Vor 40 Jahren starb Metropolit Nikodim in den Armen des Papstes

Der Metropolit gilt als einer der bedeutendsten russischen Bischöfe des 20. Jahrhunderts – Gedenkfeier in der Theologischen Akademie in St. Petersburg

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Foto: © Harry Pot (1929–1996) This is an image from the Nationaal Archief, the Dutch National Archives, and Spaarnestad Photo, donated in the context of a partnership program (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Netherlands)

Moskau, 05.09.18 (poi) Mit einer Feier in der Theologischen Akademie in St. Petersburg wurde am Dienstagabend des 40. Todestages von Metropolit Nikodim (Rotow) gedacht, der am 5. September 1978 im Vatikan in den Armen von Papst Johannes Paul I. einem Herzanfall erlegen war. Metropolit Nikodim gilt als einer der bedeutendsten russischen Bischöfe des 20. Jahrhunderts, ein Vorkämpfer der panorthodoxen Einheit und der ökumenischen Öffnung; der jetzige Patriarch Kyrill I. war einer seiner Schüler. „Metropolit Nikodim war eine einzigartige Persönlichkeit“, sagte Kyrill I.: „Wir alle sollten uns bemühen, wenigstens ansatzweise Christus so zu dienen wie es dieser großartige Mann der Kirche getan hat“. An der Gedenkfeier nahmen zahlreiche russisch-orthodoxe Bischöfe und Theologen, Mönche und Nonnen und viele Studenten teil. Die Feier fand bewusst in der Theologischen Akademie statt, um die Verdienste des Metropoliten um die Wiederbelebung der theologischen Wissenschaft in Russland zu würdigen; Metropolit Nikodim war es zu danken, dass während der „Chruschtschowtschina“ – der vom Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Nikita S. Chruschtschow (an der Macht 1953-1964), inszenierten Kirchenverfolgung – die Theologische Akademie nicht geschlossen wurde.

Der Rektor der Akademie, Bischof Serafim, erinnerte daran, dass Metropolit Nikodim, der unter dem Regime des militanten Atheismus leben musste, mit Glauben und Vertrauen in die Zukunft geblickt habe. Er sei überzeugt gewesen, dass die Kirche eines Tages in Russland wieder frei und offen predigen und das ihrer geistlichen Verantwortung anvertraute Volk lehren und erziehen können werde. Wörtlich fügte der Bischof hinzu: „In dieser Hoffnung tat er alles, um jene Wiedergeburt der Kirche herbeizuführen, deren Zeugen wir heute alle sind“. In diesem Sinn sei der vor 40 Jahren jung verstorbene Metropolit (er wurde nur 48 Jahre alt) ein „Mann der Gegenwart“, dessen Beispiel eines „Lebens für die Kirche“ auch den heutigen Bischöfen, Priestern und aktiven Laien helfen könne, ihr Vertrauen auf Gott, den täglichen Einsatz und das Gebet zu setzen.

Auch der Metropolit von St. Petersburg, Warsonofij (Sudakow), hob hervor, dass Metropolit Nikodim gleichsam vieles vorweggenommen habe. U.a. erinnerte der heutige Metropolit von St. Petersburg daran, wie Metropolit Nikodim die Zensur beseitigte, die Predigten der Priester nicht kontrollierte und sie nicht den damaligen „Organen“ der Staatssicherheit vorlegte. Ebenso sei es Nikodim zu verdanken gewesen, dass in der Newa-Metropole nach Jahrzehnten wieder die Kirchenglocken läuten durften. Durch sein Engagement im ökumenischen und interreligiösen Dialog wie auch für die Völkerverständigung sei es dem Metropoliten immer wieder gelungen, Eingriffe der Staatsorgane in das kirchliche Leben zu verhindern. Wann immer ausländische Delegationen in die damals Leningrad benannte Stadt kamen, habe sie der Metropolit mit dem kirchlichen Leben an der Newa bekannt gemacht.

Schon als Leiter der russisch-orthodoxen Geistlichen Mission in Jerusalem (1956-1959) hatte Nikodim Rotow außergewöhnliche Qualitäten bewiesen. Er lernte hebräisch und arabisch, stellte „brüderliche Beziehungen“ mit dem orthodoxen Patriarchat von Jerusalem und den anderen christlichen Kirchen in der Heiligen Stadt her und überwand das Misstrauen der israelischen Behörden. Später war er der erste russische Metropolit in Sowjetzeiten, der wieder auf den Athos pilgerte. Er war zutiefst erschüttert über den Verfall des russischen Panteleimon-Klosters, wo es nur mehr drei Mönche gab. Behutsam stellte er die Weichen für die Wiedergeburt der russischen Präsenz auf dem Heiligen Berg.

Patriarch Kyrill erinnerte bei der Gedenkfeier daran, wie es seinem Lehrmeister gelang, die seit Chruschtschow wesentlich subtileren Unterdrückungsmethoden des Staatsatheismus zu konterkarieren. Die kommunistischen Behörden hätten etwa oft die Schließung von Gotteshäusern mit der Schaffung größerer Pfarrgemeinden begründet und die Schließung damit  als „innerkirchliche Maßnahme“ hingestellt. Hier habe sich Metropolit Nikodim immer verweigert. Er habe auch seine Außenbeziehungen eingesetzt, um „Maßnahmen“ der „Organe“ zu verhindern. So habe er etwa an der Theologischen Akademie eine Abteilung für die Ausbildung von ausländischen Studenten eingerichtet. Das habe nicht nur die Schließung der Akademie verhindert, sondern durch den Aufbau von internationalen Beziehungen auch die Beschaffung von neuer theologischer Literatur und den internationalen Studentenaustausch ermöglicht.

Wie Metropolit Nikodim zu handeln pflegte, schilderte der Patriarch an einem eindrucksvollen Beispiel des Jahres 1965. Zu Ostern hatten Komsomolzen (Angehörige der kommunistischen Jugendorganisation) angekündigt, dass sie die Osterprozession um die Nikolauskathedrale verhindern würden. Als sich der Metropolit beim regionalen Kommissar für religiöse Fragen beschwerte, habe dieser erklärt, die Behörden könnten die Aktionen der Jugend nicht kontrollieren. Daraufhin lud der Metropolit im Jahr 1966 zu Ostern den finnischen lutherischen Erzbischof Marti Simaeki ins damalige Leningrad ein. Gemeinsam mit dem finnischen Gast leitete der Metropolit die Prozession; im Hinblick auf die Präsenz des finnischen Erzbischofs gab es keinerlei Zwischenfälle, die Miliz sorgte nur für geordneten Ablauf, denn tausende Menschen waren gekommen. Viele hätten Tränen in den Augen gehabt, als sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder die Osterprozession unter freiem Himmel in der Newa-Metropole sehen und mitbeten konnten.

Metropolit Nikodim sei es aber auch darum gegangen, die panorthodoxe Einheit zu stärken. Bei den panorthodoxen Konferenzen der sechziger Jahre sei er jeweils der Leiter der Delegation des Moskauer Patriarchats gewesen, ebenso 1971 bei der ersten Zusammenkunft der interorthodoxen Kommission für die Vorbereitung des „Heiligen und Großen Konzils der Orthodoxen Kirche“. Der Metropolit war der Meinung, dass die Einheit der Orthodoxie nicht nur in der Einheit der Lehre und der kirchenrechtlichen Struktur bestehe, sondern auch in der Einheit des gemeinsamen Handelns der einzelnen Kirchen, das aber oft „durch Gegensätze auf Grund mangelnder Information und Kenntnis übereinander“ behindert sei.

Als Leiter des kirchlichen Außenamtes entwickelte Metropolit Nikodim Kontakte mit den anderen christlichen Kirchen. Er sorgte dafür, dass das Moskauer Patriarchat Beobachter zum Zweiten Vatikanischen Konzil entsandte. Seine Handschrift trug auch jener Beschluss des Heiligen Synods der russisch-orthodoxen Kirche, durch den zwei Jahrzehnte hindurch den katholischen Gläubigen in den Weiten der damaligen Sowjetunion der Empfang der Sakramente bei orthodoxen Priestern ermöglicht wurde. Metropolit Nikodim war fasziniert von der Gestalt des „guten Papstes“ Johannes XXIII. 1969 verfasste er seine 657 Seiten umfassende Dissertation über „Johannes XXIII., Papst von Rom“. 1984 brachte „Pro Oriente“ dieses Werk auf russisch mit einem Vorwort von Kardinal König heraus.