Ukraine: Selenskij telefonierte mit Papst Franziskus

Einladung zum Besuch des Landes - Kiew tritt für „friedliche Übereinkunft“ im Osten der Ukraine ein – Aber neue Auseinandersetzung um russische Unterrichtssprache

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Foto: © Ukrinform TV (Quelle: Wikimedia: Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Vatikanstadt-Kiew, 07.06.20 (poi) Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij hat Papst Franziskus neuerlich zu einem Besuch seines Landes eingeladen. Bei einem Telefongespräch am 5. Juni erneuerte Selenskij die Einladung, die er bereits bei seinem Vatikan-Besuch am 8. Februar ausgesprochen hatte. Im Mittelpunkt des Telefonats seien die Auswirkungen der Coronavirus-Panepidemie gestanden, teilte die ukrainische Präsidentschaftskanzlei mit. Selenskij habe hervorgehoben, dass er die Unterstützung des Papstes für Einheit, Solidarität und Öffnung Europas überaus schätze. Es sei wichtig, das „gegenseitige Vertrauen und die Zusammenarbeit“ auf dem europäischen Kontinent wiederherzustellen. Präsident Selenskij informierte den Papst über die Quarantäne-Maßnahmen im Hinblick auf Covid-19 in der Ukraine und würdigte die Mitarbeit der Kirchen bei allen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Der ukrainische Präsident versicherte dem Papst, dass Kiew für eine „friedliche Übereinkunft“ im Osten der Ukraine (im Bereich der sogenannten „selbsternannten“ Republiken Donetsk und Lugansk) eintrete. Zugleich ersuchte er Papst Franziskus, sich für die Freilassung aller Gefangenen zu engagieren. Der Papst begrüßte die Bereitschaft des ukrainischen Präsidenten für eine „friedliche Lösung“.

Ein Thema des Telefonats zwischen Papst Franziskus und Präsident Selenskij war auch die „humanitäre Zusammenarbeit“. So hat das Päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACS) zum Beispiel zwei Initiativen gestartet, um in der Ukraine sowohl 2.800 Priester des byzantinischen wie auch mehr als 700 des lateinischen Ritus und zahlreiche Mönche und Nonnen beider Riten mit medizinischen Hilfsgütern (Masken, Handschuhe usw.) auszustatten. Ein besonderes Programm wurde für 24 Klöster in der Diözese Kamenets Podolskij aufgesetzt, die seit Beginn der Pandemie in Pfarrgemeinden, Waisenhäusern und Spitälern aktiv sind. Wegen der dramatischen Probleme im ukrainischen Gesundheitssystem müssten viele Patientinnen und Patienten Medikamente und medizinisches Material selbst in die Krankenhäuser mitbringen. „Seit Beginn der Pandemie sind in der Ukraine Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel zehn Mal so teuer wie früher“, berichtete der römisch-katholische Priester Nikolaj Leskiw im Gespräch mit dem ACS-Pressedienst.

Appell an Europäische Union

Mittlerweile zeichnet sich ein neues Problem ab. Die vom Moskauer Patriarchen Kyrill I. geleitete „Weltversammlung des russischen Volkes“ hat sich an die internationalen Organisationen und an die führenden Persönlichkeiten der Europäischen Union gewandt, weil in der Ukraine die russischsprachigen Schulen ab 1. September auf ukrainische Unterrichtssprache umgestellt werden sollen. Es sei notwendig, diese Diskriminierung gegen russischsprachige Menschen in der Ukraine im Bereich der schulischen Bildung zu stoppen, wurde in einer am 2. Juni veröffentlichten Erklärung der „Weltversammlung des russischen Volkes“ festgestellt. Eine Schließung der russischsprachigen staatlichen Schulen müsse die Zwietracht unter den Bürgern der Ukraine vertiefen und zur „Radikalisierung“ des Konflikts im Osten und Südosten des Landes beitragen, wo viele Bürger Russisch als ihre Muttersprache betrachten und ihren Kindern eine Schulbildung in ihrer eigenen Kultur und Sprache vermitteln wollen. Die Bedenken der „Weltversammlung des russischen Volkes“ werden auch von Vertretern der rumänischen, polnischen, ungarischen und tatarischen Sprachgruppen in der Ukraine geteilt.

Die Schließung der russischsprachigen Schulen in der Ukraine könne nur als „diskriminierende Maßnahme“ bezeichnet werden, heißt es in dem Appell der „Weltversammlung des russischen Volkes“. Die führenden Persönlichkeiten der internationalen Menschenrechtsorganisationen und der europäischen Staaten hätten die Pflicht, die Regierung in Kiew darauf aufmerksam zu machen, dass es um eine Verletzung der „fundamentalen Prinzipien internationaler Vereinbarungen“ gehe, die allesamt von der Ukraine unterzeichnet wurden.