Wegen der Pandemie keine öffentlichen Ostergottesdienste in Ägypten

Vorsitzender des Medienkomitees des ägyptischen Kirchenrates, P. Rafic Greiche: Corona-Krise hat Christen und Muslime in Ägypten einander nähergebracht

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Kairo, 17.04.20 (poi) In Ägypten wird es am Sonntag, 19. April, dem Ostersonntag nach Julianischem Kalender, wie in vielen anderen Ländern wegen der Corona-Pandemie keine öffentlichen Gottesdienste geben. Die koptischen Gottesdienste werden aber in Fernsehen und Radio sowie über Livestreaming-Dienste im Internet übertragen werden.

Unmittelbar vor den Ostertagen wurde bekannt, dass die staatliche Prüfungskommission für 74 weitere christliche Gotteshäuser die Übereinstimmung mit den für eine „Legalisierung“ geltenden Auflagen bestätigt hat. Damit steigt die Zahl der „legalisierten“ christlichen Gotteshäuser – die in der Vergangenheit unter Umgehung der Vorschriften eines osmanischen Gesetzes (das in den 1930er-Jahren von islamistisch gesinnten Beamten zusätzlich verschärft worden war) errichtet worden sind – auf 1.568. Die Liste der neu „legalisierten“ christlichen Gotteshäuser wurde am Montag der orthodoxen Karwoche veröffentlicht.

Der Prozess der „Legalisierung“ von Kirchen, die in der Vergangenheit ohne die erforderlichen Genehmigungen errichtet worden sind, wurde durch ein am 30. August 2016 vom ägyptischen Parlament beschlossenes Gesetz in Gang gebracht. Ein Regierungskomitee prüft jetzt, ob die in den letzten 90 Jahren errichteten christlichen Kirchen den vom Gesetz aus dem Jahr 2016 festgelegten Standards entsprechen. Der „illegale“ Bau von Kirchen war in den letzten Jahrzehnten immer wieder von islamistischen Gruppierungen als Vorwand für die Inszenierung von antichristlichen Pogromen verwendet worden.

Nachdem es in den letzten Jahren in Ägypten bei den Osterfeierlichkeiten zu Überfällen von Islamisten auf christliche Gemeinden gekommen war, hat die Nachricht über die Zerschlagung einer islamistischen Terrorgruppe am 14. April in al-Amiriya, einem Vorwort von Kairo, Besorgnis ausgelöst. Nach Angaben aus dem ägyptischen Innenministerium gibt es Hinweise, dass die Terrortruppe zu Ostern Anschläge auf koptische Ziele geplant hatte.

Auch die Moscheen bleiben zu

Der Vorsitzende des Medienkomitees des ägyptischen Kirchenrates, P. Rafic Greiche, betonte im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“, dass die Corona-Krise Christen und Muslime in Ägypten einander nähergebracht habe: „Die Nachbarn helfen einander, die Familien telefonieren miteinander oder sind über die ‚Social media‘ in Kontakt, der Wert der Solidarität wird wiederentdeckt“. Vor allem die jungen Leute – Christen wie Muslime – seien bereit, für die Älteren einkaufen zu gehen und Medikamente zu besorgen.

P. Rafic – ein griechisch-katholischer Priester – würdigte die Entschlossenheit der ägyptischen Regierung im Kampf gegen das Corona-Virus. Schon zwei Tage nach Verkündigung des Pandemie-Status sei die ägyptische Gesundheitsministerin nach China gereist, um die Methoden zur Bekämpfung der Pandemie zu studieren. Die Armee habe Feldspitäler für die von der Krankheit Betroffenen eingerichtet. Auch die großen Infrastruktur-Vorhaben – wie der Bau der neuen Verwaltungshauptstadt Neu-Kairo östlich von Kairo – sei zu 90 Prozent gestoppt, weil die Baustellen „Brutstätten der Ansteckung“ seien.

Die Behörden hätten nicht nur eine Ausgangssperre verhängt, sondern auch die Schließung der Gotteshäuser veranlasst – der christlichen wie der muslimischen. P. Rafic würdigte, dass diese Maßnahmen auch anlässlich des bevorstehenden Auftakts des islamischen Fastenmonats Ramadan in Kraft bleiben, öffentliche Versammlungen – auch solche religiösen Charakters – seien weiterhin untersagt. Die ägyptische Bevölkerung respektiere die Maßnahmen, betonte der Vorsitzende des Medienkomitees des ägyptischen Kirchenrates. Es gebe drei Kategorien: Die durch die Ausbreitung des Virus in Schrecken versetzte gebildete Schicht, die sich penibel an die administrativen Maßnahmen halte; die Ärmeren, die wenig über das Corona-Virus wissen, aber sich zumindest an die Aufforderung zum oftmaligen Händewaschen halten; und die Mittelschicht, die versuche, auf Internet und Home-Office auszuweichen.

Auch wenn die Kirchen geschlossen bleiben müssen, werde in Ägypten tagtäglich die Heilige Messe zelebriert, betonte P. Rafic. Die Gottesdienste der verschiedenen Konfessionen – koptisch, orthodox, katholisch, anglikanisch, evangelisch – würden als Livestream im Internet verbreitet und auch von den Migranten in Europa, Nord- und Südamerika, Australien aufmerksam verfolgt. Zu Ostern könnten die Gläubigen die Messübertragungen auf sechs koptischen Kanälen miterleben, einem ökumenischen Kanal und einem Kanal, der ausschließlich die Gottesdienste von Papst Franziskus verbreite.

In den Gotteshäusern seien immer wieder Gläubige zu sehen, die entweder auf ihren angestammten Plätzen verharren oder einfach beten und eine Kerze entzünden wollen, berichtete P. Rafic. Aber es gebe auch Leute, die beichten oder die Heilige Kommunion empfangen wollen. Für viele sei das Fehlen der Gottesdienste eine große Last, betonte der Priester. Aber wie viele seiner Mitbrüder bemühe er sich, mit den Gläubigen wenigstens telefonisch in Kontakt zu bleiben: „Jeden Tag bemühe ich mich, zehn bis 15 Familien anzurufen“.

Auch bei den Muslimen gehe die Seelsorge weiter, stellte P. Rafic fest. Die Muezzine verkündeten fünf Mal pro Tag vom Minarett die Einladung zum Gebet („Adhan“). In den Medien gebe es Übertragungen aus den – ebenfalls leeren – Moscheen, um den Menschen das Gebet zu Hause zu ermöglichen.