Vor sieben Jahren wurden die beiden Metropoliten von Aleppo entführt

Gemeinsame Erklärung des syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, Mor Ignatius Aphrem II., und seines griechisch-orthodoxen Amtsbruders Youhanna X. – Aufruf zum Gebet für die Metropoliten und für „alle Entführten“

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Foto: © (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)

Damaskus, 22.04.20 (poi) Vor sieben Jahren – am 22. April 2013 – wurden die beiden Aleppiner Metropoliten Mor Gregorios Youhanna Ibrahim (syrisch-orthodox) und Boulos Yazigi (griechisch-orthodox) von „Unbekannten“ entführt, als sie sich im Rahmen einer humanitären Mission auf der Fahrt vom syrisch-türkischen Grenzübergang Bab Al-Hawa nach Aleppo befanden. In einer am Mittwoch veröffentlichten gemeinsamen Erklärung des syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, Mor Ignatius Aphrem II. und seines griechisch-orthodoxen Amtsbruders Youhanna X. wird betont, dass in den letzten sieben Jahren „tausende Versuche“ unternommen wurden, um Informationen über das Schicksal der beiden entführten Metropoliten zu erhalten. Alle diese Versuche seien ergebnislos geblieben.

In ihrer Erklärung erinnerten die beiden Patriarchen daran, dass die orientalischen Christen „gemeinsam mit anderen Gruppen der Region“ mit ihrem Leben und ihrem Schicksal den Preis für Terrorismus und Gewalt in Form von „Vertreibung, Entführung, Mord und Bedrängnis aller Art“ zahlen müssten. Trotzdem seien die orientalischen Christen Jesus Christus treu geblieben, der sie vor 2.000 Jahren berufen habe, in der nahöstlichen Region „die Freude seines Evangeliums“ zu verbreiten.

In den 2.557 Tagen seit der Entführung der beiden Metropoliten sei nichts unversucht gelassen worden, um deren erhoffte Heimkehr zu ermöglichen, betonten Mor Ignatius Aphrem II. und Youhanna X.: „Wir haben an lokale, regionale und internationale Türen geklopft und Regierungen, Organisationen und einflussreiche Persönlichkeiten gebeten, sich des Falles der entführten Metropoliten anzunehmen“. Allen, die sich auf humanitärer, medialer, diplomatischer oder politischer Ebene für die Metropoliten von Aleppo eingesetzt haben, gebühre Dank. Ihr Engagement habe ein „Licht der Hoffnung“ entzündet, während das Schweigen der internationalen Gemeinschaft jeden Versuch, eine Lösung zu finden, unterminiert habe.

Die beiden Patriarchen riefen erneut zum Gebet für die Metropoliten auf, „aber auch für alle Entführten, alle Verschwundenen, alle Vertriebenen, alle Menschen, die in schrecklichen Situationen sind, aber im Blick auf das Kreuz Christi Hoffnung und Trost gefunden haben“. Überall müsse man sich bewusst werden, dass der Wert des menschlichen Lebens im Nahen Osten nicht geringer sei als in anderen Regionen. Die Corona-Pandemie sei ein klarer Beweis dafür, dass sich alle Menschen – „unter allen Umständen, jenseits aller Unterschiede von Abstammung, Religion oder Nation“ – im gleichen Boot befinden. Es sei höchste Zeit, dass die Politiker und alle, die auf den Gang der Dinge Einfluss haben, erkennen, dass alle Menschen die gleiche Würde teilen, „unabhängig von Heimatland, Sprache, Kultur und Religion“. Es sei eine bittere Erkenntnis, aber die Pandemie habe deutlich gemacht, dass die Menschen „eine gemeinsame Existenz und eine menschliche Brüderlichkeit in der weiten Welt teilen“.

Mor Ignatius Aphrem II. und Youhanna X. erinnerten daran, dass die orientalischen Christen zutiefst in ihrer Heimat verwurzelt sind. Diese Wurzeln würden niemals austrocknen oder vergehen. Die Geschichte habe die Christen der Tradition von Antiochien gelehrt, dass sie „keiner Protektion von niemandem“ bedürfen. Im Hinblick auf ihre Rolle im Orient habe die Logik des Gegensatzes von Minorität und Majorität keine Bedeutung, an die Stelle dieses Gegensatzes trete die Logik der Begegnung, des Dialogs und der Pionier-Rolle der Christen. „Wir sind keine Karte, die jemand ausspielen kann. Wir sind eine Brücke der Kommunikation und der Begegnung zwischen Ost und West, zwischen dem Christentum und anderen Religionen“, so die beiden Patriarchen wörtlich.

Gebet und Einsatz für die gekidnappten Bischöfe „und alle Entführten“ müssten weitergehen, um jenen glücklichen Ausgang zu erreichen, der von allen Christen, allen Menschen der Levante und allen Gutgesinnten ersehnt werde: „Indem wir das sagen, erinnern wir daran, dass der Kreuzweg in der Morgenröte der Auferstehung endet“.

Der geschäftsführende Generalsekretär des Weltkirchenrats, der rumänisch-orthodoxe Theologe Prof. Ioan Sauca, betonte am Mittwoch die Solidarität mit allen, die für die sichere und würdige Rückkehr der beiden entführten Metropoliten beten: „Wir sind in Gebetsgemeinschaft mit ihren Kirchen, wir erflehen von Gott ihre Rückkehr, wir sind solidarisch mit ihren Familien und wir teilen ihren Schmerz und ihre Seelenqual“.

Auch die von Göttingen aus operierende „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) erinnerte am Mittwoch an das Schicksal der beiden entführten Metropoliten. Auch nach sieben Jahren des Wartens gebe es immer noch Hoffnung auf eine Rückkehr der beiden Bischöfe. Man dürfe die Hoffnung nicht sinken lassen, so der Verband, der die beiden Bischöfe im Jahr 2014 erfolgreich für den Weimarer Menschenrechtspreis vorgeschlagen hatte.

Im Jänner hatte es Berichte gegeben, die auf den in den USA lebenden Syrer Mansur Salib zurückgingen. Demnach wären die beiden Bischöfe im Dezember 2016 von Milizionären der dschihadistischen Gruppierung „Nur-ed-din al Zengi“ (der Name eines muslimischen Herrschers von Mosul im 12. Jahrhundert) ermordet worden. Die Darstellung Salibs wurde von Experten als „fehlerhaft und unbewiesen“ eingestuft. Die beiden Patriarchate von Antiochien veröffentlichten im Hinblick auf den Salib-Report im Jänner eine Erklärung, dass es seit 2013 – und verstärkt in den letzten Monaten des Jahres 2019 – ständig „falsche und in die Irre gehenden“ Informationen über das Schicksal der beiden Metropoliten gegeben habe. Die Patriarchate würden sich durch diese Berichte nicht davon abhalten lassen, „auf der Suche nach der Wahrheit jeden Stein umzudrehen, um Aufenthaltsort und Schicksal der Metropoliten zu eruieren“. Wörtlich hieß es in der Erklärung: „Wir können die kursierenden Berichte über die entführten Metropoliten weder bestätigen noch dementieren. Wir erhalten solche Behauptungen aus unterschiedlichen Quellen tagtäglich“.