Ukraine: Wladimir Selenskij hält sich in Sachen Religion bedeckt

Aber seine juridisch Beraterin betont Wichtigkeit des Autokephalie-Tomos für die neue „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ – „Er wird die Errungenschaft der Autokephalie verteidigen, ohne sich in Entscheidungen auf Pfarr-Ebene einzumengen“

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Foto: Dmitry A. Mottl (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Kiew, 05.04.19 (poi) Der Sieger im ersten Durchgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen, Wladimir Selenskij, hält sich in Sachen Religion nach wie vor bedeckt. Allerdings sagte seine juridische Beraterin Irina Wenediktowa bei einer Round-Table-Diskussion am Donnerstag, Selenskij werde den „Tomos“ (die Unabhängigkeitsurkunde) für die neue „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ befürworten. Die Ukraine sei ein „säkularer Staat“, aber für die Identität des Landes sei der „Tomos“ von größter Bedeutung, so Wenediktowa. Wenn er im zweiten Wahlgang gewählt werden sollte, würde Selenskij die Errungenschaft des Autokephalie-Tomos verteidigen, ohne sich „in Entscheidungen auf Pfarr-Ebene einzumengen“. Im Gespräch mit Journalisten hatte Selenskij wenige Tage zuvor erklärt, die Frage nach seinem Religionsbekenntnis sei für ihn die „intimste Frage“. Mit Gott spreche er ohne Vermittler, diese Kommunikation teile er mit niemandem. Er fühle sich aber weder der Kirche noch der Synagoge oder der Moschee zugehörig. Er sei aber schon in Gotteshäusern aller Konfessionen gewesen; seine Frau habe sogar dafür gesorgt, dass sein Sohn Kyrill getauft wurde (er machte aber keine Angabe, in welcher Kirche). In einem israelischen Zeitungsbericht hieß es, Selenskijs Mutter sei jüdisch.

Der zweite Durchgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen findet am 21. April – Ostersonntag nach dem Gregorianischen Kalender, Palmsonntag nach dem Julianischen Kalender – statt. Die Kontrahenten sind Wladimir Selenskij (beim Erstdurchgang am 31. März 30,2 Prozent) und Noch-Amtsinhaber Petro Poroschenko (am 31. März 15,9 Prozent).

Kritiker von Präsident Poroschenko nehmen Anstoß daran, dass die Präsidentschaftskanzlei und das Wahlteam des Präsidenten auch vor der Stichwahl versuchen, die religiöse Karte zu spielen. Die stellvertretende Vorsitzende der „Werchowna Rada“, Oksana Syroid, sagte in einem TV-Interview, sie habe erfahren, dass Mitarbeiter der Präsidentschaftskanzlei bei Bischofssekretariaten und Pfarrgemeinden der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ anrufen und um Unterstützung für den zweiten Wahlgang ersuchen. Der Journalist Aleksandr Wosnesenskyj berichtete, dass Bischöfe und Priester der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ auf „Facebook“ Selenskij-Wähler auffordern, aus der Freundeliste zu verschwinden. Er knüpfte daran die Bemerkung: „Das muss man sich vorstellen, dass Hirten die Leute von sich und von Christus wegstoßen wegen der Politik. Aber es geschieht“.

Der Kanzler der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Boryspol, stellte dagegen fest: „Am Wahltag – der noch dazu der Palmsonntag ist – sollten die Wähler zuerst an der Göttlichen Liturgie teilnehmen. Und dann den Herrn um Erleuchtung bitten und ins Wahllokal gehen. Das Wichtigste ist, sich nicht zur Gänze auf Politiker zu verlassen“.