos III., des Moskauer Patriarchats unter Führung von Patriarch Kyrill I., des serbischen Patriarchats unter Führung von Patriarch Irinej, des rumänischen Patriarchats unter Führung von Metropolit Nifon (Mihaita), der polnischen orthodoxen Kirche unter Führung von Erzbischof Abel (Poplawski) und der orthodoxen Kirche Tschechiens und der Slowakei unter Führung von Metropolit Rastislav (Gont).  Unter den Teilnehmern war auch das Oberhaupt der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Onufrij (Berezowskij), der zur Rechten von Patriarch Kyrill sass. In dem als “gemeinsame Erklärung” deklarierten Kommunique wurde betont, dass das Treffen in Amman im Blick auf “Einheit und Versöhnung” in der Orthodoxie abgehalten worden sei. Die Teilnehmer hätten den Schmerz des Patriarchats von Jerusalem angesichts der “drohenden Gefahr eines Schismas” in der orthodoxen Gemeinschaft verstanden.

In dem Kommunique wurde sowohl dem jordanischen König Abdullah II. als auch Patriach Theophilos III. der Dank für das Zustandekommen der “brüderlichen Versammlung” ausgesprochen. Das Licht, das von Jerusalem ausgehe, sei ein Zeugnis für das multireligiöse und multikulturelle Gewebe der Heiligen Stadt, die Heimstätte für die drei “abrahamitischen Religionen” Christentum, Judentum und Islam sei.  Ziel der Versammlung sei es gewesen, die brüderlichen Bande zwischen den orthodoxen Kirchen zhu stärken, für deren Einheit einzutreten und den Dialog in der Hoffnung auf Versöhnung zu erneuern.  Wörtlich heißt es weiter im HInblick auf einen der Hauptstreitpunkte zwischen Moskau und Konstantinopel im Zusammenhang mit der Ukraine-Frage: “Die Teilnehmer waren sich einig, dass Entscheidungen über Fragen von gesamtorthodoxer Bedeutung – einschließlich der Zuerkennung der Autokephalie für bestimmte Kirchen – im Geist des panorthodoxen Dialogs und der Einheit im panorthodoxen Konsens getroffen werden sollen”.

Bei der “brüderlichen Versammlung” wurden offensichtlich auch die Problemkreise “Nordmazedonien” und “Montenegro” behandelt. In Sachen “Nordmazedonien” wurde im Kommunique festgehalten, dass die Lösung durch “Dialog in der serbisch-orthodoxen Kirche” und mit “panorthodoxer Unterstützung” gefunden werden müsse.  Im Hinblick auf “Montenegro” wurden die zuständigen Behörden aufgefordert, das fundamentale Recht auf Eigentum aufrecht zu erhalten, das auch für die Kirche gelten müsse.

Abschließend heißt es im Kommunique, dass sich die versammelten Patriarchen  und Delegierten  den Vorschlag von Patriarch Theophilos III. zu eigen gemacht hätten, ein Gebet für die Welt, “für das Ende von Krieg und Leid”, sowie für alle Christen und für die Einheit der orthodoxen Kirche abzuhalten. Dieses Gebet solle in der “Anastasis” (der Grabeskirche) in Jerusalem stattfinden, “am Grab Christi, wo Er auferstanden ist und der Welt den Frieden verkündet hat”.

Der Moskauer Patriarch hatte bei dem Treffen in Amman bedauert, dass das “gemeinsame Verständnis der Struktur der Kirche und der Natur des Primats” verloren gegangen sei. Darin seien die Hauptursachen für die “modern Krise der Orthodoxie” zu sehen. Einheit und Legalität in der orthodoxen Weltkirche seien herausgefordert. Kyrill I. kritisierte die Versuche, mit Hilfe neuer theologischer Argumentationslinien den Anspruch Konstantinopels auf “universale Oberhoheit über die orthodoxe Kirche” zu untermauern, es gebe auch kein System der “kollektiven Kontrolle” über die Aktionen des “führenden Bischofsstuhls” der Orthodoxie, die Notwendigkeit des panorthodoxen Konsenses werde geleugnet. Der Moskauer Patriarch bedauerte aber auch, dass es keinen allgemein anerkannten Mechanismus für die Gewährung der Autokephalie gebe, zudem bestünden auch Versuche, einen Unterschied zwischen “älteren” und “jüngeren” autokephalen Kirchen geltend zu machen. Scharf kritisierte der Patriarch Versuche, die Grenzen der “kanonischen Territorien” der autokephalen Kirchen zu verändern. Kyrill I. stellte aber auch die Funktion des Ökumenischen Patriarchats als Appellationsinstanz in Frage, weil die Gefahr bestehe, dass diese Funktion als “Werkzeug zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer autokephaler Kirchen benützt wird”. Auch sei es nicht akzeptabel, wenn der Ökumenische Patriarch in einer Frage, in der er selbst Partei sei, die letzte Entscheidung beanspruche. Schließlich nannte der Moskauer Patriarch auch die Errichtung “stauropegialer Klöster” des Ökumenischen Patriarchen im Gebiet anderer Kirchen (wie es zuletzt in der Tschechischen Republik vorgekommen sein soll) als Grund zur Sorge.

Im Verlauf des Treffens wurde mehrfach die Bedeutung einer “panorthodoxen Diskussion” über die Situation in der Weltorthodoxie betont, nur so könnten die Probleme in Übereinstimmung mit den kirchenrechtlichen Normen gelöst werden. Nach übereinstimmenden Berichten äußerte Patriarch Kyrill abschließend den Wunsch, dass das Amman-Treffen nur das erste einer Reihe vergleichbarer Versammlungen zur Diskussion der kirchlichen Probleme “in offener, objektiver und unparteiischer Weise” sein möge. Der Moskauer Patriarch bat Theophilos III., für eine Fortsetzung des in Amman begonnenen Dialogs zu sorgen. Die “wichtigste Waffe der Kirche” in einer Welt des Säkularismus sei “brüderliche Liebe und Einheit, gemeinsames Gebet und gemeinsame freie Entscheidung im synodalen Geist der Kirche”.