Vor sechs Jahren wurden die beiden Metropoliten von Aleppo entführt

Nach wie vor gibt es keine präzisen Informationen über den Verbleib der beiden Bischöfe – In den letzten Tagen mehrten sich Appelle hochrangiger Kirchenvertreter, die Klarheit und Freilassung fordern

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Foto: © Obersachse (Quelle: Wikimedia, Lizenz: GNU Free Documentation License)

Damaskus-Berlin, 21.04.19 (poi) Am Montag, 22. April, jährt sich zum sechsten Mal die Entführung der beiden Erzbischöfe von Aleppo, Mor Gregorios Youhanna Ibrahim (syrisch-orthodox) und Boulos Yazigi (antiochenisch-orthodox). Nach wie vor gibt es keine präzisen Informationen über den Verbleib der beiden Metropoliten, in beiden Kirchen besteht aber die Hoffnung, dass die Bischöfe am Leben sind. Auf der orthodoxen Website „Orthodox News OCP“ heißt es im Hinblick auf den 6. Jahrestag der Entführung: „Wo sind die beiden Bischöfe? Was ist ihr Schicksal? Nichts ist weiß, nichts ist schwarz, alles ist grau. Lasst uns hoffen und beten für ihre sichere Rückkehr“. Am Donnerstag bekundeten auch die orthodoxen Patriarchen Theodor II. (Alexandrien), Youhanna X. (Antiochien; er ist der leibliche Bruder von Metropolit Boulos Yazigi) und Theophilos III. (Jerusalem), die auf Einladung von Erzbischof Chrysostomos II. in der zypriotischen Hauptstadt Nicosia zu einer Krisensitzung zusammengekommen waren, ihre Trauer über die Gleichgültigkeit der Staaten und der „Machtzentren dieser Welt“ im Hinblick auf das Schicksal von Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi. Diese Trauer werde noch dadurch verstärkt, dass am Montag die orthodoxe Karwoche beginnt.

Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius Aphrem II. hatte seinerseits am 9. April bei einer Begegnung mit dem jordanischen König Abdullah II. die „Unklarheit“ bedauert, die den Fall der beiden entführten Metropoliten umgebe; der Patriarch ersuchte den König dringend um dessen Mithilfe, „damit die Sache ein gutes Ende nimmt“. Am selben 9. April forderten auch die Mitglieder des Ständigen Komitees des Weltkirchenrats für die Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen bei ihrer Sitzung im orthodoxen Kloster Balamand im Libanon mit Entschiedenheit die Freilassung der beiden entführten Metropoliten. In der Erklärung des Ständigen Komitees hieß es u.a.: „Die beiden Metropoliten haben die Liebe Christi für alle Menschen ohne Ausnahme unter Beweis gestellt. Das Ständige Komitee des Weltkirchenrats für die Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen lädt alle ein, beständig um die sichere Rückkehr der beiden Erzbischöfe zu ihren Kirchen, ihren Gemeinschaften und ihren Familien zu beten – als ein Zeichen der Hoffnung für alle Christen in Syrien und der ganzen Region“.

Die Entführung der Metropoliten hat sich am 22. April 2013 ereignet, als Mor Gregorios Youhanna Ibrahim seinen antiochenisch-orthodoxen Amtsbruder am türkisch-syrischen Grenzübergang Bab al-Hawa abholte; Metropolit Boulos (Yazigi) kam von einer pastoral-humanitären Mission aus Antiochien (Antakya). Auf dem Weg nach Aleppo wurde das Auto von Mor Gregorios zwischen Kafr Dael und Mansoura von „Unbekannten“ angehalten. Der Fahrer des Metropoliten, der Diakon Fathullah Kabboud, wurde erschossen, Fouad Eliya, der sich ebenfalls im Wagen befunden hatte, konnte fliehen. Eliya, der heute in den USA leben soll, sagte aus, dass die bewaffneten Entführer untereinander nicht arabisch gesprochen hätten, er hielt sie für Tschetschenen. Möglicherweise hatten die Entführer den beiden Metropoliten eine Falle gestellt, indem sie ihnen die Freilassung von zwei im Februar 2013 aus einem Linienautobus Aleppo-Damaskus entführten Priestern (dem armenisch-katholischen Geistlichen Michel Kayyal und dem antiochenisch-orthodoxen Geistlichen Maher Mahfouz) versprachen. Seit 2013 gibt es eine Fülle widersprüchlicher Versionen über das Schicksal der beiden Metropoliten nach ihrer Entführung.

Weltweit hatte die Entführung der beiden Bischöfe größte Besorgnis ausgelöst. Das kirchliche Österreich nahm besonders intensiv Anteil, weil Mor Gregorios eine der Stützen der Stiftung „Pro Oriente“ war. Kardinal Christoph Schönborn veröffentlichte im September 2013 gemeinsam mit sechs orientalischen Patriarchen einen dramatischen Appell für die Freilassung der entführten Metropoliten.

 

Deutscher „Bundesverband der Aramäer“ übt Kritik

Überaus kritisch meldete sich am Freitag der deutsche „Bundesverband der Aramäer“ im Hinblick auf den 6. Jahrestag der Entführung zu Wort (der Dachbegriff „Aramäer“ meint alle Christen der syrischen Tradition, die aber unterschiedlichen Konfessionen angehören, in Deutschland leben etwa 150.000 Aramäer, in der EU insgesamt bis zu 350.000). Der Vorsitzende des „Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland“, Daniyel Demir, meinte:  „Am 22. April erinnern Aramäer weltweit, besonders in Syrien, an den schmerzhaften 6. Jahrestag der Entführung der beiden Erzbischöfe. Mögliche Mitwisser dieses Verbrechens werden vom Auswärtigen Amt in Berlin hofiert, politisch wie auch finanziell unterstützt. Das ist ein Skandal. Wir fordern Aufklärung, der Mantel des Schweigens muss endlich abgelegt werden“.

Der Vorfall habe sich in einer Region ereignet, die sowohl militärisch als auch zivil von der syrischen Opposition kontrolliert wurde, so Demir. Hochrangige Vertreter des „Syrischen Nationalrates“ (SNC) hätten nach der Entführung immer wieder Aussagen über den Aufenthaltsort und Zustand der entführten Bischöfe sowie zu laufenden Verhandlungen und der Identität der Entführer getätigt. Der „Bundesverband der Aramäer in Deutschland“ fordere daher die deutsche Bundesregierung auf, „den politischen Druck auf den ‚Syrischen Nationalrat‘ (SNC) und dessen Unterstützer, darunter die Türkei, Katar und Saudiarabien, deutlich zu erhöhen“. Besonders das deutsche Außenministerium sei in der Pflicht, die direkten Beziehungen mit Vertretern der syrischen Opposition gezielt für eine unverzügliche Freilassung der entführten Bischöfe einzusetzen. Es bestehe eine klare Mitverantwortung zur Aufklärung.

„Die Freilassung der beiden Metropoliten wäre nicht nur für die christliche Bevölkerung Syriens, die bereits um mehr als die Hälfte geschrumpft ist, ein kraftvolles und ermutigendes Zeichen, sondern gleichzeitig auch ein dringend notwendiger Impuls für einen neuen Weg zum Dialog und Frieden innerhalb der zerrissenen syrischen Gesellschaft“, erklärte Demir. Der Vorsitzende des „Bundesverbands der Aramäer“ erinnerte daran, dass beide Bischöfe als Verfechter der friedlichen Koexistenz von Religionsgemeinschaften und Volksgruppen in Syrien tätig waren. Mor Gregorios Youhanna Ibrahim habe im Juli 2012 eine „Roadmap für den Frieden“ in Syrien veröffentlicht und darin zu Versöhnung und Dialog aufgerufen, um einen Weg zur Beendigung der Gewalt sowie zur Bewahrung des pluralistischen Gefüges der syrischen Gesellschaft aufzuzeigen.