Weihnachten ist im Irak jetzt staatlicher Feiertag

Gespräch zwischen Präsident Barham Salih und Kardinal-Patriarch Mar Louis Raphael Sako stellte die Weichen – Auch der Weltkirchenrat hilft beim Ringen um eine plurale und gerechte Gesellschaft

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Foto: © Aziz1005 (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Bagdad, 18.12.20 (poi)  Ab heuer ist das Hochfest der Geburt Jesu im ganzen Irak ein staatlicher Feiertag. Das irakische Parlament hat einstimmig ein entsprechendes Gesetz beschlossen, das nach einem Gespräch zwischen dem irakischen Präsidenten Barham Salih und dem chaldäisch-katholischen Patriarchen, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, auf den Weg gebracht wurde. Der Beschluss gewinnt auch angesichts des geplanten Irak-Besuchs von Papst Franziskus im kommenden März an Bedeutung.
Mar Louis Raphael Sako veröffentlichte unmittelbar nach Bekanntwerden der Nachricht von der Entscheidung des Parlaments eine Botschaft, in der er dem irakischen Präsidenten Barham Salih, dem Parlamentsvorsitzenden Muhammad al-Halbousi und allen Parlamentariern „für den Beschluss zum Wohle ihrer christlichen Mitbürger“ dankte und Gottes Segen für den Libanon erbat.

Am 17. Oktober hatte der Patriarch dem irakischen Präsidenten Salih persönlich den entsprechenden Vorschlag unterbreitet, mit der Bitte, im Parlament einen Gesetzentwurf zur Anerkennung von Weihnachten als staatlichem Feiertag vorzulegen. Bei dieser Gelegenheit hatte Präsident Salih (ein kurdischer Ingenieur, der in Großbritannien studiert hat, wohin er zur Zeit des Regimes von Saddam Hussein emigriert war) den chaldäischen Patriarchen in seiner Residenz empfangen und die Rolle der christlichen Gemeinschaften beim Wiederaufbau des Landes nach dem dschihadistischen Einfall in Mosul und der Ninive-Ebene hervorgehoben. Salih bekräftigte zugleich seine Absicht, die Rückkehr vertriebener Christen in ihre Herkunftsgebiete im nördlichen Irak in jeder Hinsicht zu fördern.

Die irakische Regierung hatte Weihnachten bereits 2008 zu einem „einmaligen“ Feiertag erklärt, aber in den folgenden Jahren wurde diese Bestimmung nicht offiziell erneuert und galt in den letzten Jahren nur noch in der Provinz Kirkuk. Im Vorjahr hatte der Kardinal-Patriarch Anweisungen gegeben, Weihnachten nüchtern und ohne öffentliche Zusammenkünfte zu feiern. Damit sollte ein Zeichen der Nähe zu den Familien der zahlreichen Toten und Verletzten gesetzt werden, die Opfer der Proteste gegen die damalige Regierung geworden waren. Damals waren auch alle Weihnachtsempfänge abgesagt worden, bei denen sonst politische und religiöse Autoritäten am Sitz des chaldäischen Patriarchats eingeladen wurden.

Schiitischer Preis für Kardinal-Patriarch Sako

Mar Louis Raphael Sako wurde am Mittwoch, 16. Dezember, mit dem „Hani Fahs-Preis“ für Dialog und Verteidigung des Pluralismus ausgezeichnet. Der Politologe Syyed Hani Fahs gehörte dem Hohen Schiitischen Rat des Libanons an und war Gründungsmitglied des „Arabischen Komitees für den islamisch-christlichen Dialog“. Die „Hani Fahs-Stiftung“ wollte mit der Verleihung des Preises den großen Einsatz des chaldäischen Patriarchen im Bereich „des Dialogs, der Toleranz und der Versöhnung“ würdigen. In seiner Dankansprache hob der Kardinal die Bedeutung des schiitischen Religionsgelehrten Fahs hervor, der „ein Verteidiger des Dialogs, ein Gegner des Extremismus und ein Vorkämpfer der Zivilgesellschaft“ gewesen sei.

Wörtlich betonte der Kardinal-Patriarch: „Mehr denn je sind wir heute an einem Scheideweg: Entweder bauen wir unsere Beziehungen auf der Grundlage von Respekt und Miteinanderleben auf oder wir lassen zu, dass der Sturm, der uns heimsucht, alles verschlimmert und uns auch das noch verlieren lässt, was uns geblieben ist. Wir brauchen Gestalten wie Sayyed Hani Fahs, wir brauchen spirituelle und moralische Achtsamkeit in einer vom Säkularismus beherrschten Gesellschaft, die Werte und Moral ablehnt und angesichts von extremistischen und terroristischen Strömungen, die die Religion missbrauchen“.  Mar Louis Raphael Sako rief dazu auf, die Differenzen beiseitezulassen und den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zu fördern, um die Werte der Solidarität, des Friedens und der Stabilität zu verbreiten, um das Miteinander und den Respekt für Verschiedenheit und Pluralismus zu konsolidieren. „Wir sind Brüder in einer Familie, Bürger des Irak, der unsere Heimat ist“, stellte der Kardinal-Patriarch fest: „Deshalb müssen wir den Frieden suchen und mit Kreativität eine bessere Gesellschaft aufbauen“. Der Besuch von Papst Franziskus im kommenden März sei eine Chance für das Land und das Volk.

Workshops für eine „inklusive Gesellschaft“

Auf Initiative des Weltkirchenrats fanden im Dezember im Irak vier Workshops statt, um die zentrale Bedeutung von Erziehung und Bildung bei der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des nachhaltigen Friedens zu beleuchten. Teilnehmende waren Bildungsexperten, Regierungsfunktionäre, Repräsentanten von ethnischen und religiösen Gruppen. Die Workshops wurden in Zusammenarbeit mit einer norwegischen Entwicklungsorganisation organisiert. Der erste Workshop fand am 3./4. Dezember  – ebenso wie der letzte am 17./18. Dezember – in der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil statt. Auch die Hauptstadt Bagdad war Schauplatz eines Workshops, dort waren auch Parlamentarier beteiligt.

Carla Khijoyan, die Programmverantwortliche des Weltkirchenrats für den Nahen Osten, verwies darauf, dass bisher die Lehrpläne im Irak (auch in der kurdischen autonomen Region) die Verschiedenheit der irakischen Gesellschaft und  die historischen Beiträge der unterschiedlichen Komponenten der Gesellschaft nicht gespiegelt haben. Ebenso sei der Wert der ethnischen und religiösen Verschiedenheit weder anerkannt noch wertgeschätzt worden. Dies habe zu Spannungen und Spaltungen geführt und sei die Grundlage für Marginalisierung und Diskriminierung. „Friede bedeutet nicht nur Abwesenheit von Krieg und Konflikt“, so Carla Khijoyan: „Friede ist auch die Errichtung von gerechten und inklusiven Gemeinschaften, wo jeder und jede voll anerkannt wird und Zugang zu gleichen Bürgerrechten, Sicherheit und einem von der Verfassung garantierten Leben in Würde hat“.

Bei den Workshops waren sich die Teilnehmenden einig, dass alles zu entfernen ist, was in den Bildungsprogrammen zu Diskriminierung, rassistischen Vorstellungen oder Hassgefühlen führen könnte. Alle Teilnehmende befürworteten die Förderung des Zusammenhalts in der irakischen Gesellschaft auf gesamtnationaler Ebene. Wie Carla Khijoyan betonte, habe bei den vier Workshops trotz aller gegenwärtigen Schwierigkeiten eine optimistische Grundstimmung im Hinblick auf praktische Vorschläge zur Verbesserung des Bildungs- und Erziehungssystems als Grundlage für eine „gerechte und inklusive Gesellschaft“ geherrscht.  Trotz Corona-Pandemie, Wirtschaftskrise und Sicherheitsrisikos seien die Teilnehmenden – Muslime, Christen, Jesiden, Juden, Mandäer, Zoroastrier und Shabaki – in einem Geist der Gemeinschaft und Einheit zusammengekommen, um im Licht der unterschiedlichen religiösen Feste, die derzeit im Nahen Osten begangen werden, die „fragile Hoffnung“ auf Miteinander zu feiern.