Wiener Tagung über byzantinisches Christentum in Ungarn brachte Kirchen einander näher

Organisator Prof. Németh zieht positives Resümee - PRO ORIENTE-Präsident Kloss: Kirchliche Vielfalt als Reichtum betrachten - Beiträge der Tagung im Wiener Priesterseminar (22./23. Oktober) werden publiziert

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Foto: © Bwag/CC-BY-SA-4.0 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 30.10.21 (poi) Ein positives Resümee der jüngsten Wiener Tagung über das byzantinische Christentum in Ungarn hat Prof. Thomas Németh gezogen. Die Tagung habe vielfältige Möglichkeit für Begegnungen und Austausch sowie Anstöße für die Forschung und Ökumene geboten, so der Organisator und Vorstand des Fachbereichs für Theologie und Geschichte des christlichen Ostens der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zahlreiche Experten – vornehmlich aus Ungarn – beleuchteten bei der Tagung im Wiener Priesterseminar (22./23. Oktober) die Geschichte der griechisch-katholischen und orthodoxen Christen Ungarns vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

PRO ORIENTE-Präsident Alfons Kloss hatte in seinem Grußwort betont, dass die Vielfalt christlicher Denominationen ein Reichtum sei. Und er fügte hinzu: „Wie Papst Franziskus nicht müde wird zu betonen, sollten wir uns nicht darauf konzentrieren, was uns unterscheidet, sondern was uns verbindet.“

Kulturelle Schnittstellen, wie sie beispielsweise in Ungarn vorliegen, seien Basis für Vielfalt und Austausch, könnten aber auch Friktionen mit sich bringen. „Unser Nachbarland Ungarn verdient hier mit seiner bewegten Geschichte besondere Zuwendung. Die starke Präsenz von Christen byzantinischer Tradition ist Ausdruck dieser speziellen, über Jahrhunderte gewachsenen Situation.“

PRO ORIENTE setze sich in seinen vielfältigen Aktivitäten für den Dialog mit den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen ein. Zugleich wolle man aber auch den katholischen Ostkirchen entsprechende Aufmerksamkeit widmen, „wohl wissend um die Sensibilitäten im Verhältnis zur Orthodoxie“, so Kloss: „Wir sind überzeugt, dass die katholischen Ostkirchen nicht als trennendes Element empfunden werden sollen.“ Sie sollten vielmehr als tragfähige Brücke wirken können.

 

Metropolit Arsenios: Ehrliche Aufarbeitung der Geschichte

Die Beziehungen der Orthodoxie zu Ungarn würden weit in die byzantinische Zeit zurückreichen, betonte Metropolit Arsenios (Kardamakis) in seinem Grußwort. Bis heute gebe es in Ungarn „ein florierendes und sogar wachsendes Erbe dieser byzantinischen Missionstätigkeit“. Es sei ihm als Exarch von Ungarn, aber auch persönlich ein wichtiges Anliegen, „die pastorale und mütterliche Fürsorge der Kirche in Ungarn zu stärken und auszubauen“.

Zugleich bleibe die Fragmentierung des religiösen Lebens und der kirchlichen Jurisdiktionen aus orthodoxer Sicht bis heute schmerzhaft im Gedächtnis, räumte der Metropolit ein. Umso wichtiger sei eine ehrliche und im ökumenischen Geiste betriebene wissenschaftliche Aufarbeitung der ungarischen Kirchengeschichte.

 

Gottesdienst mit Kardinal Schönborn

Liturgischer Höhepunkt der Tagung war am 22. Oktober eine Pontifikalliturgie im byzantinischen Ritus in der Wiener Schottenkirche. Dem Gottesdienst stand der Hajdúdoroger Metropolit Fülöp Kocsis von der Ungarischen Griechisch-Katholischen Kirche vor, Kardinal Christoph Schönborn hielt die Predigt. Er ist als Ordinarius für die katholischen Ostkirchen in Österreich zuständig.

Am ersten Konferenztag mit dem Schwerpunkt Kirchengeschichte skizzierte István Baán die mittelalterliche Entwicklung der orthodoxen Kirchen im Königreich Ungarn, während Antal Molnár das Verhältnis von osmanischer Verwaltung und serbisch-orthodoxer Kirchenorganisation im 16. und 17. Jh. darlegte. Der Vortrag von Csaba Ötvös behandelte die ungarische Orthodoxie seit dem 19. Jahrhundert. Der historische Weg der griechisch-katholischen Kirche in Ungarn bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war Gegenstand des Vortrags von Tamás Véghse; György Janka setzte die Geschichte dieser Kirche bis ins 21. Jahrhundert fort.

Am Morgen des zweiten Konferenztages wurde ein Bittgottesdienst im Stephansdom unter Vorsitz von Bischof Atanáz Orosz von Miskolc gefeiert, in dessen Rahmen eine Prozession mit der Ikone von Mária Pócs und ein Segen mit einer dazugehörigen Reliquie stattfand. Anschließend erläutere Katalin Földvári die Geschichte dieser Weihestätte, während Szilveszter Terdik über die Kunst der griechisch-katholischen und orthodoxen Kirchen Ungarns referierte. Einblicke in das liturgische Leben der ungarischen griechisch-katholischen Kirche bot András Dobos. Im Mittelpunkt des Vortrags von Péter Szabó standen aktuelle kirchenrechtliche Fragestellungen dieser Kirche; ihre karitativ-soziale Tätigkeit wurde durch Bischof Atanáz vorgestellt.

An der Tagung nahmen u.a. auch der Wiener serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic), der Generalvikar des Ordinariats für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich, Yuriy Kolasa, und PRO ORIENTE-Vizepräsident Prof. Rudolf Prokschi teil. Veranstalter waren der Fachbereich für Theologie und Geschichte des Christlichen Ostens der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, eine 2018 an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften eingerichteten Forschungsgruppe und die Stiftung PRO ORIENTE.

Die Tagungsbeiträge werden 2022 in der Reihe „Neue Forschungen zur ostmittel- und südosteuropäischen Geschichte“ veröffentlicht.

Impressionen der Tagung unter: https://okk-ktf.univie.ac.at