Verstärktes wissenschaftliches Interesse an der syrischen Tradition des Christentums

Junger Linzer Theologe Joachim Jakob wurde für seine Arbeit „Syrisches Christentum und früher Islam“ mit dem Karl-Rahner-Preis ausgezeichnet – Italienische Iranistin Chiara Barbati analysiert an der Akademie der Wissenschaften die ostchristlichen Texte aus der Oase Turfan

0
533
Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain/ United States public domain tag)

Innsbruck-Wien, 30.04.19 (poi) In der österreichischen Wissenschaft verstärkt sich das Interesse an der syrischen Tradition des Christentums, die ebenso wichtig wie die griechische und die lateinische Tradition ist. So geht der diesjährige Karl-Rahner-Preis für Theologische Forschung an den jungen Linzer Theologen Joachim Jakob für seine Arbeit „Syrisches Christentum und früher Islam. Theologische Reaktionen in syrischsprachigen Texten vom 7. bis 9. Jahrhundert“. Die Untersuchung Jakobs erschließt eine in Mitteleuropa  weitgehend unbekannte christliche Diskussion mit dem Islam und bietet eine systematische Einordnung der Quellen. Die Besonderheit dieser Texte beruht auch darauf, dass sie im muslimischen Herrschaftsbereich entstanden sind und entstehen konnten (während heute ein Hinweis auf islamkritische Äußerungen eines oströmischen Kaisers und Lehensmannes des osmanischen Sultans größte Aufregung auslöste, scheint die Erörterung der theologischen Auffassungsunterschiede zwischen Christen und Muslimen in den ersten Jahrhunderten des Islam selbstverständlich gewesen zu sein).

„Die Arbeit Jakobs ermöglicht nicht nur der Theologie, sondern allen am interreligiösen Dialog Interessierten eine Weitung des Blicks durch vorzüglich historische Arbeit an den Quellen“, heißt es in der auf der Website der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck veröffentlichten Begründung für die Vergabe des Karl-Rahner-Preises.  Der Karl-Rahner-Preis für Theologische Forschung wird seit 1984 von der Karl-Rahner-Stiftung ausgeschrieben und ist mit 5.000 Euro dotiert. Er erinnert an den Jesuiten und Theologen Karl Rahner (1904-1984), der als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts gilt und als Berater von Kardinal Franz König großen Einfluss auf das Zweite Vatikanische Konzil hatte.

Die Tageszeitung „Die Presse“ berichtete am 27. April über die Forschungsarbeit der jungen Wissenschaftlerin Chiara Barbati am Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Chiara Barbati, die an der römischen „Sapienza“-Universität indoeuropäische Sprachen und Iranistik studiert hat, beschäftigt sich mit der Analyse der von 1902 bis 1914 in der Oase Turfan im chinesischen Ost-Turkestan (Hsinkiang) entdeckten rund 1.000 Bruchstücke von Handschriften aus dem 9. bis 11. Jahrhundert in sogdischer und syrischer Sprache. Im Gespräch mit der „Presse“ sagte Chiara Barbati: „Wir sehen am Inhalt und an der Sprache der Texte, dass es sich um eine ostchristliche Gemeinschaft handelte“. In ihrer Analyse möchte die Wissenschaftlerin – deren Arbeit vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird – mehr über die Menschen herausfinden, die in der Turfan-Oase – einem wichtigen Knotenpunkt der Seidenstraße – gelebt haben.

„Zeugnisse des syrisch-ostkirchlichen Christentums haben einen engen Bezug zur Gegenwart“, betonte Chiara Barbati im Gespräch mit der „Presse“: „Dieses Christentum ist in der Türkei, in Syrien, im Irak und in der Diaspora in Europa, Kanada, den USA und Australien immer noch sehr lebendig, auch wenn manche seiner Sprachen als ausgestorben gelten“. Zu diesen ausgestorbenen Sprachen zählt auch das Sogdische, eine mitteliranische Sprache, die in Zentralasien von der Antike bis zum Mittelalter weit verbreitet war und in der sich die Händler an der Seidenstraße verständigten. Auch syrische Mönche hätten das Sogdische genutzt, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und sie für den christlichen Glauben zu gewinnen. Chiara Barbati zählt zu der Handvoll von Forschern, die es noch beherrschen. Sie betont: „Die Sprachen, die wir als tot bezeichnen, waren ja einmal lebendig. Hinter ihnen stehen Menschen, Begegnungen und die Notwendigkeit, sich etwas mitzuteilen: ein Bedürfnis, ein Gefühl, religiöse Botschaften, politische und künstlerische Ideen oder schlichtweg Warenpreise und Alltagsangelegenheiten“.

Schon als Schülerin hegte die in L’Aquila geborene Italienerin eine Leidenschaft für alte Sprachen. Diese frühen Neigungen veranlassten sie zu einem Studium, dem in Österreich die Indogermanistik entsprechen würde. Dabei befasste sich u.a. mit Sanskrit und Armenisch, doch am meisten faszinierten sie die iranischen Sprachen: „Die Folge war ein Promotionsstudium in Orientalistik mit dem Schwerpunkt Iran und Zentralasien in der Antike und im Mittelalter. Das Leben in der außerordentlich vielgestaltigen Region anhand der dort miteinander in Kontakt tretenden Sprachen zu erforschen, finde ich unglaublich spannend“.