Ukraine: Poroschenko hält die Zeit reif für ukrainische Autokephalie

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Foto: © Koch /MSC (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Germany)

26. Juli 2018 (NÖK) Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko glaubt, die Zeit für eine autokephale orthodoxe Kirche in der Ukraine sei gekommen. Die „Logik des historischen Prozesses“ der Entwicklung der ukrainischen Nation und des ukrainischen Staates führe zum Autokephalie-Tomos, sagte Poroschenko an der landesweiten Wallfahrt zur Muttergottes-Ikone in Sarvanyzja. Niemand könne eine „Idee, deren Zeit gekommen ist“ aufhalten und die ukrainische Autokephalie sei eine solche Idee.

Der Präsident versicherte zugleich, es gebe keine Absicht zu einer Staatskirche, die Kirchen müssten unbedingt vom Staat unabhängig sein. Aber die Autokephalie betreffe nicht nur die orthodoxen Christen im Land, sondern sei eine „Frage der ukrainischen Unabhängigkeit“ und eine „Säule des ukrainischen Staats, der ukrainischen Nation, der ukrainischen nationalen Sicherheit“, so Poroschenko weiter. Diesen Standpunkt bekräftigte er kurz darauf per Twitter und begründete mit dem Stellenwert der Autokephalie für die Unabhängigkeit und Sicherheit auch die heftige Ablehnung der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK).

Die russische Haltung kritisierte auch Metropolit Elpidophoros (Lambriniadis) von Bursa vom Ökumenischen Patriarchat in einem Interview, die ROK sei der „wahre Grund für die Spaltung der Orthodoxie in der Ukraine“. Das Moskauer Patriarchat kämpfe mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln – „spirituellen, politischen, wirtschaftlichen, militärischen“ – gegen die ukrainische Autokephalie und deshalb sei „die Nation gespalten und die ganze Kirche leidet“, erklärte der Metropolit weiter. Laut Elpidophoros ist Poroschenko auch nicht der erste, der sich beim Ökumenischen Patriarchat um die Autokephalie bemüht.

Patriarch Filaret (Denisenko), das Oberhaupt der nicht kanonischen Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Kiewer Patriarchat (UOK–KP), zeigte sich überzeugt, dass der Ökumenische Patriarch Bartholomaios den Autokephalie-Tomos noch dieses Jahr gewähren werde, sobald alle orthodoxen Lokalkirchen informiert seien. Dabei betonte er, dass das Patriarchat von Konstantinopel diese nicht um ihre Zustimmung bitte, sondern lediglich über seine Absichten informiere. Denn der Ökumenische Patriarch könne selber über die Autokephalie entscheiden und brauche die Zustimmung der anderen orthodoxen Kirchen nicht. Diese Meinung vertritt auch Metropolit Elpidophoros.

Der Hl. Synod der ROK drückte an seiner Sitzung in Jekaterinburg Mitte Juli seine Beunruhigung über die „Versuche von Politikern, die Einheit der Kirche in der Ukraine zu zerstören“ aus. In der ROK wisse man, wie „Politiker jeder Couleur“ versuchten, „zugunsten ihrer politischen Ansichten irgendwelche unnötigen, falschen und künstlichen Formen der Kirchenorganisation einzurichten“, erklärte Aleksandr Volkov, der Sprecher des Moskauer Patriarchats.

Kritisch reagierte die ROK auch auf die Aussage Poroschenkos, dass die ukrainische Kirche die „Mutterkirche“ der russischen sei, und nicht umgekehrt. Archimandrit Alipij (Svetlitschnyj), Vorsteher der Peter und Paul Kirche in Kiew, meinte dazu, Großfürst Vladimir, der „Täufer der Rus‘“, sei sicher „schockiert“ über diese Ansicht. Poroschenko hatte die umstrittene Aussage in einem Interview in Serbien Anfang Juli in Bezug auf den 1030. Jahrestag der Taufe der Rus‘ am 28. Juli 2018 gemacht.

Die Debatte um eine mögliche Autokephalie der orthodoxen Kirche in der Ukraine nahm im April ihren Anfang, als Präsident Poroschenko den Ökumenischen Patriarchen offiziell darum gebeten hatte. Unterstützt wird das Vorhaben von zahlreichen Politikern und mehreren Religionsgemeinschaften in der Ukraine. Das Moskauer Patriarchat, dem die einzige kanonische orthodoxe Kirche in der Ukraine untersteht, lehnt die Autokephalie strikt ab. Eine Delegation des Ökumenischen Patriarchats besucht zurzeit die orthodoxen Lokalkirchen, um mit ihnen die Ukraine-Frage zu erörtern. (mit Material von KNA)