Warschau: Neue Hagia Sophia-Kathedrale wurde geweiht

Erster orthodoxer Kirchenbau in der polnischen Hauptstadt seit 1914 – Die Architektur der Warschauer Hagia Sophia ist vom Vorbild in Konstantinopel inspiriert - Die Liturgie auch als „einigendes Band mit den Vorfahren“

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Foto: © Lee Kindness (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Warschau, 21.09.20 (poi) Fünf Jahre nach der Grundsteinlegung wurde am 20. September – am Vorabend des orthodoxen Festes Mariä Geburt – die neue orthodoxe Hagia Sophia-Kathedrale in Warschau feierlich geweiht. Bei der Kathedrale handelt es sich um den ersten Neubau eines orthodoxen Gotteshauses in der polnischen Hauptstadt seit 1914. Metropolit Sawa (Hrycuniak), das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Polen, führte zum Auftakt der Weiheliturgie gemeinsam mit neun anderen Bischöfen eine feierliche Prozession zur Kathedrale; an der Prozession beteiligten sich – unter Einhaltung der coronabedingten Einschränkungen – orthodoxe Gläubige aus allen Teilen Polens. In seiner Predigt sagte der Metropolit, es sei die Liturgie, die den Menschen und seine Welt heilige, sie verbinde ihn mit Gott und den Mitmenschen. Sie sei aber auch das einigende Band mit den Vorfahren, die sich vom 16. Jahrhundert an für eine freie Heimat eingesetzt hätten „in den Wirren des Ersten und Zweiten Weltkriegs, inmitten von ‚Umsiedlungen‘ (wie der 1947 vom KP-Regime veranlassten ‚Operation Weichsel‘), Zerstörungen von orthodoxen Kirchen und massenweisen Deportationen  in die Arbeits- und Vernichtungslager der totalitären Regime von Katyn bis Mauthausen“. In besonderer Weise gedachte der Metropolit auch der orthodoxen Opfer beim Warschauer Aufstand 1944, „der ermordeten Priester, Gläubigen, Jugendlichen und Kinder“.

Metropolit Sawa betonte, dass das architektonische Konzept der Warschauer Hagia Sophia von der gleichnamigen Kathedrale in Konstantinopel inspiriert ist. Er verwies auf den Schmerz, den alle Christen bei der Rückumwandlung des konstantinopolitanischen Gotteshauses in eine Moschee empfunden hätten: „Bedenken wir, dass es – in Übereinstimmung mit Gottes Willen – möglich geworden ist, hier in Warschau, im Herzen Europas, ein Abbild des großartigen Gotteshauses am Bosporus in den liturgischen Gebrauch zu nehmen“.

Im Dezember 2015 hatte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. den Grundstein der Warschauer Kathedrale gesegnet. Damals wurde, wie Erzbischof Jerzy (Pankowski) von Breslau (Wroclaw) jetzt mitteilte, auch eine Kapsel ins Erdreich versenkt, die Erde enthält, die mit dem Blut orthodoxer Waisenkinder getränkt ist, die 1944 dem Massaker von Wola zum Opfer gefallen waren. Das Gebet sei das einzige „sichere Rezept“ für „ewiges Gedenken“, sagte der Erzbischof: „Wo, wenn nicht in einer Kathedrale, geziemt es sich, von Generation zu Generation der unschuldigen Opfer zu gedenken“.

Die Arbeit an der Innenausstattung der neuen Kathedrale ist noch nicht beendet. Mit der Fertigstellung wird im nächsten Frühjahr gerechnet. Die Kosten für Bau und Ausstattung der Kathedrale wurden ausschließlich von den orthodoxen Gläubigen aufgebracht.

Die Zahl der orthodoxen Gläubigen in Warschau wird auf 30.000 bis 40.000 geschätzt. Bisher gab es für sie nur zwei orthodoxe Gotteshäuser: Die 1867/69 errichtete Maria Magdalena-Kathedrale und die 1905 erbaute Ioannes Klimakos-Kirche. Vor 1914 gab es Dutzende orthodoxer Kirchen in der polnischen Hauptstadt. Die meisten wurden in den 1920er-Jahren entweiht und zerstört.