Wie die Hagia Sophia zum Museum wurde

Die entscheidende Rolle des Gründers des „Byzantine Institute of America“, Thomas Whittemore – Die drei Motive Atatürks

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Konstantinopel-Washington, 16.07.20 (poi) Die spannende Geschichte der Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum in den 1930er-Jahren hat der US-amerikanische orthodoxe Blogger John Sanidopoulos nachgezeichnet. Die Zentralfigur war demnach der Gründer des „Byzantine Institute of America“, Thomas Whittemore (1871-1950), der es verstand, die politischen Interessen Mustafa Kemal Atatürks für seine Pläne nutzbar zu machen. In seinen Memoiren beschrieb Whittemore, was vor sich ging, als er mit Atatürk zusammentraf und ihn für die Idee einer Umwidmung der Hagia Sophia zu einem Museum begeisterte: „Die Hagia Sophia war eine Moschee an dem Tag, als ich die Unterredung mit ihm hatte. Als ich am nächsten Morgen zur Hagia Sophia ging, hing ein Plakat mit der Aufschrift ‚Das Museum ist wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen‘ am Tor“.

Laut Sanidopoulos hatte der türkische Präsident drei Motive für seinen damals sensationellen Schritt: Die Stiftung „Sultan Fatih Ayasofya Han“ – die jetzt offenbar revitalisiert wird – stand als Eigentümerin des Sakralbaus wegen der hohen Erhaltungskosten vor dem Konkurs. Am 9. Februar 1934 war in Athen der Balkan-Pakt unterzeichnet worden, mit dem der „geopolitische Status quo“ gegen die bulgarischen Revisionsbestrebungen festgeschrieben werden sollte. Unterzeichnet wurde der Pakt von Griechenland, der Türkei, Rumänien und Jugoslawien. Die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum musste bei den Pakt-Partnern, vor allem bei Griechenland, gut ankommen. Schließlich habe Atatürk auch auf den positiven Widerhall im Westen spekuliert, wo die Museumslösung als positiver Schritt hin zu einer säkularen „europäischen“ Staatsauffassung gewertet wurde. Schon 1931 war der muslimische Gottesdienst in der Hagia Sophia eingestellt worden. Die Mitarbeiter des „Byzantine Institute of America“ arbeiteten vier Jahre an der Freilegung der Mosaiken, die der Architekt Gaspare Fossati im 19. Jahrhundert bei der letzten Restaurierung des Gotteshauses auf Druck des Scheich-ul-Islam und seines Klerus noch hatte unter Putz verbergen müssen.

Thomas Whittemore war ein kleiner Mann, tief religiös und ein Vegetarier, wie John Sanidopoulos schreibt. Zugleich war er ein typischer Repräsentant der Neuengland-Staaten der USA. Während des Ersten Weltkriegs war er im „Automobilen Ambulanz-Korps“ der Großherzogin Tatjana tätig. Nach der Oktoberrevolution engagierte er sich in der Hilfe für die russischen Flüchtlinge, die über die Krim nach Konstantinopel kamen und sich dann auf den Prinzeninseln sammelten. Für die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge auf den Prinzeninseln brachte er mit Hilfe von Sponsoren Millionen von Dollar auf.

Der Amerikaner aus dem Massachussetts-Städtchen Cambridge litt unter den Zerstörungsorgien der Sowjets gegen die Kirche und ihre Kunstwerke. Whittemores Interesse an Russland war von seiner Liebe zur orthodoxen Kirche und ihrer Kunst gespeist worden. In Whittemores Zeit war die westliche Kunstgeschichte und –auffassung noch voll von Vorurteilen gegen die verächtlich betrachtete „byzantinische Kunst“. Aber in den 1920er-Jahren begann sich etwas zu ändern, als die westlichen Intellektuellen die „Schönheit von Byzanz“ zu entdecken begannen. So wurde für Whittemore die Gründung des „Byzantine Institute of America“ möglich, auch dank der „protestantischen Aristokratie“ von Boston. Zu Whittemores Sponsoren zählten John D. Rockefeller Jr., das Diplomaten-Ehepaar Robert und Mildred Bliss und der Ölindustrielle George D. Pratt. Sie alle waren „Philhellenen“, ihr Traum war die Wiederherstellung der Hagia Sophia als christliche Kathedrale. Whittemore gelang es, die Ressourcen seiner Sponsoren auf sein großes Ziel zu fokusieren: Die Restaurierung der großartigen Mosaiken der Kathedrale.
Der Amerikaner machte sich zugleich aber auch die in den 1930er-Jahren gängige Ideologie Atatürks zu eigen: Die „türkische Geschichts-These“, derzufolge alles, was je auf dem türkischen Territorium geschehen war, als „türkisch“ zu betrachten sei, und alles Zeugnis für die „Kreativität der türkischen Rasse“ ablege, deren Wurzeln Atatürk nicht im Ural, sondern in „nördlichen“ Gefilden sah. Whittemore hatte daher auch keine Probleme, die Hagia Sophia dem Präsidenten Atatürk und seinen Ministern als „Monument der türkischen Größe“ darzustellen. Auf diese Weise konnte die Hagia Sophia ein „Ort des Gedächtnisses“ werden, nicht der byzantinischen oder osmanischen Geschichte, sondern der „türkischen Größe“.

John Sanidopoulos merkt an, dass Whittemore umstritten war – u.a. deshalb, weil er in seinen späteren Veröffentlichungen den Beitrag anderer an der Restaurierung der Hagia Sophia-Mosaiken für sich vereinnahmt habe. Auch dass er dem damaligen US-Präsidenten Roosevelt das Hagia Sophia-Projekt persönlich darlegen konnte, trug nicht zu seiner Beliebtheit bei.

 

„Kontroversielles Thema“

Im August 1934 besuchte eine hochrangige Delegation unter Leitung des Generaldirektors der Museen in Istanbul, Aziz Ogan, die „Baustelle“ Hagia Sophia. Am 24. November 1934 verabschiedete der Ministerrat eine Entschließung, mit der die Hagia Sophia offiziell zum Museum erklärt wurde. Die Entschließung sollte in der Türkei Jahrzehnte hindurch ein „kontroversielles Thema“ bleiben. Die Gegner der Entschließung nahmen einerseits an der Datierung Anstoß (bereits zwei Tage zuvor war ein Dekret mit der selben Nummer verabschiedet worden), andererseits an der Unterschrift Atatürks. Denn sie lautete „K. Atatürk“, obwohl der Staatsgründer zu diesem Zeitpunkt den Ehrennamen „Atatürk“ noch nicht angenommen hatte und normalerweise als Gazi („siegreicher“) Mustafa Kemal unterzeichnete.

Aber die Umwandlung der Hagia Sophia ging jedenfalls rasch vonstatten. Wie aus dem Protokoll eines Treffens zwischen dem Bürgermeister von Istanbul, dem Generaldirektor der „geistlichen Stiftungen“ (Vakiflar) und dem Generaldirektor der Zentralverwaltung der Museen hervorgeht, wurde die Hagia Sophia von der Abteilung „Stiftungen“ in die Abteilung „Museen“ transferiert. Am 1. Februar 1935 erfolgte die offizielle Eröffnung der Hagia Sophia als Museum.