Ukrainische Autokephalie: Belastungsprobe für innerorthodoxe Beziehungen

Metropolit Hilarion befürchtet im Hinblick auf offizielle Anerkennung der schismatischen Strömungen in der Ukraine Zerrissenheit in der weltweiten Orthodoxie, die nur mit dem Schisma von 1054 verglichen werden kann

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Foto: © Υπουργείο Εξωτερικών (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Moskau-Konstantinopel-Rom, 06.05.18 (poi) Der Vorstoß ukrainischer Politiker für die Proklamation einer autokephalen orthodoxen Kirche in der Ukraine durch das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel hat zu einer Belastungsprobe für die innerorthodoxen Beziehungen geführt. Der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), stellte in einem Interview mit dem Chefredakteur der griechischen Website „romfea“, Emilios Polygenis, in  der Vorwoche im Hinblick auf eine allfällige Proklamation der Autokephalie für eine (aus den beiden schismatischen Strömungen „Kiewer Patriarchat“ und „Autokephale ukrainisch-orthodoxe Kirche“ zusammengesetzte) ukrainische Kirche durch Konstantinopel dramatische Konsequenzen in Aussicht: „Eine solche falsche Entscheidung hätte als unvermeidliche Konsequenz eine Zerrissenheit innerhalb der weltweiten Orthodoxie zur Folge, die nur mit der Spaltung zwischen Ost- und Westkirche ab 1054 verglichen werden kann. Wir würden die Einheit der Orthodoxie begraben, wenn so etwas geschieht. Aus diesem Grund möchte ich mir persönlich unter keinen Umständen vorstellen, wie das ‚Morgen‘ aussieht“. Er hoffe daher, so Metropolit Hilarion, dass die „übereinstimmende Haltung der autokephalen orthodoxen Kirchen, wie sie in der Vergangenheit immer wieder zum Ausdruck gebracht wurde“, auch in Zukunft die Orthodoxie vor einem Schisma bewahren wird. Diese „übereinstimmende Haltung“ werde früher oder später die Schismatiker in die Kirche zurückbringen. Daran glaube er und dafür bete er.

In dem „romfea“-Interview nahm Metropolit Hilarion auf das Abschlusskommunique der Sitzung des Heiligen Synods der Kirche von Konstantinopel von 19./20. April Bezug, in dem die Frage einer Proklamation der Autokephalie für die Ukraine in sehr verklausulierter Form angesprochen wurde. Trotzdem stellte der Metropolit fest, man habe das Kommunique in Moskau mit „Bestürzung“ zur Kenntnis genommen. Weder der Moskauer Patriarch Kyrill noch Metropolit Onufrij (Berezowskij), das Oberhaupt der mit dem Moskauer Patriarchat in voller Kirchengemeinschaft stehenden autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche, seien über die in Konstantinopel getroffene Entscheidung informiert worden. In dem Kommunique sei von den „Millionen ukrainischer orthodoxer Christen“ die Rede gewesen, in deren Namen „kirchliche und staatliche Autoritäten“ die Proklamation verlangt hätten, so Metropolit Hilarion: „Aber die kanonische orthodoxe Kirche der Ukraine, die mit Moskau verbunden ist, hat 12.000 Pfarrgemeinden in der ganzen Ukraine, doppelt so viele wie die beiden schismatischen Gruppierungen“. Die tatsächliche Situation werde klar, wenn man zum Beispiel auf die Zahl der Mönche und Nonnen schaue. In der mit Moskau verbundenen Kirche der Ukraine gebe es 5.000 Mönche und Nonnen, im sogenannten „Patriarchat von Kiew“ nur 200 und bei den „Autokephalen“ gar nur 15. Millionen von orthodoxen Ukrainern würden die mit Moskau verbundene Kirche unterstützen, stellte Metropolit Hilarion fest, das zeige sich zum Beispiel auch bei den großen Pilgerprozessionen, an denen alljährlich Hunderttausende Gläubige teilnehmen. Wörtlich stellte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats in diesem Zusammenhang fest: „Warum ignorieren unsere Brüder in Konstantinopel die Meinung dieser Millionen von gläubigen Christen? Die Proklamation der Autokephalie für eine schismatische Gruppe – gegen den Willen jener Kirche, von der sich die Schismatiker getrennt haben – hat keine Zukunft. Das führt die Orthodoxie nicht zur Einheit, sondern zur Vertiefung der schon existierenden Meinungsverschiedenheiten und zu einer vermehrten Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft“.

Im Rahmen der Vorbereitung auf das „Heilige und Große Konzil“ auf Kreta hätten sich die orthodoxen Kirchen einmütig auf den Vorgang der Proklamation der Autokephalie einer neuen Kirche geeinigt, betonte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats: Die „Mutterkirche“ müsse die Initiative ergreifen, dann müsse das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel die Zustimmung aller autokephalen Kirchen zu erlangen trachten. In der Vorbereitungsphase für Kreta sei man über alles einig gewesen, nur protokollarische Probleme – wie die Rangfolge der Unterschriften auf dem „Tomos“ – seien offen geblieben. Trotzdem werde jetzt eine Prozedur angefangen, bei der die russisch-orthodoxe Mutterkirche und die kanonische ukrainische Kirche übergangen werden. Man habe den Eindruck, dass der Weg der Orthodoxie in der Ukraine von Schismatikern, Repräsentanten der säkularen Staatsbehörden und Parlamentariern, „von denen nicht wenige griechisch-katholisch sind oder überhaupt anderen Religionsbekenntnissen angehören“, bestimmt werden soll.

Auf die Frage, ob die Bemühungen um eine „ukrainische Autokephalie“ auch einen politischen Hintergrund im Hinblick auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen haben, stellte Metropolit Hilarion fest, für die Politiker sei die Diskussion um die Autokephalie eine Gelegenheit, die dramatische wirtschaftliche Krise der Ukraine zu verschleiern. Die Schismatiker wiederum, die sich – „mit Unterstützung der ukrainischen Behörden“ – ständig Gotteshäuser der kanonischen Kirche aneignen wollen, hätten ein vitales Interesse, eine „kanonische Grundlage“ zu erhalten. Besonders scharf äußerte sich der Metropolit im Hinblick auf die „Unierten“ (die griechisch-katholische ukrainische Kirche). Er sieht einen Masterplan der „Unierten“, der schon 2016 beim ersten Appell des ukrainischen Parlaments an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. sichtbar geworden sei. Die meisten Abgeordneten, die den Appell unterstützten, seien griechisch-katholische Christen gewesen. Auch bei dem jüngsten Appell an Konstantinopel seien wieder „unierte“ Abgeordnete federführend gewesen. Die „Unierten“ würden die Anerkennung der Schismatiker als kanonische autokephale Kirche durch das Ökumenische Patriarchat als „ersten Schritt“ sehen, um die „Vereinigung aller Kirchen“ zu erreichen, die aus der „Taufe des Heiligen Wladimir“ hervorgegangen sind – und zwar unter dem „Omophorion“ (der Oberhoheit) des römischen Papstes. Den Slogan der „Autokephalisten“: „Ein unabhängiger Staat braucht eine unabhängige Kirche“ bezeichnete Metropolit Hilarion als „zutiefst lügnerisch und antikirchlich“. Im übrigen habe noch kein ukrainischer Politiker, der sich über die Verbindung der autonomen kanonischen Kirche mit dem Moskauer Patriarchat aufrege, an der Verbindung der griechisch-katholischen Kirche oder auch der Kirche des lateinischen Ritus mit Rom Anstoß genommen.

Auffassungsunterschied zu Bartholomaios I.

Im Zusammenhang mit der Ukraine-Diskussion wird auch die von Metropolit Hilarion in einem Interview mit dem russischen TV-Sender „Rossija 24“ geäußerte Skepsis zu den Äußerungen von Patriarch Bartholomaios I. im Hinblick auf die Wiedervereinigung von katholischer und orthodoxer Kirche gesehen. Der Ökumenische Patriarch hatte am 3. April bei einer Begegnung mit einer römischen Priesterdelegation unter Führung des Papstvikars für die Tiber-Metropole, Erzbischof Angelo De Donatis, die Überzeugung geäußert, dass der Weg zur Einheit von katholischer und orthodoxer Kirche – „wenn auch langsam, bisweilen mit Schwierigkeiten“ – nicht aufzuhalten sei, weil das dem Willen Gottes entspreche.

Metropolit Hilarion meinte dazu am 29. April in seinem regelmäßigen „Rossija 24“-Interview, er teile auf der Grundlage einer realistischen Analyse der Situation in der Orthodoxie und im orthodox-katholischen Dialog die Auffassung des Ökumenischen Patriarchen nicht. Es sei richtig, dass das Glaubensbekenntnis beider Kirchen übereinstimme, „mit Ausnahme eines Wortes, das die Katholiken im Hinblick auf den Ausgang des Heiligen Geistes hinzugefügt haben“. Aber man könne auch die fast „eintausendjährige Geschichte der getrennten Existenz“ nicht vergessen. In dieser Zeit hätten sich in dogmatischen Fragen Unterschiede angehäuft, aber auch in anderer Hinsicht, zum Beispiel gebe es Personen, die in der katholischen Kirche als Heilige betrachtet werden, in der orthodoxen Kirche hingegen als Häretiker und als „Verfolger der Orthodoxie“.

In diesem Zusammenhang erinnerte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats an die Einsetzung der gemischten katholisch-orthodoxen Kommission im Hinblick auf die Heiligsprechung des kroatischen Kardinals Alojzije Stepinac. Für die orthodoxen Serben habe er an dem vom „Ustascha“-Regime angeordneten Völkermord teilgenommen, für die Katholiken sei er ein Heiliger. Es gebe vieler solcher Beispiele. Metropolit Hilarion nannte ausdrücklich die Kreuzzüge der lateinischen Ritter, die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder wiederholten Versuche, orthodoxen Christen die Union mit Rom aufzuzwingen. Die Kreuzzüge seien Ereignisse der Vergangenheit, aber die „Unierten“ gebe es noch heute. Sie seien nach wie vor gegen die Orthodoxen aktiv, in der Ukraine habe man in den letzten fünf oder sechs Jahren gesehen, dass die „Unierten“ anti-orthodoxe Aktivitäten fortsetzen. Aus all diesen Gründen könne er die Meinung von Patriarch Bartholomaios nicht teilen.

Bei der Begegnung mit den Priestern aus Rom hatte Bartholomaios I. seine Gefühle des Respekts und der Brüderlichkeit im Hinblick auf Papst Franziskus hervorgehoben. Die Begegnungen, die gemeinsame Beharrlichkeit bei der Suche nach Wegen zur Lösung der noch offenen Fragen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche seien von großem gegenseitigen Respekt, Vertrauen und wahrhaft christlicher Liebe gekennzeichnet gewesen. Auf diesem Hintergrund habe auch der offizielle katholisch-orthodoxe theologische Dialog Früchte gebracht, wie etwa die gemeinsame Erklärung der Vollversammlung der Dialogkommission in Chieti 2016 über Primat und Synodalität.

Ausdrücklich betonte der Ökumenische Patriarch bei der Begegnung mit den römischen Priestern auch den Wunsch nach einem gemeinsamen Osterdatum. Sobald die Zeit reif sei, würden die orthodoxe und die katholische Kirche in „aller Demut und Verfügbarkeit“ ein gemeinsames Projekt für das Osterdatum auf den Weg bringen.