Ukraine: Vor dem Patriarchengipfel wird die Sprache schärfer

Ukrainisch-orthodoxer Bischof befürchtet, dass die Bestrebungen der Schismatiker, die wichtigsten ukrainischen Klöster an sich zu bringen, zum Auslöser einer „umfassenden ukrainischen Auseinandersetzung aus religiösen Gründen“ werden könnte

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Foto ©: Столичный Благовест (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Kiew, 25.08.18 (poi) Wenige Tage vor der Begegnung zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. im konstantinopolitanischen Phanar am 31. August wird die Sprache der ukrainischen Kontrahenten schärfer. Eine der Zentralgestalten der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, Bischof Feodosij (Snigirjow) von Bojarka, hat in einem Interview mit „Orthodoxy Christianity“ seine Besorgnis über die Aussagen des „Kiewer Patriarchen“ (und einstigen russisch-orthodoxen Bischofs von Wien), Filaret (Denysenko), zum Ausdruck gebracht, wonach die wichtigsten ukrainischen Klöster (wie das Kiewer Höhlenkloster und die Lawra von Potschajew) nach einer Verkündigung der „Autokephalie“ (Selbständigkeit) durch Konstantinopel an das bisher als schismatisch geltende Kiewer Patriarchat übergeben werden müssten. Wörtlich sagte Bischof Feodosij: „Ich fürchte, dass das zum Auslöser einer umfassenden innerukrainischen Auseinandersetzung aus religiösen Gründen werden könnte. Das müsste jedem vernünftigen Menschen klar sein“.

Filaret habe zwar versucht, seine Aussagen zurückzunehmen („vielleicht weil ihm jemand gesagt hat, dass er zu früh geredet und damit die Pläne in Frage gestellt hat“), aber was könne man von den Worten eines Menschen halten, der 1992 (nachdem er nicht zum Patriarchen von Moskau gewählt worden war) auf „das Kreuz und das Evangelium“ geschworen habe, dass er nichts tun werde, um ein Schisma herbeizuführen und es dann doch getan habe. Die andere Version sei, dass man eine „freiwillige“ Übergabe der großen Klöster plane. Wie das aussehe, habe man in der westlichen Ukraine gesehen, wo orthodoxe Gläubige aus den von ihnen selbst erbauten Gotteshäusern trotz aller Gerichtsentscheidungen vertrieben worden seien. Alles sei „frei und freiwillig“ gewesen, werde dann in „Märchen für das TV-Publikum“ erzählt.

Aber Gott sei nicht „in der Macht und im Hass“, sondern „in der Wahrheit und in der Sanftmut“, betonte Bischof Feodosij. Die orthodoxen Gläubigen in der Ukraine seien voll Hoffnung, dass „Politiker und Schismatiker“ keine „selbstzerstörerischen Schritte“ setzen werden. In jedem Fall würden die Gläubigen aber ihre heiligen Stätten verteidigen. Auch wenn es Pläne geben sollte, die orthodoxe Kirche wie in der kommunistischen Zeit zu verfolgen, würden sich die Gläubigen nicht entmutigen lassen: „Wir werden wie früher in den Häusern beten. Und mit der Hilfe Gottes werden wir uns an das Matthäus-Wort erinnern: Die Mächte der Unterwelt werden die Kirche nicht überwältigen“.

Zugleich erinnerte der Bischof von Bojarka daran, dass die ukrainisch-orthodoxe Kirche – anders als die anderen Religionsgemeinschaften des Landes – die „ganze Ukraine in ihrer Verschiedenheit“ repräsentiere. Als Gemeinschaft von Gläubigen aus allen Teilen des Landes verstehe die ukrainisch-orthodoxe Kirche sehr gut, dass das Problem des Krieges in der Ukraine nicht auf einen „Krieg zwischen zwei Nachbarländern“ reduziert werden könne. Das Problem sei umfassender. Es gebe zwei verschiedene „Weltanschauungen“, zwei verschiedene Mentalitäten in der Ukraine – eine pro-westliche und eine pro-russische. Lange Zeit hätten diese beiden Gruppierungen der ukrainischen Gesellschaft friedlich miteinander gelebt und das Land auf der Basis der Gleichheit aufgebaut. Die „Diversität“ eines multiethnischen Staates habe früher nie ein Problem bedeutet. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche spiegle auch heute diese „Diversität“. Daher sei sie auch die einzige öffentliche Institution in der modernen Ukraine, die es geschafft habe, in diesen schwierigen Jahren „strukturell und territorial“ unbeschädigt zu überleben. Denn die Kirche trenne nicht, sie vereine, so der Bischof: „Sie heizt Konfrontation und Hass nicht an, sondern sie sucht diese Erscheinungen zu überwinden und ruft zum Frieden auf“. Wenn sich alle Teile der ukrainischen Gesellschaft frei und ruhig entfalten könnten, dann würden sich alle wohlfühlen, das sei die Überzeugung der ukrainisch-orthodoxen Kirche. Bischof Feodosij: „Wenn die Politiker so handeln würden, könnten die Tragödien der Gegenwart vermieden werden“.

Die äußeren Faktoren des ukrainischen Konflikts würden ihre Kraft verlieren, wenn die ukrainische Gesellschaft nicht nur in Worten, sondern auch in der Realität ihre Einheit fände, so der Bischof. Einheit sei für die Ukraine aber nur in der Verschiedenheit möglich. Um diese Einheit in Verschiedenheit zu erreichen, sei es notwendig, jegliche Radikalisierung und die Verhetzung zum Hass aus nationalen oder religiösen Gründen zu vermeiden. Ein solches Verhalten würde in absehbarer Zukunft zur Versöhnung und zur Beendigung des Konflikts in der Ukraine führen.

„Buße ist notwendig“

Die Vorgangsweise des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Sachen „Autokephalie“ für die Schismatiker bezeichnete der Bischof von Bojarka als verfassungswidrig, weil es einen Eingriff von Politikern in das religiöse Leben darstelle. Auf den Spuren Poroschenkos hätten sich auch Diplomaten, regionale und provinzielle Politiker ein ähnliches Verhalten angemaßt. Diesen Politikern aller Art sei entgangen, dass die autonome ukrainisch-orthodoxe Kirche über mehr Rechte verfüge als manche autokephale orthodoxe Kirchen. Die überwiegende Mehrheit des Episkopats, der Priesterschaft und aller anderen Gläubigen der ukrainisch-orthodoxen Kirche sei mit dem kanonischen Status der Kirche vollauf zufrieden und wolle keine Änderungen.

Wenn behauptet werde, dass die Verleihung der Autokephalie das Schisma in der Orthodoxie der Ukraine heilen könne, dann sei das eine bewusste Täuschung, so Bischof Feodosij: „Keine Form der Autokephalie wird irgendetwas heilen. Um das Schisma in der Ukraine zu heilen, ist Buße notwendig. Die Schismatiker müssen ihre ekklesiologischen Irrtümer einsehen und die kanonische Weihe ihres Klerus anstreben“. Davon sei aber keine Rede. Es gebe eher die aggressive Rhetorik der Schismatiker über die Übernahme von Kathedralen, Klöstern usw.

Das Gerede über den „Tomos der Autokephalie“ sei in Wahrheit nichts anderes als der oberflächlich verschleierte Wunsch der schismatischen Gruppen in der Ukraine – „Kiewer Patriarchat“ und „ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“ – eine summarische Legalisierung ihres Status in der orthodoxen Welt zu erreichen. Er sei überzeugt, dass sich der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. der Komplexität des ukrainischen Problems bewusst sei, betonte der Bischof von Bojarka. Daher sei es unwahrscheinlich, dass der Patriarch die Verantwortung für die unabsehbaren Konsequenzen der Verleihung der Autokephalie an die Schismatiker übernehmen werde.  Auf diesem Hintergrund gebe es große Hoffnungen im Hinblick auf das bevorstehende Treffen zwischen Bartholomaios I. und dem Moskauer Patriarchen Kyrill I.; er teile die Übrrzeugung der ukrainischen Gläubigen, dass dieses Treffen nicht nur die Spannungen in Sachen Ukraine entschärfen, sondern auch zu einer allgemeinen Verbesserung der interorthodoxen Beziehungen führen werde.

In dem Interview legte Bischof Feodosij auch eine neue Sichtweise der historischen Entwicklung dar. Die ukrainische und die russische Kirche seien von Anfang an zutiefst historisch und spirituell verbunden. Die Kirche der Rus sei Teil des Patriarchats von Konstantinopel gewesen. Die Residenz des Metropoliten von Kiew sei infolge der geschichtlichen Entwicklung in Übereinstimmung mit dem Heiligen Synod der Kirche von Konstantinopel zunächst nach Wladimir und dann nach Moskau verlegt worden. Infolge der Ausbreitung des polnisch-litauischen Staates sei es dann für einen Zeitraum von 230 Jahren zu einer Trennung der westlichen russischen Metropolie von der übrigen russischen Kirche gekommen. Im späten 17. Jahrhundert sei die Einheit aber wiederhergestellt worden, spirituell habe es sich aber immer um eine Kirche gehandelt.

Wenn dies heute von den Schismatikern in Frage gestellt werde, müsse man daran erinnern, dass das orthodoxe Kirchenrecht einen Zeitraum von 30 Jahren vorsieht, um die kanonische Unterordnung eines bestimmten Territoriums unter die Autorität eines Bischofs festzulegen. Im Fall der Metropolie von Kiew und des Moskauer Patriarchats liege das aber bereits 300 Jahre zurück.

Bischof Feodosij betonte, dass die autonome ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats nach wie vor die größte Religionsgemeinschaft in der Ukraine ist. Sie umfasse 12.500 Pfarrgemeinden und 250 Klöster; 12.000 Priester und mehr als 5.000 Mönche und Nonnen seien in der Seelsorge tätig. Die beiden schismatischen orthodoxen Gemeinschaften hätten zusammen nur 5.000 Pfarrgemeinden und nur rund 200 Mönche und Nonnen.

Poroschenko appelliert an Phanar und Vatikan

Der ukrainische Staatspräsident Petro Poroschenko dringt weiter auf die Schaffung einer „unabhängigen“ orthodoxen Nationalkirche. Wie die Präsidentschaftskanzlei am Freitagabend mitteilte, habe Poroschenko in einem Telefonat mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. über „weitere Schritte zur Bildung einer einheitlichen orthodoxen Landeskirche der Ukraine“ gesprochen. Anlass des Telefonats sei der Unabhängigkeitstag der Ukraine am Freitag  gewesen.

Poroschenko hatte in seiner Ansprache zum Nationalfeiertag in Kiew erklärt, die Autokephalie sei ähnlich wichtig wie die Stärkung der Armee, der „Schutz der ukrainischen Sprache“ und der Kampf um die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und der NATO. Die russische Kirche unterstütze „Putins Hybrid-Krieg gegen die Ukraine“ , sie bete „Tag und Nacht für die russische Regierung und die russische Armee“, meinte Poroschenko.

Der ukrainische Präsident brachte auch den Vatikan ins Spiel und sagte bei der Militärparade aus Anlass des Unabhängigkeitstages: „Konstantinopel, Moskau und der Vatikan sollen uns heute hören – wir sind entschlossen, den Knoten zu durchhauen, mit dem uns das Imperium an sich binden will. Wir sind entschlossen, die unnatürliche und unkanonische Abhängigkeit der Mehrheit unserer orthodoxen Gemeinschaft von der russischen Kirche zu beenden“.

Die Äußerungen des ukrainischen Präsidenten – der aus einem Ort in der Nähe von Reni im Budschak (dem 1945 der Ukraine zugeschlagenen Küstensaum Bessarabiens) stammt – wurde vom Moskauer Patriarchat ironisch kommentiert.  Das Moskauer Patriarchat habe immer alle Nationen umfasst, die ihre Taufe auf den Heiligen Wladimir zurückführen, sagte der stellvertretende Leiter des Außenamts der russisch-orthodoxen Kirchen, Erzpriester Nikolaj Balaschow. In den vergangenen 1.030 Jahren habe die russische Kirche „viele Regierende unterschiedlicher Art“ erlebt, die „mitunter einander bekämpften, mitunter einig waren und mitunter unterschiedliche politische Projekte ausheckten“. Grenzen hätten sich geändert und Beziehungen mit Nachbarn seien schwierig gewesen. „Aber die geeinte Kirche ist geblieben, sie bleibt und wird weiterhin bleiben“, betonte Balaschow.

Es sei seltsam, wenn man einen „arroganten Politiker“ höre, der nicht einmal von zehn Prozent seiner Nation unterstützt werde, aber der Kirche eine neue Struktur verpassen wolle. Dies umso mehr, wenn dieser Politiker bisher unbekannte neue „Kanones“ (kirchliche Rechtsbestimmungen) ins Gespräch bringe und der Kirche vorschreiben wolle, was für sie „natürlich“ sei und was nicht   – und all dies nur in „einem verzweifelten Versuch, die Macht zu behalten, die sichtlich seinen Händen entschlüpft“. Offensichtlich sei sich Poroschenko bewusst, dass er außerhalb seiner engen Entourage nicht mehr gehört werde, daher der Hinweis auf Konstantinopel, Moskau und den Vatikan. Dabei müsse man sich die Frage stellen, ob die Erwähnung des Vatikans ein Versprecher war oder eine Andeutung, dass man auch anderswo vorstellig werden könnte, wenn Konstantinopel den „Tomos“ über die Verleihung der Autokephalie nicht ausstellen wolle.