Wieder Kreuzprozessionen in Montenegro

Der 83-jährige Metropolit Amfilohije wurde deshalb im Polizeipräsidium von Podgorica einem sechsstündigen Verhör unterzogen

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Foto: © Medija centar Beograd (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Podgorica, 23.06.20 (poi) Die serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro hat die wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochenen Kreuzprozessionen im Zeichen des Widerstands gegen das umstrittene Religionsgesetz der adriatischen Republik wieder aufgenommen. Am Sonntagabend ging Metropolit Amfilohije (Radovic) an der Spitze einer eindrucksvollen Prozession durch die Straßen der Hauptstadt Podgorica. Nach der Prozession sagte der Metropolit vor Journalisten: „Die Menschen haben sich friedlich versammelt, vor allem, um den Namen Gottes zu loben und die von den Vorfahren ererbten Heiligtümer zu verteidigen. Sie verlangen, dass die Regierung auf die illegalen Teile des neuen Religionsgesetzes verzichtet, mit denen die Würde Montenegros, die Würde des Parlaments, die Würde des Volkes verletzt wird“.

Die  Machthaber seien nicht gewählt worden, um Gewalt gegen das Gewissen Montenegros und gegen die Verfassung zu üben, sondern um Gesetze, nicht Gesetzlosigkeit zu respektieren und zu verwirklichen, unterstrich der Metropolit. Europa verlange den Dialog zwischen Kirche und Staat und die Respektierung der religiösen Rechte in Montenegro: „Europa hat bemerkt, dass dieser Respekt nicht vorhanden ist, Amerika desgleichen. Wir als Kirche sind für den Dialog, wir zeigen das ständig. Aber Dialog bedeutet nicht, Gesetzlosigkeit durchzusetzen und jemanden zum Staatsfeind zu erklären, der nicht bereit ist, diese Gesetzlosigkeit zu akzeptieren“.

Vor der Prozession war ein Akathistos gebetet worden, eine Botschaft von Metropolit Amfilohije wurde verlesen, in der die Teilnehmenden der Prozession ausdrücklich eingeladen wurden, den durch die Pandemie bedingten Vorschriften der Gesundheits-, Justiz- und Sicherheitsbehörden vor und nach der Prozession zu entsprechen.

Als angeblicher „Organisator“ der Prozession wurde der Metropolit anderntags in das Polizeipräsidium in Podgorica vorgeladen, wo es zu einem sechsstündigen „informativen Verhör“ kam. Kleriker und Laien versammelten sich am Montag in kleinen Gruppen vor dem Polizeipräsidium, weil auf Grund des „lockdown“ nicht mehr als 20 Personen zusammenstehen dürfen. Die Rechtsanwälte Bozidar Milonjic und Dragan Soc informierten die Versammelten und die Journalisten. Milonjic unterstrich, dass das „Gespräch“ mit dem Metropoliten unverhältnismäßig  ausgedehnt war, „man hätte das viel kürzer haben können“. Der Staatsanwalt Nikola Boricic habe sich „unprofessionell und unkorrekt“ verhalten: „Er hat alle 60 Minuten eine Frage gestellt und dann eine Zusatzfrage und dann ist er wieder zur ersten Frage zurückgekehrt, nur um Zeit schinden zu können“. Mit dieser Vorgangsweise habe der Vertreter der Justiz zugleich seine eigene Schwäche deutlich gemacht.

Dragan Soc verwies darauf, dass es weit mehr als „unprofessionell“ sei, einen 83-jährigen wie Metropolit Amfilohije sechs Stunden lang grundlos festzuhalten. Für das Verhalten von Boricic gebe es nur zwei Gründe, entweder „Dummheit“ oder „Anordnungen von höherer Stelle“. Die Regierung habe mit dieser Vorgangsweise nichts gewonnen, sondern nur ihre Reputation verloren.

Ausdrücklich stellte Dragan Soc fest, dass sich die Polizisten gegenüber dem Metropoliten respektvoll verhalten hätten. Metropolit Amfilohije habe den Vorgang seinerseits in christlicher Weise ertragen. „Es war eine Schande für die Regierung“, stellte der Anwalt fest.

 

Ex-Polizist trug das Kreuz

Auch in der montenegrinischen Küstenstadt Budva wurde am Sonntag eine Kreuzprozession abgehalten. Neben Bischof Joanikije (Micovic) trug der frühere Polizist Vuk Vukovic das Kreuz. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „Vijesti“ sagte Vukovic: „Ich war 17 Jahre hindurch Polizist. Ich habe mich entschlossen, die Uniform abzulegen, weil ich erkannt habe, dass ich einen Bulldozer bewachen muss, der zur Zerstörung von Kirchen und Klöstern der heiligen Kirche bestimmt ist. Da möchte ich nicht beteiligt sein. Vor allem anderen möchte ich die Kirche und das Volk beschützen“.

In der montenegrinischen Polizei gebe es viele gute Leute, die so wie er denken, betonte Vuk Vukovic. Für ihn sei es eine Ehre, das Kreuz tragen zu dürfen: „Ich wurde im Geist der Orthodoxie erzogen, ich bin stolz auf meine Vorfahren, auf meinen Familiennamen, auf die Durmitor-Region, auf mein Montenegro“.

An der Prozession in  Budva beteiligten sich mehr als 1.000 Gläubige, es war die größte Prozession in der Küstenstadt seit vielen Jahrzehnten.