Vor 110 Jahren wurde die Göttliche Liturgie erstmals auf albanisch gefeiert

Der Gottesdienst fand in Boston statt – Der Zelebrant von 1908 wurde als Bischof Fan Noli eine berühmte Gestalt der albanischen kirchlichen und politischen Geschichte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts

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Foto: J. Majori (Quelle: Wikimedia, Lizenz: U.S. Copyright Office)

Tirana-Boston, 26.03.18 (poi) Die albanisch-orthodoxe Kirche gedenkt in diesen Tagen der erstmaligen Feier der Göttlichen Liturgie in albanischer Sprache, die vor 110 Jahren in Boston stattfand. Zelebrant war der junge albanische Priester Theophanos (Fan) Noli, der später auch in der Politik und Literatur Albaniens eine Rolle spielen sollte. Bis 1908 war in albanischen Gemeinden orthodoxer Konfession die Liturgie ausschließlich auf griechisch oder kirchenslawisch gefeiert worden.

Fan Noli stammte aus dem albanischsprachigen Dorf Ibrik Tepe in der Nähe von Adrianopel (heute: Edirne) in Thrakien. Als junger Mann lebte Noli in Athen und im ägyptischen Alexandrien. Er war als Hauslehrer, Übersetzer und Schauspieler tätig. Über seine Kontakte zur albanischen Diaspora wurde er früh ein Anhänger der albanischen Nationalbewegung „Rilindja“. 1906 emigrierte er in die Vereinigten Staaten, 1907 entschloss er sich für das Priestertum, Anfang 1908 wurde er vom russisch-orthodoxen Erzbischof Platon in New York zunächst zum Diakon, dann zum Priester geweiht. Am 22. März 1908 zelebrierte er im Saal der „Knights of Honor“ in Boston – einem beliebten Treffpunkt der albanischen Immigranten – zum ersten Mal die Göttliche Liturgie in albanischer Sprache, wobei er eine persönliche Übersetzung der liturgischen Texte benutzte. In den folgenden Jahren gelang es Noli, in Boston eine stabile albanischsprachige orthodoxe Gemeinde zu bilden. Von 1908 bis 1912 absolvierte Noli ein Studium in Harvard. 1911 führte ihn eine mehrmonatige Europareise in damalige Zentren der albanischen Diaspora wie Odessa, Bukarest und Sofia, wo er jeweils die Liturgie in albanischer Sprache feierte. Im März 1918 wurde er zum Administrator der albanischen orthodoxen Gemeinden in den USA ernannt. Während des Ersten Weltkriegs war Noli in den USA als Vorsitzender des Vereins „Vatra“ praktisch Spitzenvertreter der albanischen Diaspora. Nach dem Krieg konnte er den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson dazu bewegen, sich bei den Pariser Friedensverhandlungen für die albanische Unabhängigkeit auszusprechen, die dann auch erreicht werden konnte. 1920 wurde das neue Albanien in den Völkerbund aufgenommen. Auch dieser Erfolg war wesentlich ein Verdienst Nolis.

1923 wurde Noli zum Bischof gewählt und empfing die Bischofsweihe. So wurde die eigenständige Hierarchie der im Entstehen begriffenen albanischen orthodoxen Kirche begründet. Parallel machte Noli auch politisch Karriere. 1921 war er als Vertreter der liberalen „Vatra“-Partei ins albanische Parlament gewählt worden, wo er diese Fraktion leitete. Er war kurze Zeit Außenminister unter Ministerpräsident Xhafer Ypi und stand dann in scharfer Opposition zu Ypis Nachfolger Ahmet Zogu, der die „Agas“, die Großgrundbesitzer, anführte. Als Zogu im Mai 1924 vor dem Volkszorn nach Jugoslawien fliehen musste, war der Weg frei für eine liberale Regierung unter Fan Noli. Im Juni 1924 wurde der Bischof Ministerpräsident. Sein demokratisches Reformprogramm war in der politischen Elite sehr unbeliebt und bereits zu Weihnachten 1924 wurde Noli von den Anhängern Zogus gestürzt. Er floh nach Italien und kehrte später in die USA zurück, wo er im Exil ab 1932 eine demokratische Opposition gegen Zogu zu formieren versuchte, der sich 1928 zum König von Albanien erklärt hatte.

Noli engagierte sich auch von Amerika aus für die Entwicklung einer autokephalen orthodoxen Kirche von Albanien. Insbesondere wirkte er an der Übersetzung der liturgischen Texte ins Albanische mit. Er war aber auch als Übersetzer von Werken der Weltliteratur (zB der Dramen von William Shakespeare) in seine Muttersprache und als Musikwissenschaftler aktiv. Seinen Lebensabend verbrachte Noli in Florida, wo er im März 1965 im Alter von 83 Jahren starb.

Die Gestalt Fan Nolis steht am Anfang der Entwicklung der autokephalen orthodoxen Kirche von Albanien. Noch im 19. Jahrhundert waren die orthodoxen Christen auf dem Gebiet des heutigen albanischen Staates eng mit der griechischen Kirche verbunden  gewesen. Gleichwohl war es ein orthodoxer Christ, Kostandin Kristoforidhi (1827–1895), der als Erster große Teile der Bibel ins Albanische übersetzte. Von ihm stammt die erste vollständige Übertragung des Neuen Testaments und der Psalmen. Ende des 19. Jahrhunderts gab es auf dem Gebiet des heutigen Albanien sechs orthodoxe Bischofssitze, die alle dem Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel unterstanden und sämtlich mit griechischen Amtsträgern besetzt waren. Mit den Balkankriegen 1912/13 begann die griechisch-albanische Auseinandersetzung um die Region Epirus.

Nach dem Ersten Weltkrieg bekamen nationalalbanische Ansichten innerhalb der orthodoxen Kirche eine größere Bedeutung und es entstand eine Bewegung, die sich um die Lösung der albanischen Eparchien von der griechischen Kirche bemühten. 1921 wurden die vier griechischstämmigen Bischöfe des Landes verwiesen. Die Gründe dafür waren politisch, aber auch das Festhalten an der griechischen Liturgiesprache wurde ihnen zur Last gelegt. In dieser aufgeregten Zeit war auch Fan Noli in kirchlichen Fragen aktiv. 1929 erklärte sich die albanisch-orthodoxe Kirche einseitig für autokephal. Aber erst 1937 kam es zur offiziellen Anerkennung der albanischen Autokephalie durch den Ökumenischen Patriarchen Benjamin.

Mit der Machtübernahme der Kommunisten unter Enver Hoxha 1944 wurde auch die orthodoxe Kirche unterdrückt. Die Orthodoxen hatten zunächst geglaubt, sich auf irgendeine Weise mit dem neuen Regime arrangieren zu können. Spätestens als die Kommunisten im Jahr 1949 Erzbischof Kristofor (Kisi) absetzten, erwies sich diese Annahme als Illusion. Als Albanien 1967 zum atheistischen Staat erklärt wurde, waren die kirchliche Hierarchie und die Institutionen der Orthodoxie praktisch schon zerschlagen. Nun wurden die verbliebenen Kirchen geschlossen, und die letzten noch in Freiheit lebenden Priester kamen ins Gefängnis.

Der institutionelle Neuanfang begann im Juli 1991 durch die Ankunft des zuvor in Kenia tätigen Bischofs und Missionswissenschaftlers Anastasios Yannoulatos. Der Bischof berief im August 1991 eine Kirchenversammlung ein, auf der Priester und Laien aus allen albanischen Diözesen über den Wiederaufbau der Kirche berieten. Noch im gleichen Jahr wurde er vom Ökumenischen Patriarchen und mit dem Einverständnis der Synode im Phanar sowie des Klerus und der orthodoxen Bevölkerung Albaniens zum Erzbischof von ganz Albanien ernannt. Auch die Regierung akzeptierte die Ernennung. Die Weihe der neuerrichteten Auferstehung Christi-Kathedrale in Tirana besiegelte dann im Jahr 2012 den Wiederaufbau der albanischen orthodoxen Kirche,