Weihe des neuen Wiener armenisch-apostolischen Erzbischofs Tiran Petrosyan in Etschmiadzin

„Pro Oriente“-Delegation nahm teil – Katholikos-Patriarch Karekin II. sieht praktische Nächstenliebe als zentrales Thema des Ökumenismus

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Foto: © Pro Oriente/Bernd Mussinghoff

Jerewan, 12.05.19 (poi) Der neue armenisch-apostolische Erzbischof in Wien, Tiran Petrosyan (er ist als Patriarchaldelegat für Mitteleuropa – Österreich, Tschechische Republik, Slowakei usw. – und Skandinavien zuständig) wurde am Sonntag in Etschmiadzin vom Katholikos-Patriarch aller Armenier Karekin II. zum Bischof geweiht. Mit Erzbischof Petrosyan wurden auch der neue armenisch-apostolische Primas für Deutschland, Serovbe Isakhanyan, und der Primas für den östlichen Bereich der USA, Daniel Findikyan, geweiht. Die Weihe fand am Sonntagmittag bei der Feier der Göttlichen Liturgie am Freiluftaltar des Heiligen Trdat (Tiridates III., der im Jahr 301 das Christentum zur offiziellen Religion Armeniens proklamierte) statt. Bereits am Samstagnachmittag hatten die drei neuen Bischöfe am Trdat-Altar ihre Treue zur armenisch-apostolischen Kirche und zur Mutterkirche von Etschmiadzin bekannt und die entsprechenden Eideserklärungen unterzeichnet.

Bei der Weihe von Erzbischof Petrosyan wurde Kardinal Christoph Schönborn von seinem Generalvikar für die ostkirchlichen Katholiken in Österreich, Yuriy Kolasa, vertreten. Im Hinblick auf die jahrzehntelange enge Verbindung zwischen der Stiftung „Pro Oriente“ und der armenisch-apostolischen Kirche nahmen auch „Pro Oriente“-Präsident Alfons M. Kloss und der Generalsekretär der Stiftung Bernd A. Mussinghoff an den Festfeiern teil.

Beim Festessen nach der Liturgie überbrachte der Generalsekretär der orientalisch-orthodoxen Kirchenkommission in Österreich, der syrisch-orthodoxe Chorbischof Emanuel Aydin, die Glückwünsche der orientalisch-orthodoxen Kirchen (zu denen außer der armenischen und der syrischen Kirche auch die koptische, die eritreische und die südindische Kirche gehören) an den neuen Wiener armenisch-apostolischen Erzbischof. Auch im Hinblick auf den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich ab 1915 erinnerte Aydin daran, dass die orientalisch-orthodoxen Gemeinschaften „Kirchen der Märtyrer“ sind. Wörtlich sagte der Chorbischof: „Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass die neuen Generationen vom Genozid verschont geblieben sind. Wir gedenken jedoch in Ehrfurcht der Märtyrer und erflehen ihre Fürsprache für die neuen Bischöfe“.

Die künftige gemeinsame Arbeit mit dem neuen armenischen Erzbischof sei ein „besonderes Anliegen“, sagte Aydin und fügte ein Zitat des Heiligen Ignatius von Antiochien hinzu: „Wo Christus ist, dort ist die Kirche“.  Der syrisch-orthodoxe Chorbischof schloss mit dem traditionellen ostkirchlichen Zuruf an neugeweihte Bischöfe: „Axios“ (würdig). An der Bischofsweihe nahmen zahlreiche kirchliche Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland teil, unter ihnen der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius Aphrem II. und der Apostolische Nuntius in Jerewan, Erzbischof Jose Avelino Bettencourt.

Unmittelbar vor den Bischofsweihen hatte Katholikos-Patriarch Karekin II. aus Anlass des Siegestages im Zweiten Weltkrieg („Dan pobeda“, der in allen postsowjetischen Ländern am 9. Mai begangen wird) Segensgrüße an die Armenier in aller Welt gesandt. Dabei erinnerte er nicht nur an den Beitrag der Armenier zum Sieg im Zweiten Weltkrieg, „für Frieden und Freiheit“ , sondern auch an die Befreiung der Stadt Schuscha in Artsach (Berg-Karabach) am 9. Mai 1992. Nahezu 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten die Armenier erneut um ihr Recht auf ein „freies und sicheres Leben“  kämpfen müssen. Das Ringen um die Befreiung Artsachs werde den künftigen Generationen die Geschichte „des Mutes, der Würde und des Selbstvertrauens“ der armenischen Nation überliefern.

Die italienische katholische Nachrichtenagentur ACI veröffentlichte am 10. Mai ein Interview mit dem Katholikos-Patriarchen im Hinblick auf seine Ausführungen beim „Festival der Religionen“ in der Florentiner Benediktinerabtei San Miniato Ende April  (die Abtei mit ihrer großartigen Kirche ist einem armenischen Prinzen und Märtyrer des 3. Jahrhunderts geweiht). In dem Interview bezeichnete Karekin II. die Nächstenliebe als „zentrales Thema“ auch des Ökumenismus.  Diese Liebe müsse praktiziert und im Leben konkret verwirklicht werden. Die Probleme der Gegenwart seien eine Herausforderung für die Christen, eine gemeinsame Antwort zu finden. Zweifellos gebe es heute viele „Schatten über der Wahrheit“, aber wer wirklich an Gott, an Christus glaube, könne die Wahrheit als „Quelle des Lebens“ entdecken.

Erzbischof Tiran Petrosyan hat an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät studiert. Er promovierte 2009 im Fachbereich Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie über das Thema „Die liturgischen Reformen von Katholikos Simeon I. Erewantsi (1763-1780): Liturgisches Jahr und Kalendarium der Armenischen Kirche“. In Österreich leben seit dem 17. Jahrhundert Angehörige der armenisch-apostolischen Kirche – unter ihnen war damals u.a. Johannes Diodato, der das erste Wiener Kaffeehaus begründete. Die Anzahl der Armenier in Österreich wird jetzt auf rund 8.000 geschätzt, die meisten von ihnen sind in den Bereichen Gesundheit, Wissenschaft, Bauwirtschaft, Rechtswesen, Musik, Verlagswesen, Kunst beschäftigt. Die überwiegende Mehrheit der Armenier wohnt in Wien und Umgebung, eine kleine Anzahl von Armeniern hat sich in Graz, Salzburg, Linz, Klagenfurt, Innsbruck usw. angesiedelt. In den 1950er-Jahren kamen viele armenische Studenten aus dem Iran, Griechenland, der Türkei und den arabischen Ländern nach Österreich, um hier zu studieren. Einige von ihnen beschlossen nach dem Studium, sich hier niederzulassen. In den 1960er-Jahren waren viele armenische Familien aus der Türkei unter den „Gastarbeitern“, die damals nach Österreich kamen. Der größte Zustrom von Armeniern nach Österreich erfolgte während der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre. Die Übersiedler stammten hauptsächlich aus dem Libanon und Iran, aufgrund der dortigen instabilen politischen Situation. Anfang der 1990er-Jahre kamen viele Armenier aus den früheren Sowjetrepubliken nach Österreich.