Wieder Streit um die Hagia Sophia

Scharfe Stellungnahme des stellvertretenden griechischen Außenministers – Antwort auf Diskussion um Tweet des Kommunikationsdirektors der türkischen Präsidentschaftskanzlei

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Foto ©: Arild Vågen (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Athen-Konstantinopel, 18.05.20 (poi) Keinerlei Veränderung des Status der Hagia Sophia ist akzeptabel: Dies betonte der stellvertretende griechische Außenminister Miltiadis Varvitsiotis am Montag in einem Interview. Die Hagia Sophia sei Bestandteil des Welterbes, sie könne nicht neo-osmanisch uminterpretiert werden. Der griechische Politiker erinnerte daran, dass Atatürk, der Staatsgründer der türkischen Republik, die Hagia Sophia 1935 bewusst ihres religiösen Charakters entkleidet habe. Jeder Versuch einer Re-Islamisierung müsse auch zu einer weiteren Isolierung der Türkei im Europarat führen, dessen Vorsitz Griechenland derzeit innehabe.

Die Stellungnahme von Varvitsiotis erklärt sich aus der Diskussion um einen Tweet des Kommunikationsdirektors der türkischen Präsidentschaftskanzlei, Fahrettin Altun. Der Kommunikationsdirektor hatte ein Bild der Hagia Sophia gepostet und den Satz dazugestellt: „Wir vermissen sie. Aber habt Geduld. Wir werden es gemeinsam wieder zustande bringen“. Die Twitter-Nachricht führte zu breiter Berichterstattung über die Hagia Sophia in der türkischen Presse, einschließlich der Feststellung, dass das türkische Volk mit „Ungeduld“ erwarte, dass der Bau wieder eine Moschee wird. Daran wurden Spekulationen geknüpft, dass die Hagia Sophia am 29. Mai – dem Jahrestag der Eroberung der oströmischen Hauptstadt durch die Osmanen – vom Museum zur Moschee umgewandelt werden könnte. Das Thema wird in der türkischen Innenpolitik immer wieder gespielt. Recep T. Erdogan stellte zum Beispiel am 24. März des Vorjahrs – kurz vor den Gemeinderatswahlen in Istanbul fest -, dass die Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee eine „Erwartung der ganzen türkischen Nation und der muslimischen Welt“ sei.

Die heutige Hagia Sophia wurde 532 bis 537 n. Chr. auf Anordnung von Kaiser Justinian dem Großen errichtet. Sie ist nicht nur die letzte der spätantiken Großkirchen, die seit Konstantin dem Großen im Römischen Reich errichtet wurden, sondern gilt in ihrer architektonischen Einzigartigkeit oft als eine Kirche ohne Vorbilder und ohne Nachahmung. Die Kuppel der Hagia Sophia bleibt mit ursprünglich 33 Metern Spannweite bis zum heutigen Tag die größte über nur vier Tragepunkten errichtete Kuppel der Architekturgeschichte und gilt mit ihrer besonderen Harmonie und ihren Proportionen als eine der bedeutendsten architektonischen Schöpfungen aller Zeiten. Aufgrund ihrer besonderen Struktur – bei deren Verwirklichung sich die Architekten Isidor von Milet und Anthemios von Tralles bis an die Grenzen der technischen Möglichkeiten der Spätantike wagten – ist sie eines der bedeutendsten Bauwerke der Geschichte. Die Hagia Sophia war die Kathedrale Konstantinopels und religiöser Mittelpunkt der orthodoxen Welt. Geplant als Bau von universeller Bedeutung, blieb sie fast 1.000 Jahre hindurch auch ein universelles christlich-spirituelles Zentrum. Dabei wird oft nicht beachtet, dass die Hagia Sophia mit zwei anderen monumentalen Kirchen Konstantinopels zusammengesehen werden muss, der Hagia Irene im Topkapi-Palast (heute ein Konzertsaal mit einmaliger Akustik) und der Hagia Dynamis (die praktisch verschwunden ist). Das Programm dieser drei Gotteshäuser, die in einer ersten Version von Kaiser Konstantin dem Großen verwirklicht worden waren, sollte zentrale Eigenschaften Gottes – Weisheit, Frieden, Macht – symbolisieren.

Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wurden christliche Insignien und Dekorationen der Hagia Sophia entfernt oder durch Putz verdeckt. Anschließend wurde das Gotteshaus unter dem Namen „Aya Sofia“ als Reichsmoschee der Osmanen adaptiert (auch Konstantinopel wurde übrigens nicht als „Istanbul“ bezeichnet, sondern hieß in den osmanischen Dokumenten „Konstantiniye“). Die „Aya Sofia“ hatte großen Einfluss auf die Entfaltung der osmanischen sakralen Baukunst.

In den letzten Jahren gab es auch immer wieder Vorschläge, die Hagia Sophia der orthodoxen Kirche zurückzugeben und sie wieder als Kathedrale von Konstantinopel zu nutzen. In der Türkei trat insbesondere die kemalistische armenische Abgeordnete Selina Özuzun Dogan für diese Lösung ein. Sie wurde 1977 in Istanbul als Tochter des Vizebürgermeisters von Bakırköy, Yervant Özuzun, geboren.  Sie studierte Jus in Istanbul und begann eine Berufslaufbahn in einer Anwaltskanzlei als Expertin für religiöse Stiftungen („vakiflar“) der Minderheiten. Am 7. Juni 2015 wurde sie in die Große Türkische Nationalversammlung gewählt. Mehrfach wandte sie sich entschieden gegen Versuche, die Hagia Sophia für den islamischen Gottesdienst zu öffnen.

Hoffnung für Kloster Sumela

Während in Sachen Hagia Sophia wieder gestritten wird, zeichnet sich im Hinblick auf das Kloster Sumela südlich von Trapezunt eine positive Entwicklung ab. Zunächst hatte es geheißen, auch heuer werde der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in Sumela am großen Marienfest des 15. August nicht in Sumela zelebrieren können, weil die Restaurierungsarbeiten „noch andauern“. Inzwischen hat der türkische Kulturminister Mehmet Nuri Ersoy aber angekündigt, er hoffe, dass das Kloster in einem wild zerklüfteten Bergtal rechtzeitig – „Ende Juni, Anfang Juli“ – vor dem Fest der „Entschlafung der Muttergottes“ (Koimesis tes Panagias) wieder zugänglich gemacht werden kann. Die Beendigung der seit fünf Jahren andauernden Restaurierungsarbeiten sei durch die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie verzögert worden. In dem engen Bergtal habe es außerdem viele Erdrutsche gegeben, der Einsatz von spezifisch ausgebildeten Arbeitertrupps sei notwendig gewesen.

Von 2010 bis 2015 hatte Bartholomaios I. alljährlich in Sumela die Göttliche Liturgie feiern können. Orthodoxe Gläubige aus allen Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres, aber auch aus der ganzen orthodoxen Diaspora waren aus diesem Anlass jeweils nach Sumela gekommen (was sich auf die Tourismuswirtschaft im Pontus überaus positiv auswirkte).

Das Kloster Sumela wurde im Jahr 386 gegründet und war viele Jahrhunderte hindurch der bedeutendste Wallfahrtsort am Schwarzen Meer, vor allem wegen der in Sumela verehrten Marienikone, die dem Evangelisten Lukas zugeschrieben wurde. Es gibt verschiedene Versionen, wie die Ikone nach Sumela gelangt ist. Heute befindet sie sich in Griechenland.

Nach dem Ende der kurzlebigen Pontischen Republik mussten 1923 alle griechischen und armenischen Christen des Pontus das Land verlassen, auch die Mönche von Sumela. Jahrzehnte hindurch war das Kloster eine Ruine, bis es 1972 von der Regierung in Ankara zum Nationaldenkmal erklärt wurde. 2010 wurde erstmals dem Ersuchen von Patriarch Bartholomaios I. stattgegeben, am 15. August die Göttliche Liturgie in Sumela feiern zu dürfen. Bei dem Gottesdienst sagte der Ökumenische Patriarch vor tausenden Gläubigen damals wörtlich: „Nach 88 Jahren weint die Jungfrau Maria nicht mehr“. 88 Jahre zuvor, am 15. August 1922, war zum letzten Mal das Fest der Entschlafung der Muttergottes in Sumela feierlich begangen worden.

Die ältesten erhaltenen Gebäude des Klosters in dem romantischen Gebirgstal südlich von Trapezunt stammen aus der Zeit der Komnenen, die ab 1204 als Kaiser von Trapezunt herrschten. Mehrere Kaiserkrönungen fanden in Sumela statt. Auch nach der Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1461 blieb das Kloster ein spirituelles und kulturelles Zentrum, das auch von den Sultanen durch große Schenkungen gefördert wurde. Im 19. Jahrhundert erfolgte noch einmal ein großer Ausbau des Klosters, das sowohl christliche als auch muslimische Pilger aus dem ganzen kleinasiatischen Raum, aber auch aus Russland und Kaukasien anzog.

Für die pontischen Griechen, die ein besonders klassisches Griechisch sprachen, war die Marienikone von Sumela von außerordentlicher Bedeutung. Auch in den schweren Jahren von 1914 bis 1923, als zehntausende orthodoxe Pontus-Bewohner von den ittihadistischen bzw. kemalistischen Machthabern ermordet wurden, blieb das Bild der Gottesmutter von Sumela immer das große „Zeichen der Hoffnung“.