US-Außenminister Pompeo besucht den Ökumenischen Patriarchen

Verärgerung in Ankara, weil die Visite des Außenministers am Bosporus ausschließlich Bartholomaios I. gilt

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Foto: © Klearchos Kapoutsis from Santorini (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Washington-Konstantinopel, 14.11.20 (poi) Der US-amerikanische Außenminister Michael Pompeo wird bei seiner bis 23. November anberaumten Europa- und Nahost-Tour (u.a. nach Frankreich, Georgien, Israel, Qatar, und in die Vereinigten Arabischen Emirate) in der Türkei ausschließlich Konstantinopel besuchen und dort mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zusammentreffen. Das Nahverhältnis zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und dem State Department ist ein seit Jahrzehnten in der Weltorthodoxie vieldiskutierter Aspekt. Außer mit Bartholomaios I. wird Pompeo – der trotz seiner italo-amerikanischen Herkunft im heimatlichen Wichita im Bundesstaat Kansas ehrenamtlicher Diakon einer unabhängigen presbyterianischen Gemeinde ist – am Bosporus auch mit dem armenisch-apostolischen Patriarchen Sahag II. Mashalian und mit dem syrisch-orthodoxen Metropoliten Mor Philoxenos Yusuf Cetin zusammentreffen. Voraussichtlich wird ein wichtiges Thema im Gespräch von Bartholomaios I. mit Pompeo die nach wie vor ungelöste Frage einer Wiedereröffnung der orthodoxen Theologischen Fakultät und des Priesterseminars auf der Marmara-Insel Chalki sein.

Schon die Ankündigung des Besuches von Pompeo im Phanar wurde in Ankara mit äußerstem Missfallen aufgenommen. Das State Department hatte am Dienstag gemeldet, dass der Außenminister in Istanbul mit dem Ökumenischen Patriarchen zusammentreffen wolle. Es sei vorgesehen, über religiöse Fragen in der Türkei zu reden und die entschlossene Haltung Washingtons im Hinblick auf die Religionsfreiheit in aller Welt darzulegen. Das Außenministerium in Ankara reagierte mit der Feststellung, dass die Erklärung aus Washington „extrem unangemessen“ sei. Denn in der Türkei seien die Rechte der Bürger unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit zur „freien Ausübung ihres Glaubensbekenntnisses“ geschützt. Für die US-Politik wäre es besser, „zuerst in den Spiegel zu schauen“ und dabei die notwendige Sensibilität für Menschenrechtsverletzungen wie Rassismus, Islamophobie und Hassverbrechen im eigenen Land zu zeigen. Diese Stellungnahme sei auch der amerikanischen Seite übermittelt worden. Man habe Washington eingeladen, sich lieber auf die Kooperation zwischen  den USA und der Türkei in „regionalen und globalen“ Fragen zu konzentrieren.

In Washington wurde später festgestellt, der Zeitplan Pompeos sei sehr eng, daher seien keine Begegnungen mit türkischen Offiziellen vorgesehen. Ein Sprecher des State Department meinte: „Der Zeitplan ist sehr eng, ich verstehe, dass auch die türkischen Offiziellen – einschließlich des Präsidenten und des Außenministers – ihre Reisepläne haben und daher nicht in Istanbul sein werden“.

Mittlerweile kündigt sich noch eine andere „Bruchstelle“ im Verhältnis zur Türkei an, die nicht nur in Washington, sondern auch in vielen europäischen Außenministerien Kopfzerbrechen bereitet. 2021 ist das 200-Jahr-Gedenken der griechischen Revolution von 1821 fällig. Dabei wird es unvermeidlicherweise nicht nur zu einer kritischen Beurteilung der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft in Griechenland kommen, auch die Ereignisse der letzten 200 Jahre – einschließlich der „Kleinasiatischen Katastrophe“ und des nach wie vor ungelösten Zypern-Problems – werden zu berücksichtigen sein. Der US-amerikanische Botschafter in Athen, Geoffrey Pyatt, hatte dieser Tage eine ausführliche Videokonferenz mit der Vorsitzenden des Komitees „Griechenland 2021“, Gianna Angelopoulou-Daskalaki, wie die Website „Orthodox Times“ berichtet. Im Hinblick auf die große „Greek Community“ in den Vereinigten Staaten wird es auch auf amerikanischem Boden zahlreiche Veranstaltungen zum 200-Jahr-Gedenken geben.

 

Pompeo kommt am 17. November 

Der Phanar hat den 17. November als Datum des Besuchs von Außenminister Pompeo bei Bartholomaios I. bekanntgegeben. In der Mitteilung wurde darauf verwiesen, dass auch frühere US-amerikanische Außenminister – u.a. Madeleine Albright, John Kerry und Hilary Clinton –  im  Phanar zu Gast waren. In diesen Besuchen sei die Bedeutung des Ökumenischen Patriarchats als einer Institution mit lang zurückreichender Geschichte sichtbar geworden, das Patriarchat habe einen überaus wertvollen Beitrag für die globale Zivilisation geleistet. Pompeo wolle mit Bartholomaios I. Fragen der Grundrechte und der Religionsfreiheit besprechen, für die sich die Vereinigten Staaten immer eingesetzt hätten.

Bereits im Februar 2019 habe Pompeo den Patriarchen nach Washington eingeladen, um aktuelle Fragen, wie die Rolle der Religionen bei der Festigung von Frieden und Stabilität in der Welt zu diskutieren. Wegen der vielen Verpflichtungen des Ökumenischen Patriarchen  sei dieses Treffen in den Vereinigten Staaten aber nicht zustande gekommen. Der Phanar bekundete seine Dankbarkeit dafür, dass Pompeo jetzt den Besuch im Ökumenischen Patriarchat in das Programm seiner Zehn-Tage-Reise nach Europa und Nahost einbezogen habe.

In einem auf seiner Heimatinsel Imbros geführten Interview mit der nordamerikanischen griechischen Zeitung  „National Herald“ hat Bartholomaios I. neuerlich seine Konzeption der Aufgaben des Ökumenischen Patriarchen dargelegt. In einer ungeteilten weltweiten Orthodoxie müsse es einen Ersten („Protos“) geben, der nicht nur den ersten Ehrenplatz innehabe, sondern auch besondere Verantwortungen und kanonische Kompetenzern wahrnehmen müsse, die ihm die Ökumenischen Konzilien zugesprochen hätten. Das sei die Garantie für die Einheit und das gemeinsame Zeugnis der Orthodoxie in der Welt von heute.

Als seine größte Sorge bezeichnete es Bartholomaios I., dass es immer noch nicht gelungen sei, die Theologische Fakultät und das Priesterseminar auf der Marmara-Insel Chalki  wieder zu eröffnen. Er könne nicht verstehen, warum die Regierung in Ankara Befürchtungen angesichts einer Wiedereröffnung des Seminars hege, warum sie vor der Präsenz von 50 bis 100 Studenten Angst habe, die als Priester oder Lehrer der Menschheit dienen werden, als „Verkünder von Nächstenliebe und Frieden“ sowie als Vorkämpfer der Solidarität zwischen den Nationen.