Versöhnungsakt in Dalmatien

Serbisch-orthodoxer Metropolit von Zagreb feierte in Anwesenheit des kroatischen Ministerpräsidenten Andrej Plenkovic in Varivode Gedenkgottesdienst für sieben zwei Monate nach der kroatischen „Sturm“-Kampagne von 1995 ermordete ältere serbische Ortsbewohnerinnen und -bewohner

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Foto: © spc.rs (Quelle: www.spc.rs; Lizenz: Erlaubnis der Redaktion)

Zagreb, 29.09.20 (poi)  In Dalmatien hat am Montag, 28. September, ein bemerkenswerter Versöhnungsakt stattgefunden: Der serbisch-orthodoxe Metropolit von Zagreb, Porfirije (Peric), zelebrierte gemeinsam mit dem örtlichen Bischof Nikodim (Kosovic) in Varivode ein Requiem für neun ältere serbische Dorfbewohner, die 1995 zwei Monate nach der kroatischen Kampagne „Stum“ (Oluja) von kroatischen Soldaten oder Polizisten ermordet wurden. Bei dem Gottesdienst waren u.a. der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenkovic, der stellvertretende Ministerpräsident Boris Milosevic, weitere politische Repräsentanten aus Kroatien und Serbien und der Präfekt von Knin, Goran Pauk, anwesend. Metropolit Profirije betonte, dass das Gedenken an die schuldlosen Opfer „eine Warnung an alle“ sei. Das Verbrechen von Varivode sei ein „schreckliches Übel“ gewesen, das die menschliche Würde beleidigt habe.

Das Verbrechen von Varivode ereignete sich am 28. September 1995. Kroatische Soldaten und Polizisten ermordeten neun serbische Dorfbewohner, die nach der „Sturm“-Kampagne nicht geflüchtet waren. Das  jüngste Opfer war der 59-jährige Dusan Dukic, das älteste der 84-jährige  Mirko Pokrajac. Nach Zeugenaussagen waren schon Tage vor den Mordtaten „Personen in kroatischen Uniformen“ ins Dorf gekommen und hatten in den Häusern Wertgegenstände geraubt. Sechs kroatische Soldaten wurden angeklagt, aber schließlich wegen „Mangels an Beweisen“ freigesprochen. 2012 stellte das kroatische Höchstgericht fest, dass es sich um einen „terroristischen Akt“ gehandelt habe und dass die Republik Kroatien die Schuld trage. Ministerpräsident Plenkovic versuchte in Varivode, den damaligen ex-kommunistischen Staatschef Franjo Tudjman zu entlasten: Dieser habe am 4. August 1995  an die serbischen Einwohner in den umstrittenen Gebieten appelliert, zu Hause zu bleiben und „ohne Angst um Leben und Eigentum“ auf die kroatische Regierung zu setzen, die ihnen alle Bürgerrechte sichern werde. Plenkovic räumte ein, dass das Verbrechen von Varivode „nicht das einzige“ war, es gebe keine Rechtfertigung für diese Verbrechen, „die uns aufrichtig leidtun“. Jedes dieser Verbrechen sei überaus schmerzlich für die Familien und darüber hinaus eine hässliche Narbe auf dem „defensiven Charakter“ des „vaterländischen Krieges‘“ (wie die „Oluja“-Kampagne in Kroatien offiziell genannt wird). Das „legitime Recht auf Verteidigung“ könne keine Begründung für Missetaten sein. Bei den Verbrechen habe es sich um die Vergehen von Einzeltätern gehandelt, die sich das Fehlen der staatlichen Autorität zunutze machten. Keinesfalls seien diese Verbrechen die „Politik des kroatischen Staates, der militärischen Führung oder gar des Präsidenten Franjo Tudjman“ gewesen. Die Serben in Kroatien müssten auch anerkennen, dass Kroatien vom Milosevic-Regime und der jugoslawischen Volksarmee angegriffen worden sei. Es gebe keine Rechtfertigung für den bewaffneten Aufstand gegen die rechtmäßig gewählte kroatische Regierung. „Wir müssen alle unseren Anteil an der Verantwortung akzeptieren, die Gewalttätigkeit der Ereignisse sehen, die dann stattfanden, und auf die Zukunft schauen“, so Plenkovic.

Der serbische Abgeordnete im kroatischen Parlament Milorad Pupovac bezeichnete den Besuch von Plenkovic in Varivode – ebenso wie die vorangegangene Visite des stellvertretenden Ministerpräsidenten Boris Milosevic in Knin und die von Veteranenminister Tomo Medved in Plavno – als „politisch mutige Akte“, damit alle „ihrer Toten in Frieden und gegenseitigem Respekt“ gedenken können. „Kriege beginnen mit harten Worten, die Feindschaft und Hass schüren, sie enden, wenn diese Worte verschwinden“, sagte Pupovac in Varivode. Er betonte seine Hoffnung, dass nach 25 Jahren „Worte des Gedenkens“ an die Stelle jener Worte treten, die damals „den Krieg geschürt haben“.

Im April 2010 wurde ein hölzernes Denkmal für die Opfer von  Varivode errichtet. Aber schon bald wurde die Gedenktafel von einem „kroatischen Veteran“ zerstört. Die damalige Ministerpräsidentin Jadranka Kosor ordnete eine umfassende Untersuchung an. Das Denkmal wurde in Stein wiedererrichtet und am 10. Mai 2010 vom Staatspräsidenten Ivo Josipovic eingeweiht. Josipovic sagte damals, „Vergeltung, Räuberei und Verbrechen“ seien „unentschuldbar“, „Blut und Schande“ könnten nicht weggewaschen werden. Die neun älteren serbischen Männer und Frauen seien ermordet worden, als es keinen Krieg mehr gab. Milorad Pupovac betonte damals, er hoffe, dass nach der Errichtung des Denkmals für die serbischen Opfer alle Bewohner der dalmatinischen Gegend, Orthodoxe und Katholiken, Kroaten und Serben, die Gegensätze überwinden können, „damit wir alle gegenseitige Verantwortlichkeit empfinden, sodass sich solche Verbrechen nie mehr ereignen können“.