Ukraine: Orthodoxer Kirchenstreit hat vor allem politische Gründe

ORF-Korrespondent Wehrschütz und Ostkirchenexperte Winkler erläutern bei "Pro Oriente"-Veranstaltung in Salzburg kirchliche und politische Hintergründe des orthodoxen Kirchenkonflikts in der Ukraine

0
570
Foto: © Адміністрація Президента України (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International)

Salzburg, 19.3.2019 (poi) Der orthodoxe Kirchenstreit in der Ukraine hat vor allem politische Gründe. Das war am Montagabend der Tenor einer Informationsveranstaltung von „Pro Oriente“-Salzburg mit dem ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz und dem Ostkirchenexperten (und Vorsitzenden von „Pro Oriente“-Salzburg), Prof. Dietmar W. Winkler. Wie die katholische Nachrichtenagentur „Kathpress“ berichtet, erläuterte Wehrschütz die politische Situation der Ukraine im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen am 31. März: Der derzeitige Amtsinhaber Petro Poroschenko müsse um seine Wiederwahl bangen, Umfragen zufolge liegen die frühere Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko und der Schauspieler und Kabarettist Wolodymyr Selenskyj in der Wählergunst derzeit vor Poroschenko. Umso mehr habe er sich für die Gründung der neuen ukrainisch-orthodoxen Nationalkirche eingesetzt und präsentiere diese Gründung nun mangels größerer wirtschaftlicher und sozialer Fortschritte für die Bevölkerung als seinen Erfolg. „Die religiöse Frage spielt deshalb im laufenden Wahlkampf eine große Rolle“, so Wehrschütz, denn Poroschenko stütze sich im Kampf um seine Wiederwahl auf die Armee, die ukrainische Sprache und die Kirche als wichtigste Pfeiler bei der Bildung eines ukrainischen Nationalstaats.

Seit der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung gab es in dem Land drei orthodoxe Gemeinschaften: Die kanonische ukrainisch-orthodoxe Kirche (des Moskauer Patriarchats) und die beiden als schismatisch angesehenen Gemeinschaften „Kiewer Patriarchat“ und „Ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“. Am 15. Dezember 2018 fand in der Hagia Sophia in Kiew auf Veranlassung des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. ein „Vereinigungskonzil“ in Anwesenheit von Präsident Poroschenko statt: Dabei wurde die Vereinigung der bisher als schismatisch geltenden Gemeinschaften – deren Oberhäupter aber bereits von Konstantinopel rehabilitiert waren – zu einer  „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ beschlossen. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche war nicht beteiligt und lehnte den Vorgang strikt ab. Zwei Bischöfe dieser Kirche nahmen auf persönliche Initiative doch teil, wurden aber vom Heiligen Synod der ukrainisch-orthodoxen Kirche ihrer Ämter enthoben und aus der Kirche ausgeschlossen.

Zum Oberhaupt der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ wurde Metropolit Epifanij (Dumenko) gewählt. Bartholomaios I. verlieh der Kirche am 6. Jänner 2019 die Autokephalie, indem er Metropolit Epifanij in der konstantinopolitanischen Georgskathedrale den entsprechenden Tomos (Urkunde) überreichte.

 

Die Schlüsselrolle Filarets

Die orthodoxe Kirche sei die letzte bedeutende Institution, die die Ukraine mit Russland verbindet, machte Prof. Winkler die Brisanz der Entwicklungen deutlich. Umso mehr wolle Kiew – zumindest die derzeitige westlich orientierten Staatsführung – eine von Moskau unabhängige Kirche. Poroschenko sei davon überzeugt, dass eine eigenständige, geeinte ukrainisch-orthodoxe Kirche den „nationalen Geist“ stärken werde, so Winkler. Deshalb habe er die Gründung einer Nationalkirche kräftig unterstützt; mit Rückendeckung durch das ukrainische Parlament und „Patriarch“ Filaret, der sich stets für enge Staat-Kirchen-Beziehungen ausgesprochen habe. „Genauso wie es keinen Staat ohne Armee geben kann, kann ein Staat auch nicht ohne Kirche bestehen“, zitierte Winkler eine Überzeugung Filarets.

Filaret (Denisenko) spielt in dem Kirchenkonflikt eine Schlüsselrolle: 1967 wurde er Metropolit von Kiew (von 1962 bis 1964 war er russisch-orthodoxer Bischof von Wien gewesen). Nach dem Tod des Moskauer Patriarchen Pimen 1990 leitete Filaret einen Monat lang als „locum tenens“ die russisch-orthodoxe Kirche. Er kandidierte für das Patriarchenamt, gewählt wurde aber Aleksij II. (1990-2008). Am 27.Oktober 1990 übergab Aleksij II. in Kiew an Metropolit Filaret einen Tomos, mit dem der ukrainischen Kirche „Unabhängigkeit in Selbstverwaltung“ zugesprochen wurde.

Nach der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung im August 1991 trat von 1. bis 3. November 1991 ein „Sobor“ (Synode) der ukrainisch-orthodoxen Kirche zusammen, bei dem sich die Delegierten für die Autokephalie und Metropolit Filaret als Primas aussprachen. Im Frühjahr 1992 legte ihm die Bischofsversammlung des Moskauer Patriarchats die Resignation nahe, Filaret erklärte am zweiten Tag, er werde dem Heiligen Synod der ukrainisch-orthodoxen Kirche sein Resignationsgesuch vorlegen. Aber nach seiner Rückkehr nach Kiew widerrief er diese Bereitschaft. Daraufhin organisierte das Moskauer Patriarchat  im Mai 1992 in Charkow einen neuerlichen „Sobor“; der ukrainisch-orthodoxen Kirche wurde die Autonomie verliehen, Wladimir (Sabodan) wurde zum Metropoliten gewählt. Am 27. Mai 1992 wurde Filaret durch den Heiligen Synod der ukrainisch-orthodoxen Kirche suspendiert. Am 25. Juni 1992 initiierte er mit einigen ihm ergebenen Bischöfen sowie Vertretern der aus dem Untergrund wieder aufgetauchten „Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche“ einen „Sobor“, bei dem das „Kiewer Patriarchat“ proklamiert wurde. 1995 übernahm Filaret als „Patriarch“ die Führung dieser Kirche. Wegen der Kirchenspaltung exkommunizierte die Bischofsversammlung des Moskauer Patriarchats den „Patriarchen“ und belegte ihn 1997 mit dem „Anathema“ (Kirchenbann).

Im Herbst des Vorjahrs hob das Ökumenische Patriarchat das „Anathema“  auf, rehabilitierte Filaret und erkannte ihn als „früheren Metropoliten von Kiew“ an. Patriarch Bartholomaios I. stellte sich aber dagegen, dass Filaret die Leitung der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ übernimmt. Trotz seiner Ambitionen verzichtete er daher auf eine Kandidatur und begnügte sich mit dem Titel „Ehrenpatriarch“.

Die russisch-orthodoxe Kirche betrachte alle Staaten der ehemaligen Sowjetunion – und im Grunde auch die des Russischen Reiches bis 1917 – als ihr kanonisches Territorium, führte Prof. Winkler weiter aus. Dabei sei die Ukraine nicht der erste Nachfolgestaat der Sowjetunion, wo es zu kircheninternen Konflikten kommt. Dies war auch passiert, als Konstantinopel in Estland eine eigenständige orthodoxe Kirche anerkannte. Das habe zu einem heftigen Konflikt zwischen den Patriarchaten von Konstantinopel und Moskau geführt und bis heute konkurrierten in der baltischen Republik zwei orthodoxe Kirchen miteinander. Das drohe nun auch auf unabsehbare Zeit in der Ukraine mit dramatische Auswirkungen auf die Einheit der weltweiten orthodoxen Kirche, so Winkler. Der heftige Konflikt zwischen Konstantinopel und Moskau, der u.a. von Seiten Moskaus zur Aufkündigung der eucharistischen Gemeinschaft mit Konstantinopel führte, habe zudem negative Auswirkungen auf das Gespräch zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche und beeinträchtige damit auch die Arbeit von „Pro Oriente“, bedauerte Winkler.