Weltgebetswoche für die Einheit der Christen im Zeichen des Dramas der Migranten

In den auf Malta erstellten Materialien für die Gebetswoche wird an den Schiffbruch des Heiligen Paulus erinnert – Die „ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit“ der Bewohner der Inselgruppe im Mittelmeer gegenüber dem Apostel und den anderen Schiffbrüchigen als Vorbild für die Haltung der Christen angesichts der heutigen Flüchtlingskrisen

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Foto: © Myriam Thyes (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Vatikanstadt-Genf, 18.01.20 (poi) Die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen (18. bis 25. Jänner) steht heuer im Zeichen des Dramas der Migranten. Das Material für die Gebetswoche wurde im Auftrag der gemeinsamen Arbeitsgruppe von Vatikan und Weltkirchenrat von den Kirchen auf Malta („Christians Together in Malta“) vorbereitet. Die Christen auf Malta feiern am 10. Februar das Fest des „Schiffbruchs des Heiligen Paulus“, es erinnert an die Ankunft des christlichen Glaubens auf der Inselgruppe im Mittelmeer südlich von Sizilien. Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte, der den Schiffbruch des Heiligen Paulus schildert (Verse 27,18 bis 28,10), wurde als zentraler Text für die diesjährige Gebetswoche ausgewählt. Das Motto der Gebetswoche ist diesem Text entnommen: „Die Einheimischen erwiesen uns ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit“ (so die Formulierung in der neuen Ausgabe der deutschsprachigen Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift).

In dem auf Malta erstellten Text für die Gebetswoche wird daran erinnert, dass die selben Orte, die in der Apostelgeschichte genannt werden, in den Geschichten heutiger Migranten vorkommen. Auch die Migranten von heute seien – wie die in der Apostelgeschichte genannten 276 Menschen an Bord des Schiffes, mit dem der gefangene Paulus transportiert wurde – „ungeheuren und von kaltem Desinteresse geprägten Mächten, nicht nur natürlichen, sondern auch politischen, ökonomischen usw. ausgeliefert“. Die menschliche Gleichgültigkeit begegne in unterschiedlichen Formen, heißt es in dem Text aus Malta weiter: „Die Gleichgültigkeit derer, die verzweifelten Menschen Geld für einen Platz auf einem seeuntüchtigen Schiff abnehmen, die Gleichgültigkeit derer, die bewusst keine Rettungsboote aussenden; und die Gleichgültigkeit derer, die Flüchtlingsschiffe abweisen“. Christen, die sich diesen Flüchtlingskrisen gegenübersehen, seien durch die Erzählung in der Apostelgeschichte herausgefordert: „Machen wir gemeinsame Sache mit den kalten Mächten der Gleichgültigkeit – oder sind wir ‚ungewöhnlich freundlich‘ und werden so zu Zeugen der liebenden Fürsorge Gottes für alle Menschen?“

Das Beispiel aus der Apostelgeschichte mache deutlich, wie aus einer zufälligen Begegnung Gemeinschaft entstehen kann, die Not mindert, wird in dem Text aus Malta betont. Die Kirchen seien in der Pflicht, solche Gemeinschaft zu fördern. Dies werde ihnen umso mehr gelingen, je mehr sie auch untereinander Gemeinschaft pflegen und Versöhnung suchen: „In der Gebetswoche geht es um die Einheit der Christen. Diese ist kein Selbstzweck, sondern sie ist besonders für den Notleidenden, Hilfsbedürftigen und Fremden offen. Unsere Einheit als Christen wird nicht nur dadurch sichtbar, dass wir einander Gastfreundschaft gewähren, so wichtig dies ist, sondern auch durch liebevolle Begegnungen mit denen, die unsere Sprache, unsere Kultur oder unseren Glauben nicht teilen“.

Die Themen, die an den acht Tagen der Gebetswoche in Betrachtung und Gebet vertieft werden sollen, lauten: Versöhnung, Einsicht, Hoffnung, Vertrauen, Stärke, Gastfreundschaft, Umkehr und Großzügigkeit. Am Beginn der Gebetswoche, am Samstag, 18. Jänner, ging es um das Thema „Versöhnung – die Last über Bord werfen“. Dazu heißt es im Text aus Malta: „Als Christen aus verschiedenen Kirchen und Traditionen haben wir im Lauf der Jahrhunderte leider viel Ballast angesammelt, der aus gegenseitiger Missgunst, Bitterkeit und Argwohn besteht. Wir danken dem Herrn für die Entstehung und das Wachstum der Ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert. Unsere Begegnungen mit Christen aus anderen Traditionen und unser gemeinsames Gebet für die Einheit der Christen ermutigen uns, einander um Vergebung zu bitten, Versöhnung zu suchen und einander anzunehmen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Lasten der Vergangenheit uns daran hindern, einander näherzukommen. Gott will, dass wir um seinetwillen loslassen, was uns gegenseitig belastet“.

 

Malta: Ein Mikrokosmos des ökumenischen Dialogs

Die Texte für die diesjährige „Weltgebetswoche für die Einheit der Christen“ wurden vom Ökumenischen Rat der Kirchen der Inselgruppe erstellt – Ein Staat mit 95prozentiger katholischer Mehrheit und einem hervorragenden ökumenischen Klima

LaValletta, 19.01.20 (poi) Die Texte für die diesjährige „Weltgebetswoche für die Einheit der Christen“ wurden vom Ökumenischen Rat der Kirchen von Malta („Christians Together in Malta“) erarbeitet. In den Texten wird auch auf die ökumenische Situation der Inselrepublik – die der Europäischen Union angehört – eingegangen: „„Auch wenn die derzeitige Bevölkerung von etwa 430.000 Menschen zum Großteil (95 Prozent) katholisch ist, gibt es auch eine bedeutende Anzahl von Christen anderer Konfessionen. Ökumene ist deshalb keine neue Erfahrung für die Bevölkerung“. Die geographische Lage Maltas als Umschlagplatz für Waren und Treffpunkt verschiedener Völker und Kulturen habe die Bewohner „offen und besonders gastfreundlich“ werden lassen. Hervorgehoben wird auch die fruchtbare ökumenische Zusammenarbeit: „Das ökumenische Klima ist sehr positiv, und Malta kann einen Mikrokosmos des ökumenischen Dialogs darstellen, der auch auf internationaler Ebene bedeutungsvoll ist.“

Der christliche Glaube kam auf die Inselgruppe Malta und Gozo durch den Heiligen Paulus, der hier im Jahr 60 nach Christus Schiffbruch erlitt. In den Kapiteln 27 und 28 der Apostelgeschichte findet sich ein detaillierter Bericht, der den „glücklichen“ Schiffbruch beschreibt und schildert, wie die 276 Personen, die vom Schiff aus sicher an Land gelangten, willkommen geheißen und drei Monate aufmerksam versorgt wurden. Vom Übergang zum Christentum in römischer Zeit zeugen vor allem die eindrucksvollen Katakomben beim Städtchen Rabat, die vor allem vom 4. bis zum  6. Jahrhundert als Begräbnis- und Gottesdienststätte dienten. Während der letzten Christenverfolgungen im Römischen Reich zwischen 305 und 311 n.Chr. flüchteten sizilianische Christen auf die Inselgruppe. Ein erster Bischof auf Malta ist im Jahr 544 n.Chr. nachweisbar. Nach der islamischen Eroberung im späten 9. Jahrhundert dürfte die christliche Präsenz weitgehend erloschen sein. Die maltesische Sprache ist – trotz der vielen Lehnwörter aus dem sizilianischen Italienisch – bis heute in ihrer Struktur arabisch geprägt. Diese sprachliche Nähe trug dazu bei, dass im 19. und frühen 20. Jahrhundert viele Bewohner von Malta nach Nordafrika auswanderten, insbesondere nach Tunesien, Algerien und Libyen. Wie fast alle anderen christlichen Einwohner der nordafrikanischen Städtekette von Alexandrien bis Casablanca wurden auch sie – unter oft entwürdigenden Bedingungen – ab 1955 von den neuen arabisierenden und islamistisch eingestellten Machthabern aus der Heimat vertrieben.

Die Rechristianisierung Maltas geschah nach der Jahrtausendwende parallel zur Rechristianisierung Siziliens durch die neuen normannischen und staufischen Herrscher in Palermo. 1530 verlieh der römische Kaiser Karl V. dem Ritterorden der Johanniter Malta zum ewigen Lehen (seither werden die Johanniter Malteser genannt). Die Inselgruppe wurde zum Vorposten und Bollwerk des Christentums gegen den Islam und stark befestigt. Die zentrale Rolle der katholischen Kirche im religiösen und sozialen Leben wurde auch nach dem Ende der Ordensherrschaft 1798 nie in Frage gestellt. Sogar die britische Herrschaft vermied im Interesse des inneren Friedens direkte Konfrontationen. 1830 wurde die anglikanische St. Paul’s Cathedral errichtet. Aber der katholischen Kirche blieben mehr als 98 Prozent der Bevölkerung treu. Selbst der umtriebige sozialistische Premierminister Dom Mintoff konnte seine Träume von einer laizistischen Republik nicht durchsetzen.

In der maltesischen Verfassung ist festgelegt, dass die römisch-katholische Religion die Religion Maltas ist. Eine Nationalisierung des Grund- und Immobilienbesitzes der katholischen Kirche erfolgte 1983, wurde aber vom Verfassungsgerichtshof 1984 als verfassungswidrig erklärt. Ein Kompromiss sieht vor, dass der Grund- und Immobilienbesitz von einem „Joint Office“ verwaltet wird, die Erlöse fließen den kirchlichen Schulen zu. Seit 1987 ist das Verhältnis zwischen Staat und katholischer Kirche entspannter, die Katholisch-theologische Fakultät wurde wieder

Teil der Universität von Malta. Die katholische Kirche ist auch heute in Malta – einem Land, wo 50 Prozent der Gläubigen die Sonntagsmesse mitfeiern – die einflussreichste nichtstaatliche Institution.

Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts leben Christen aus anderen Kirchen dauerhaft auf Malta. Auf Grund der starken Präsenz von Militär und Marine kamen viele britische Soldaten sowie Geistliche, die sie begleiteten. So wurden schließlich eine anglikanische Kathedrale und bald danach auch würdige Gottesdiensthäuser für die Mitglieder der (nicht anglikanischen, sondern presbyterianischen) „Church of Scotland“ und der methodistischen Kirche gebaut. Seit dem späten 19. Jahrhundert gibt es eine griechisch-orthodoxe Gemeinde auf Malta. Seit den 1990er-Jahren lässt sich beobachten, dass die Zahl der Mitglieder verschiedener orthodoxer Kirchen exponentiell wächst. Die meisten von ihnen sind Osteuropäer, die nach Malta kommen, um hier Arbeit zu finden. Dazu gehören insbesondere serbisch-, rumänisch- und russisch-orthodoxe Christen. Gleichzeitig hat eine beachtliche Zahl „alexandrinischer“ Christen, vor allem aus Ägypten, ebenso wie aus Äthiopien und Eritrea, auf Malta Zuflucht gefunden. Dieses bunte Kaleidoskop christlicher Kirchen trägt zu einer lebendigen Ökumene bei.

Die ersten ökumenischen Begegnungen fanden Mitte der 1960er-Jahre statt, als eine kleine Gruppe römisch-katholischer Priester regelmäßig mit einigen Geistlichen der in Malta stationierten britischen Streitkräfte zusammenkam. Sie diskutierten über Themen von gemeinsamem Interesse und beteten zusammen.. Es ist bekannt, dass viele der ökumenischen Kontakte in tiefverwurzelten freundschaftlichen Beziehungen gründeten. Die maltesische Bibelgesellschaft hatte das Privileg, mit Geistlichen anderer Kirchen zusammenarbeiten zu dürfen.

Die ersten offiziellen ökumenischen Gottesdienste wurden in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren gefeiert. Malta war auch Tagungsort der offiziellen Kommissionen für den theologischen Dialog der römisch-katholischen Kirche mit der anglikanischen Weltgemeinschaft und mit dem Lutherischen Weltbund. Im Oktober 1977 setzte der damalige katholische Erzbischof von Malta, Joseph Mercieca, eine diözesane Ökumenekommission ein. Ihre Aufgabe besteht darin, das Gebet für die Einheit der Christen zu fördern, den Katholiken die Gegenwart anderer Kirchen bewusst zu machen und ihnen Kenntnisse über diese Kirchen zu vermitteln.

1995 gründete P. Maurice Eminyan SJ den Ökumenischen Rat Maltas, der heute „Christians Together in Malta“ heißt. Zum Rat gehören Repräsentantinnen und Repräsentanten der verschiedenen Kirchen. Sie treffen sich regelmäßig alle zwei Monate, um ökumenische Fragestellungen zu diskutieren, öffentliche Dialogveranstaltungen zu organisieren und zusammen mit der diözesanen Ökumenekommission die ökumenischen Gottesdienste vorzubereiten. Die Mitgliedskirchen von „Christians Together in Malta“ sind: römisch-katholische Kirche, anglikanische Kirche, „Church of Scotland“, methodistische, evangelisch-lutherische, griechisch-, serbisch-, russisch-, rumänisch-, bulgarisch- und koptisch-orthodoxe Kirche (die Insel gehört übrigens zum Jurisdiktionsgebiet des in Wien residierenden serbisch-orthodoxen Bischofs Andrej Cilerdzic). Auch die Adventisten gehören dem Rat an.

Auf Malta gedeihen die ökumenischen Beziehungen. Sie sind von tiefem Respekt und verlässlicher Zusammenarbeit geprägt. Die römisch-katholische Kirche hat entscheidend mitgeholfen, geeignete Orte für die Gottesdienste der orthodoxen Kirchen zu finden. Die römisch-katholische Diözese von Gozo hat ihre Türen geöffnet, indem sie Gottesdiensträume für Anglikaner und für Christen anderer Traditionen aus der Reformation zur Verfügung gestellt hat.

Außer den regelmäßigen ökumenischen Gottesdiensten (etwa das gemeinsame Gotteslob im Rahmen der allmonatlichen Treffen des „Lighthouse Network“) gibt es weitere bemerkenswerte Beispiele ökumenischer Zusammenarbeit auf Malta. Dazu gehören die gemeinsame Aufbringung von Finanzmitteln für die diakonische Arbeit auf Malta und im Ausland, die vorweihnachtliche Novene der anglikanischen Prokathedrale und der ökumenische Empfang des katholischen Erzbischofs in der Weltgebetswoche, die gemeinsame Sorge um Alte und Kranke, die Präsenz der kirchenleitenden Persönlichkeiten bei den Festen der jeweils anderen Kirchen, das gemeinsame Auftreten im Dialog mit den staatlichen Autoritäten (angefangen von der traditionellen vorweihnachtlichen Begegnung mit dem Staatspräsidenten).