Weltkirchenrat in größter Sorge um das christliche Erbe von Berg-Karabach

Weltkirchenrat und Nahöstlicher Kirchenrat (MECC) appellierten am Montag beide an die internationale Gemeinschaft, sich für einen dauerhaften Frieden einzusetzen – Generalsekretär des Weltkirchenrats befürchtet Umwandlung von armenischen Kirchen in Moscheen in den derzeit azerbaidschanisch kontrollierten Gebieten

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Foto: © Diego Delso, delso.photo, License CC-BY-SA (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Genf-Beirut-Jerewan, 25.11.20 (poi)  Der Weltkirchenrat ist in größter Sorge um die historischen Kirchen und christlichen Kulturdenkmäler in jenen Teilen von Berg-Karabach (Artsach), die nach dem Waffenstillstand unter azerbaidschanische Kontrolle geraten sind. Der interimistische Generalsekretär des Weltkirchenrats, der rumänisch-orthodoxe Theologe Prof. Ioan Sauca, hat am 23. November an die Generaldirektorin der UNESCO, Audrey Azoulay, ein Schreiben gerichtet, in dem er darauf aufmerksam macht, dass diese Sorge durch die Beschießung der Erlöser-Kathedrale in Shushi/Shusha und die auf den Einmarsch der azerbaidschanischen Truppen folgenden Vandalenakte an der Kathedrale „sowie zahlreiche Berichte über andere Schändungen christlicher Kirchen“ vertieft worden sei.

In den jetzt azerbaidschanisch kontrollierten Gebieten von Berg-Karabach gebe es rund 4.000 historische, religiöse und kulturelle Monumente, von denen jedes „eine starke geistliche und kulturelle Botschaft“ verkünde, betonte Prof. Sauca. Eine Zerstörung dieses kostbaren Erbes wäre ein „unersetzlicher Verlust“ für die ganze Menschheit. Wörtlich stellte der Generalsekretär fest: „Wir fordern die UNESCO auf, alle entsprechenden Maßnahmen zum Schutz dieser christlichen Stätten zu treffen“.  Es sei zu begrüßen, dass eine Fact-finding-mission in das Territorium entsandt werden soll, um ein Verzeichnis der wichtigsten kirchlichen und kulturellen Stätten zu erstellen. Ingesamt hoffe er, dass die UNESCO und andere internationale Organisationen rasch und entschlossen handeln werden.

Es bestehe der Eindruck, dass Azerbaidschan bereits begonnen habe, die kulturelle Geschichte von Berg-Karabach „umzuschreiben“ und dass im Rahmen dieses Vorhabens armenische Kirchen zu Moscheen umfunktioniert werden sollen, stellte Prof. Sauca fest. Es gebe entsprechende Tweets des amtierenden azerbaidschanischen Kulturminister Anar Karimow. Ein schlimmes Vorzeichen sei außerdem die 2005 erfolgte Zerstörung eines Großteils der berühmten Kreuzsteine (Khatschkare) des armenischen Friedhofs von Dschulfa in der azerbaidschanischen Exklave Nachitschewan. Die Zerstörungsaktion geschah damals unter aktiver Mittäterschaft azerbaidschanischer Beamter sowie von Angehörigen von Polizei- und Armee-Einheiten.

Ebenfalls am 23. November veröffentlichte der Nahöstliche Kirchenrat (MECC) in Beirut eine Erklärung, in der Gerechtigkeit für Artsach gefordert wird. In der Erklärung wurde betont, dass der MECC in tiefer Sorge über die Aufrechterhaltung der Religionsfreiheit und der Glaubenspraxis der Christen in den azerbaidschanisch kontrollierten Gebieten von Berg-Karabach sei. Diese Sorge gelte auch dem Schicksal jener armenischen Menschen, die in den jetzt azerbaidschanisch kontrollierten Gebieten verbleiben mussten und möglicherweise Zielscheibe aller Arten von Repressalien werden könnten. Auch der MECC  verwies auf die Gefahr, dass „das christliche Erbe – Kirchen, Klöster, Monumente, Museen – zerstört und total von der Landkarte gelöscht werden könnte“.  In diesem Zusammenhang appellierte der MECC an alle internationalen Organisationen, um sich beim Schutz der Seele und des materiellen Erbes von Artsach zu engagieren. Diese kleine Nation habe wie alle Völker der Welt das Recht auf Selbstbestimmung.

Zugleich betonte der MECC die Bedeutung der Etablierung eines „ehrlichen Dialogs“ zwischen allen Beteiligten im Interesse der Menschen, die in der Region leben. Ein solcher Dialog könne den Weg für die notwendigen Schritte zur Erzielung einer neuen „regionalen Ordnung“  bereiten, die allen am gegenwärtigen Konflikt Beteiligten zu Gute kommen würde. Der MECC mit seiner Versöhnungsmission rufe die Beteiligten und die internationale Gemeinschaft auf, alles zu tun, damit der Waffenstillstand hält. Freilich sei dieser Waffenstillstand keine Grundlage für einen dauerhaften Frieden.