Wien: Benefiz-Festakt für den Ausbau der „Ukrainischen Katholischen Universität“

Kardinal Schönborn und der griechisch-katholische Erzbischof von Philadelphia, Borys Gudziak, legten die Aufgaben der Universität dar, deren Standort in Kiew ausgebaut werden soll – Die Katholische Universität führt das Rating der ukrainischen Universitäten an

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Foto: © Marcela auf Commons/ Own work, de:User:Ralf Roletschek (Quelle: Wikimedia; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Wien, 17.02.20 (poi) Zu einem eindrucksvollen Beispiel der österreichisch-ukrainischen Zusammenarbeit wurde am Sonntagabend im Thomas-Saal des Wiener Dominikanerkonvents der „Benefiz-Festakt“ zugunsten der in Lwiw (Lemberg) beheimateten „Ukrainischen Katholischen Universität“. Ziel des „Benefiz-Festakts“ war es, Mittel für den Ausbau der Zweigstelle der „Ukrainischen Katholischen Universität“ in der Hauptstadt Kiew zu gewinnen. Der Festakt stand unter der Schirmherrschaft des Erzbischofs von Wien, Kardinal Christoph Schönborn (der zugleich auch Ordinarius für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich und damit auch für die ukrainischen Unierten ist). Kardinal Schönborn erinnerte in seinen Begrüßungsworten an die Eindrücke seiner ersten Ukraine-Reise in den 1990er-Jahren, als er an der Theologischen Akademie in Lwiw (der Basis der künftigen Katholischen Universität) das Projekt „Oral History“ kennenlernte, das die lebendigen Erinnerungen der Zeugen der Verfolgung der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche von 1945 bis 1990 zusammenfasste. Der Wiener Erzbischof fasste aber auch den Eindruck der Grundsteinlegung des neuen Universitätsgebäude im Jahr 2002 in Worte, wo er gemeinsam mit dem damaligen Lemberger Großerzbischof, Kardinal Ljubomir Husar, anwesend war. Kardinal Schönborn erwähnte aber auch, dass der Festakt wenige Meter entfernt von der griechisch-katholischen Zentralpfarre St. Barbara stattfand, die unter der Leitung von Prälat Alexander Ostheim-Dzerowycz (der dann auch bei der Wiederzulassung der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine eine große Rolle spielen sollte) Jahrzehnte hindurch ein „Leuchtturm der Freiheit“ für die ukrainischen Katholiken war. Der Rektor der „Ukrainischen Katholischen Universität“, P. Bogdan Prach, bezeichnete in einem Brief an die Teilnehmenden des „Benefiz-Abends“ die Förderung des Standorts der Universität in Kiew als besonderes Anliegen. Es gehe um den „Aufbau eines Zentrums zur Analyse gesellschaftlicher Prozesse, verbunden mit Studiengängen für Verwaltungswesen, Rechtswissenschaften und Menschenrechte, Journalismus und Medienmanagement, Politik- und Wirtschafsethik sowie anderer Geistes- und Sozialwissenschaften“. Dabei stehe vor allem die Begleitung demokratischer Reformprozesse, die Wiederherstellung eines wirksamen Systems kollektiver Sicherheit und nachhaltigen Friedens in der Region, die innere Konsolidierung der ukrainischen Gesellschaft und die Stärkung der europäischen Ausrichtung der Landesentwicklung im Mittelpunkt.

Die Festrede hielt am Sonntag der griechisch-katholische Metropolit von Philadephia – der zugleich auch Präsident der „Ukrainischen Katholischen Universität“ ist, Borys Gudziak. Zuvor erinnerte der ukrainische Botschafter in Österreich, Alexander Scherba, an die Ukraine-Reise des österreichischen Bundespräsidenten im März 2018, bei der Alexander Van der Bellen auch die Katholische Universität in Lwiw besuchte. Er sei damals von der Katholischen Universität, die auch er zum ersten Mal kennen gelernt habe, genau so beeindruckt gewesen wie der Bundespräsident, so Scherba. Die Katholische Universität erscheine ihm als eine der besten Universitäten des Landes. Sie spiele eine außergewöhnlich wichtige Rolle in der Transformation der ukrainischen Gesellschaft. Als Bewohner von Kiew wünsche er sich, dass die Katholische Universität auch in der Hauptstadt eine starke Präsenz aufbaut.

Metropolit Borys Gudziak dankte Kardinal Schönborn in herzlichen Worten für die Unterstützung der Ostkirchen und erwähnte, dass der Kardinal der erste Träger des höchsten Preises der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche (des Andrij-Scheptyckyj-Preises) ist. Man dürfe nie vergessen, dass Wien in größerer Nähe zum Donbass ist (wo geschossen wird) als etwa zu Madrid. Als zentrales Motto der „Ukrainischen Katholischen Universität“ bezeichnete der Metropolit die Trias „Zeugnis, Dienst, Kommunikation“. Die Ukraine werde sich verändern, sagte der Metropolit von Philadelphia, das werde auch Auswirkungen auf die Nachbarschaft haben, „auch Weißrussland und Russland können sich verändern“.

Der ukrainische griechisch-katholische Erzbischof und Metropolit von Philadelphia (und Präsident der Ukrainischen Katholischen Universität) gilt als eine der brillantesten intellektuellen Köpfe der ukrainischen unierten Kirche. Der heute 59-jährige Erzbischof stammt aus Syracuse im US-Bundesstaat New York, zum Bischof wurde er am 26. August 2012 in Frankreich geweiht. Gudziak hatte schon in sehr jungen Jahren an der Universität Syracuse einen doppelten Bachelor-Abschluss in Philosophie und Biologie erzielt. Er studierte weiter in Rom am griechisch-katholischen Hagia Sophia-Kolleg und an der Päpstlichen Urbaniana-Universität Theologie. Von 1983 bis 1992 studierte er an der Harvard-Universität, wo er ein Doktorat in Slawischer und Byzantinischer Kulturgeschichte erwarb. Er übersiedelte in die Ukraine , wo er das Institut für Kirchengeschichte gründete und jenes Projekt der „Oral History“ initiierte, das Kardinal Schönborn bei seinem ersten Ukraine-Besuch faszinierte. 1998 wurde er zum Priester geweiht und zum Rektor der Theologischen Akademie ernannt, aus der die „Ukrainische Katholische Universität“ entstand, deren Präsident Gudziak nach wie vor ist. Der Metropolit ist der Autor von mehr als 50 wissenschaftlichen Arbeiten über Themen der Kirchengeschichte, der Theologie und der Kultur. Im Februar 2019 erfolgte die Ernennung zum Erzbischof von Philadelphia. Im Juni 2019 wurde Gudziak mit dem „Notre Dame-Award“ ausgezeichnet, den die berühmte katholische US-Universität für außerordentliche Leistungen im Bereich der Glaubens- und Wissensvermittlung, der Gerechtigkeit, des öffentlichen Dienstes, der Sorge für die Notleidenden verleiht. Frühere Träger dieses Preises waren Präsident Jimmy Carter, die Heilige Teresa von Kalkutta, der Erzbischof von Sarajevo, Vinko Puljic, und Jean Vanier, der Gründer der „Arche“. Der Präsident von “Notre Dame”, John Jenkins, betonte, dass Erzbischof Gudziak die “Ukrainische Katholische Universität” zu einem Zentrum der kulturellen Bemühung, des christlichen Zeugnisses und zu einer Plattform “für den Aufbau einer ukrainischen Gesellschaft auf der Grundlage menschlicher Würde” gemacht habe.

Gleich nach seiner Ernennung zum unierten Erzbischof von Philadelphia hatte Gudziak seine ökumenische Ausrichtung betont: „Es ist wichtig, mit den Bischöfen der katholischen Ostkirchen, mit den römisch-katholischen und den orthodoxen Bischöfen, ihrem Klerus und ihren Gläubigen zusammenzuarbeiten“. Die Hauptsorge des Erzbischofs gilt der „Kommunikation der Seelen, von Seele zu Seele, von Herz zu Herz“. Leider sei diese Kommunikation in der Kirche mitunter abwesend, es gäbe Gräben zwischen den Generationen, zwischen Männern und Frauen, zwischen den verschiedenen Migrationswellen, zwischen Klerus und Laien, zwischen Personen mit unterschiedlichen ideologischen Meinungen. Hier helfe die Besinnung auf das Jesus-Wort „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“. Seine Hoffnung sei, dass diese Art der Kommunikation im Leben der Kirche entwickelt werden kann.

Bei dem „Benefiz-Festakt“ stellte der Wiener Slawist Prof. Alois Woldan (als Präsident der österreichisch-ukrainischen Gesellschaft) den griechisch-katholischen Erzbischof von Philadelphia vor und betonte, dass der Wendepunkt in dessen Lebensgeschichte die Begegnung mit Kardinal Josyf Slipyj gewesen sei. Slipyj (1892-1984) war 1944 griechisch-katholischer Erzbischof von Lwiw geworden, schon im Jahr darauf wurde er in den „Gulag“ verschleppt, erst 1963 kam er durch die Intervention von Papst Johannes XXIII. frei und konnte nach Rom ausreisen, durfte allerdings die ukrainische Heimat nicht mehr betreten. Borys Gudziak sei es gelungen, jene „Theologische Akademie“, die Slipyj in den 1920er-Jahren in Lwiw begründet hatte, wieder zum Leben zu erwecken.

Mit Prof. Woldan hatte sich zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen und kirchlichen Lebens beim „Benefiz-Festakt“ eingefunden, unter ihnen der frühere Vizekanzler Erhard Busek, der sich bereits vor Jahrzehnten für die Wiederaufnahme der Kontakte zwischen Wien und Lwiw eingesetzt hatte, der Generalvikar für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen, Yuriy Kolasa, der Vizepräsident der Stiftung „Pro Oriente“, Prof. Rudolf Prokschi, und der Pastoraltheologe em. Prof. Paul Zulehner (der an dem Projekt „Oral history“ besonders interessiert ist).  Für die musikalische Gestaltung sorgte die aus Lwiw stammende ukrainische Mezzosopranistin und Staatsopernsolistin Zoryana Kuschpler; sie sang ukrainische Lieder ihres Vaters, der ein bekannter Opernsänger und Komponist war und zum Abschluss „Wien, Wien, nur du allein“. Der „Benefiz-Festakt“ brachte einen Reingewinn von 30.000 Euro ein, der zur Gänze dem Kiewer Standort der „Ukrainischen Katholischen Universität“ zugutekommt.

Die „Ukrainische Katholische Universität“ ist eine international angesehene Bildungseinrichtung. Ein Drittel der Absolventen und Absolventinnen setzt die Ausbildung im Ausland fort. Es handelt sich um eine unabhängige Universität, die keine staatlichen Zuwendungen bekommt und sich durch die Unterstützung privater Förderer entwickelt. Die Universität betrachtet sich als eine dem Gemeinwohl verpflichtete, und nicht profitorientierte Institution. Sie ist offen für Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Konfessionen und zugänglich für Personen mit besonderen Bedürfnissen. Der moderne Uni-Campus in Lwiw entspricht den internationalen Standards des akademischen und Gemeinschaftslebens. Die „Ukrainische Katholische Universität“ führt das Rating der ukrainischen Universitäten an. Derzeit hat die „Ukrainische Katholische Universität“ 1.822 Studierende in sechs Fakultäten (gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Humanwissenschaftliche Fakultät, Fakultät für angewandte Wissenschaften, Philosophisch-Theologische Fakultät und Lwiw-Business School), elf Bachelor-Studienprogrammen, 19 Master-Studienprogrammen, 22 Instituten und Zentren. Seit der Eröffnung im Dezember 2016 haben am Standort Kiew der „Ukrainischen Katholischen Universität“ mehr als 290 Veranstaltungen, 125 Studienmodule und Programme, 140 öffentliche Konferenzen, Diskussionen, Ausstellungen u.a. stattgefunden. Die Führungsakademie für Entwicklung wurde bereits drei Mal durchgeführt und zwar unter Beteiligung von Vertretern aus Verwaltung und Wirtschaft sowie von Experten der Universität Stanford.

Ukrainische und internationale Wissenschaftler, Politiker, Beamte, Persönlichkeiten des öffentlichen und kirchlichen Lebens treffen sich hier, um gemeinsam nachhaltige Lösungen für die globalen Herausforderungen der Gegenwart zu finden. Schwerpunkte der Diskussionen sind religiöse Freiheit, Pluralismus, soziales Vertrauen und Menschenwürde. Abgesehen von großen Konferenzen finden regelmäßig auch Workshops und Diskussionen zu spezifischen Themen statt. Bei der ersten Veranstaltung dieser Art im Jänner 2017 hielt Erhard Busek einen Vortrag, bei der bisher letzten die in Innsbruck lehrende Religionssoziologin und Russland-Expertin Kristina Stöckl. (Infos: Prof. Oleg Turiy, Vize-Rektor für die internationalen Beziehungen der „Ukrainischen Katholischen Universítät“, Tel.: +38/050/970 49 05, E-Mail: olturiy@ucu.edu.ua).