Vor sechs Jahren wurden Pater Dall’Oglio in Syrien entführt

Pressekonferenz am Montag in der römischen „Stampa Estera“: Familie hofft nach wie vor, bedauert aber auch Versäumnisse bei den Nachforschungen

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Foto: © Gianfranco Gazzetti/Gruppo Archeologico Romano (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Rom-Washington-Damaskus, 29.07.19 (poi) Vor genau sechs Jahren wurde er entführt: Der italienische Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio (der das syrisch-katholische Kloster Der Mar Musa nördlich von Damaskus revitalisiert hatte) verschwand am 29. Juli 2013 im syrischen er-Rakka. Er war in die damalige IS-Hochburg gekommen, um mit den Terroristen über die Freilassung der entführten Metropoliten von Aleppo, Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi, zu verhandeln. Seit dem 29. Juli 2013 ist über sein Schicksal nichts bekannt, doch hinter den Kulissen laufen Bemühungen, den Ordensmann zu befreien – denn nach wie vor besteht Hoffnung, dass er trotz der Funkstille noch am Leben ist.

Am Sitz der Auslandspresse in Rom („Stampa Estera“) versammelten sich am Montag, dem Jahrestag seiner Entführung, Journalisten und Verwandte von P. Paolo Dall´Oglio, um auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Seine Schwester Francesca sagte im Gespräch mit „Vatican News“, die Familie habe die Aufmerksamkeit auf Pater Dall‘Oglio als Person und auf das Geschehen in er-Rakka vor sechs Jahren lenken wollen. Auch Papst Franziskus hat immer wieder an den entführten Mitbruder erinnert und an die Geiselnehmer appelliert, den Jesuiten freizulassen. Ende Jänner empfing er die Familienmitglieder des Ordensmannes zu einer Privataudienz.

Vor wenigen Tagen wandte sich der Papst in einem Brief direkt an den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad. Darin bat Franziskus nicht nur um konkrete Gesten für die Zivilbevölkerung der umkämpften Region Idlib, sondern auch um Aufmerksamkeit für alle während des Konfliktes verschwundenen Menschen. „Das habe ich als eine sehr wichtige Botschaft von großer Bedeutung wahrgenommen“, sagte Francesca Dall’Oglio am Montag: „Ich fühle mich als Schwester von Paolo in gewisser Weise auch als Schwester dieses Volkes, das leidet, und bin allen Familien nahe, die Verwandte haben, die in Syrien verschwunden oder verhaftet worden sind und von denen sie keine Nachricht haben. Das ist die wahre Tragödie, die internationale Aufmerksamkeit erfahren muss. Was das betrifft, hat Papst Franziskus eine starke Botschaft formuliert, auch durch die Tatsache, dass der Brief  von zwei Kardinälen –  Peter Appiah Turkson und Mario Zenari – überbracht wurde“.

Paolo Dall’Oglio habe immer versucht, konsequent zu sein und die Liebe für andere zu bezeugen, betonte die Schwester des Entführten. Er hatte sich besonders im interreligiösen Dialog engagiert, eine Tätigkeit, die ihm ernsthafte Drohungen seitens radikaler Islamisten einbrachte. Dennoch kam es für ihn, trotz einer Ausweisung durch das syrische Regime im Jahr 2012, nie in Frage, Syrien endgültig zu verlassen, um sich selbst zu schützen. Trotz der sechs Jahre ohne Lebenszeichen sei die Botschaft des Jesuitenpaters höchst aktuell, sagte Francesca Dall’Oglio: „Ich erinnere mich, dass ich das letzte Interview gehört und gelesen habe, das mein Bruder Paolo am Tag vor seiner Entführung in er-Rakka, am 28. Juli 2013, einem lokalen Fernsehsender gegeben hatte. In diesem Interview analysiert er die Situation, wiederholt aber, dass man in Syrien zu einer ‚inklusiven‘ Gesellschaft kommen muss. Er spricht von einer Föderation, von der Notwendigkeit, eine Gesellschaft zu schaffen, die in der Lage ist, alle Verschiedenheiten aufzunehmen“.

Bei der Pressekonferenz in der „Stampa Estera“ beklagten die Geschwister des Entführten Versäumnisse bei den Nachforschungen. Die syrische Stadt er-Rakka sei seit Ende 2017 befreit, aber man habe noch immer keine Informationen über das Schicksal des Jesuiten, bedauerten sie am Montag. Die italienischen Behörden hätten zwar versichert, alles zu tun, um den Verbleib des Ordensmannes aufzuklären; erst 2018 habe die Familie aber einen Koffer von Paolo Dall’Oglio erhalten, der schon seit Juni 2014 im Besitz der Ermittler gewesen sei, so Francesca Dall’Oglio vor den Journalisten. Das Gepäckstück enthielt nach ihren Angaben alte Mobiltelefone sowie die Brieftasche und das Käppchen des Geistlichen. Die Familie habe die Gegenstände erst erhalten, nachdem sie sich aktiv darum bemüht habe. Immer noch wisse man nicht, ob Paolo Dall’Oglio noch am Leben sei. Doch in Syrien sei es schon oft zu langen Gefangenschaften gekommen, die letztlich gut ausgegangen seien, zeigten sich Francesca, Immacolata und Giovanni Dall’Oglio zuversichtlich.

US-Belohnungen für Informationen über die Entführer

Das Programm “Rewards for Justice” (Belohnungen für Gerechtigkeit) des US-amerikanischen Außenministeriums hat inzwischen Belohnungen von insgesamt fünf Millionen US-Dollar für Informationen über die Entführer von Pater Dall’Oglio und weiteren vier christlichen Geistlichen ausgelobt: P. Maher Mahfouz, P. Michel Kayyal, Metropolit Mor Gregorios Youhanna Ibrahim, Metropolit Boulos Yazigi. In der Begründung heißt es, die Entführung der christlichen Geistlichen zeige die rücksichtslosen Taktiken der IS-Terroristen, gegen die man angehen müsse.

Der griechisch-orthodoxe Priester Maher Mahfouz und sein armenisch-katholischer Mitbruder waren am 9. Februar 2013 aus einem Linienbus entführt worden. Rund 30 Kilometer außerhalb von Aleppo stoppten mutmaßliche IS-Terroristen den Bus und kontrollierten die Dokumente der Reisenden. Die beiden Priester wurden gezwungen, auszusteigen.

Am 22. April 2013 fuhr Metropolit Mor Gregorios zum syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa, um dort seinen griechisch-orthodoxen Amtsbruder abzuholen. Möglicherweise war den beiden Metropoliten vorgegaukelt worden, sie könnten an einem bestimmten Treffpunkt die beiden am 9. Februar entführten Priester in Empfang nehmen. Tatsächlich wurde das Auto von Mor Gregorios bei Mansura von Bewaffneten gestoppt, der Chauffeur, ein Diakon, wurde erschossen. Nach den Informationen des amerikanischen State Department sollen die Entführer der “al Nusra”-Front angehört haben. Diese Entführer hätten die Metropoliten dann an die IS-Terroristen “weitergereicht”.

Am 29. Juli wurde dann P. Dall’Oglio in er-Rakka entführt. Auch das State Department schreibt, der Jesuit habe mit den IS-Terroristen über die Freilassung der beiden entführten Metropoliten und der beiden entführten Priester verhandeln wollen.

Der IS stelle nach wie vor eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten und ihre Allierten und Partner im Nahen Osten dar, heißt es in der Mitteilung aus Washington: “Wir werden weiterhin unsere Partner im Irak und in Syrien in ihren Anstrengungen zur Zurückweisung der terroristischen Bedrohung unterstützen und unsere Kooperation mit der globalen Koalition zur Überwindung des IS aufrechterhalten”.

Das “Rewards for Justice”-Programm (RFJ) wird vom “Security Service” des State Department verwaltet. Bisher hat das Programm 145 Millionen Dollar für Informationen ausbezahlt, die zur Verhinderung von terroristischen Akten oder zur Ausforschung und Festnahme von Terroristen geführt haben. Das Programm wurde 1984 durch den “Act to Combat International Terrorism” begründet.