”Wir brauchen körperliche Distanz und Nähe der Seelen”

Bischof Chalupka zitierte bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) gemeinsame Erklärung der skandinavischen Bischöfe zur Flüchtlingssituation – Vollversammlung setzte sich im Hinblick auf 75-Jahr-Gedenken des Endes dess Zweiten Weltkriegs mit der Friedensethik auseinander – Überwindung der Gewalt gegen Frauen soll ein ÖRKÖ-Schwerpunktthema werden

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Foto: © Evangelische Kirche in Österreich (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Wien, 13.03.20 (örkö) Einen Spruch, den er am Morgen auf Twitter gesehen hatte – ”Wir brauchen körperliche Distanz und Nähe der Seelen” – stellte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka an den Beginn der Andacht, mit der die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) am Donnerstag in Wien eröffnet wurde. Die Vollversammlung tagte erstmals unter der Leitung des neuen Vorsitzenden, Domdekan Prof. Rudolf Prokschi. Bischof Chalupka nahm auf die neue Erfahrung der Verletzlichkeit im Zusammenhang mit der Coronavirus-Krise Bezug. Normalerweise werde so gelebt, als ob der Mensch unverletzbar wäre. Dieses Gefühl sei jetzt abgesackt, an seine Stelle sei ein ”permanentes Bedrohungsgefühl” getreten. In den Lebensabläufen habe sich ein rasanter Wandel eingestellt, die Verletzlichkeit des gesellschaftlichen Zusammenlebens werde ebenso bewusst wie die Auswirkungen auf die globalisierte Wirtschaft. Die Erfahrung der Verletzlichkeit vermittelten aber auch die Bilder von den Flüchtlingslagern auf ägäischen Inseln oder an anderen Punkten der EU-Außengrenze. Hier bestehe der Eindruck, dass Verletzlichkeit auch bewusst inszeniert werden kann, um von der Flucht nach Europa abzuschrecken. Angesichts der ”betonierten Positionen” in der Diskussion über Migration müsse aber gerade jetzt über die Sinnhaftigkeit von Grenzen, über eine gemeinsame Haltung der EU gesprochen werden. Sowohl in der Auseinandersetzung mit der Coronavirus-Krise als auch in der Bewältigung der Situation der Flüchtlinge gehe es darum, vor allem die ”Gefährdeten und Schwachen” zu schützen. Die durch die vielen Veranstaltungsabsagen ”geschenkte” Zeit sollten gerade Christen nützen, um sich in der Vorbereitung auf Ostern, in der Passionszeit, bewusst zu machen, dass Gott nicht als ”Heros” in die menschliche Geschichte eingegriffen hat, sondern als ”verletzlicher Mensch”.

Bischof Chalupka zitierte abschließend die vor wenigen Tagen veröffentlichte gemeinsame Erklärung der evangelisch-lutherischen und römisch-katholischen leitenden Bischöfe Skandinaviens. In dieser Erklärung wird darauf verwiesen, dass ”die physischen und mentalen Grenzen durch die Ausbreitung des neuen Coronavirus und die Entwicklung der Flüchtlingssituation an den Außengrenzen Europas auf die Probe gestellt werden”. Ein gemeinsamer Zug beider Herausforderungen sei, dass sie von jedem und jeder verlangen, ”persönliche und gemeinschaftliche Verantwortung” zu übernehmen, ”unabhängig von politischen Überzeugungen”. Aber es gebe auch Unterschiede. Ein Virus müsse bekämpft werden, das treffe nicht auf Menschen zu, die eine sichere Zuflucht suchen. Bischof Chalupka verwies auf einen zentralen Satz in der Erklärung dre skandinavischen Bischöfe: ”Menschen auf der Flucht vor unerträglichen Lebensbedingungen können fast alles verlieren, aber niemals ihre Menschenrechte”. Die skandinavischen Bischöfe hätten deutlich gemacht, dass sie nicht einfach für eine Öffnung der Grenzen eintreten, aber die europäischen Staaten müssten ihre ”gesetzliche, finanzielle und politische Verantwortung” akzeptieren, damit in den von Krieg und Armut heimgesuchten Herkunftsländern der Flüchtlinge entsprechende Lebensbedingungen hergestellt werden können. Die Hauptgefahr für Europa bestehe nicht in den tausenden von Menschen, die an den Grenzen des Kontinents Zuflucht suchen, sondern im Verlust der universalen Werte und der menschlichen Würde und in einer ”kurzsichtigen Politik auf allen Seiten”.

 

Nein zur Gewalt an Frauen

Ausführlich setzte sich die ÖRKÖ-Vollversammlung mit der vom Weltkirchenrat bereits vor drei Jahren initiierten Kampagne zur Überwindung der vielfältigen Formen von Gewalt an Frauen – „Thursdays in Black“ (Donnerstags in Schwarz) – auseinander. Der Weltkirchenrat hatte im Oktober 2017 festgestellt: „In jedem Land ist geschlechtsbezogene Gewalt eine traurige Realität. Diese Gewalt geschieht häufig im Versteckten, und Opfer bleiben oft still, aus Angst vor Stigmatisierung und weiterer Gewalt. Wir alle tragen eine Verantwortung, uns gegen Gewalt auszusprechen, und sicherzustellen, dass Frauen und Männer, Buben und Mädchen, vor Vergewaltigung und Gewalt allgemein in ihrem Zuhause, in der Schule, am Arbeitsplatz und in den Straßen – an allen Orten in unserer Gesellschaft – in Sicherheit sind“. Der Weltkirchenrat hatte sich im Rahmen seiner „Dekade für die Solidarität mit den Frauen“ (1988-1998) intensiv mit dem Thema „Gewalt an Frauen“ in einem umfassenden Sinn befasst.

Die katholische Theologin Regina Augustin analysierte bei der Vollversammlung Bedeutung und Hintergründe der Initiative ”Thursdays in Black”. Es mache sie wütend, dass man überhaupt über das Thema ”Gewalt an Frauen” sprechen müsse und es mache sie betroffen, dass zu dieser Frage ”nicht schon längst mehr von den Kirchen kommt”. Gewalt werde oft erst zum Thema, wenn es Opfer gibt, ”doch dass hinter der Gewalt oft patriarchale Strukturen und eine generelle Benachteiligung von Menschen weiblichen Geschlechts steht, wird häufig nicht gesehen”. Die Kirchen könnten hier eine große Rolle spielen, wenn sie den Mut aufbringen, „über strukturelle Benachteiligung zu reflektieren und Gewalt in all seinen Dimensionen zu benennen und auch Aspekte aufzuzeigen, die vielleicht nicht sofort ins Auge fallen“, so Regina Augustin. Gewalt passiere oft versteckt, Betroffene würden oft vermeiden, darüber zu sprechen, um weiteren Angriffen aus dem Weg zu gehen, häufig auch aus Scham. Immer wieder werde bei den Opfern das Gefühl geweckt, dass sie selbst Schuld daran sind, Gewalt erfahren zu haben. Viele hätten auch Angst davor, stigmatisiert zu werden, wenn sie sich an die Öffentlichkeit wenden.

Bei den vielen unterschiedlichen Formen von Gewalt – für die Regina Augustin prägnante Beispiele aus aller Welt nannte – stelle sich immer wieder die Frage, wer diese Erfahrungen ernst nimmt, wer die Stimme für die betroffenen Frauen erhebt und wer dazu beiträgt, dass sich diese Dinge nicht wiederholen. Wörtlich sagte die Theologin: „Wenn man z. B. auf ‚Arte‘ unter dem Stichwort Frauen nach Videos sucht, dann geht es bei mehr als der Hälfte der Dokus um Gewalt. Ist das normal?“

Gewalt sei „mehrdimensional“, unterstrich die Theologin. Es gehe darum, dass jemand Macht über andere ausübt, es gehe um ein rücksichtsloses Vorgehen, das physischen und psychischen Schaden anrichtet. Immer wieder sei Gewalt so überwältigend, dass die Betroffenen wie gelähmt und über weite Zeiträume handlungsunfähig zurückbleiben. Es gelte, diese „Ohnmacht“ zu verändern. „Thursdays in Black“ sei ein Versuch, einmal in der Woche mit dem Tragen von schwarzer Kleidung auf das „mehrdimensionale“ Phänomen Gewalt zu verweisen. Ein wichtiges Dokument, das als Maßstab für den Umgang mit Gewalt in einer Gesellschaft gewertet werden kann, sei die „Istanbul-Konvention“, die von Österreich im Jahr 2013 ratifiziert wurde. Die Konvention habe das Ziel, Gewalt an Frauen zu beenden, und lege sehr konkrete Vorschläge für die Bereiche Prävention, Beratung und Hilfe (rechtlich, psychisch, medizinisch …) vor. 2016 sei in Österreich die Umsetzung evaluiert worden, das Ergebnis sei „ernüchternd“ gewesen. Zwar sei in Österreich die Betreuung von Betroffenen relativ gut ausgebaut, aber es fehle vor allem an Mitteln für Präventionsmaßnahmen. In letzter Zeit sei sowohl bei Betreuung als auch bei Prävention zusätzlich gespart worden. Bei der Evaluierung habe sich auch herausgestellt, dass in Österreich das Thema „Häusliche Gewalt“ im Vordergrund steht, andere Bereiche wie Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Vergewaltigung und sexuelle Gewalt würden weniger berücksichtigt.  Im Anschluss an die Veröffentlichung der Evaluationsergebnisse habe sich in Österreich eine Allianz organisiert, die drei zentrale Forderungen erhebt: Formulierung einer langfristigen Gesamtstrategie in einem „Nationalen Aktionsplan“ gegen Gewalt an Frauen und Kindern, angemessene Finanzierung von Betreuungs- und Präventionsmaßnahmen (eine von fünf Frauen ist in Österreich von Gewalt betroffen), Zugang zu Gewaltschutzeinrichtungen für alle in Österreich lebenden Frauen und Kinder (zB auch solche mit „prekärem Aufenthaltsstatus“).

Regina Augustin zeigte aber auch konkrete Handlungsfelder für den ÖRKÖ auf. Sie verwies darauf, dass der scheidende Generalsekretär des Weltkirchenrats, Pfarrer Olav Fykse Tveit, am diesjährigen Weltfrauentag (8. März) betont hatte, dass Geschlechtergerechtigkeit keine Frauenangelegenheit ist, sondern „Männer und Frauen angeht“, besonders die Kirchen hätten die Verpflichtung, sich für die umfassende Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Seit der Gründung des Weltkirchenrats 1948 sei besonders auf das Thema „Solidarität mit den Frauen“ geachtet worden, diesem Erbe müsse man treu bleiben. Auf diesem Hintergrund müssten die Kirchen in Österreich deutlich Stellung beziehen, wenn die Politik in diesem Bereich spart und z. B. „Frauenhäuser von Schließungen betroffen sind oder wenn das Betreuungsangebot eingeschränkt werden muss, weil nicht mehr genügend Mittel zur Verfügung stehen“, unterstrich die Theologin.  Es könne nicht sein, dass Betreuung und Prävention auf das Ehrenamt abgeschoben werden. Die Präventionsarbeit könne von den Kirchen etwa im Religionsunterricht und in der Jugendarbeit unterstützt werden. Das bedeute auch Arbeit an überkommenen Rollenbildern von den „starken und wilden Buben und den braven und lieben Mädchen“. Mädchen und Buben solle vermittelt werden, dass sie nicht schweigen müssen, wenn sie Gewalt erleben. Kinder sollten verschiedene Lösungsstrategien lernen, um mit Aggression, Wut oder Sprachlosigkeit umzugehen.

Der Ökumenische Rat der Kirchen könne aber auch bewusst ein Jahr lang die Aufmerksamkeit auf das vielfältige Spektrum des Themas Gewalt lenken, so die Theologin: Missbrauch, Vergewaltigung, Gewalt im Netz, Genitalverstümmelung, Präventionsmaßnahmen, Sichtbarmachung von familiären Abhängigkeiten und existenziellen Notlagen. Gewalt sei „kein einfaches Thema“, betonte Regina Augustin. Es gehe um „fundierte Stellungnahmen“ und darum, bei der Entscheidung zwischen „Gewaltschutz“ und „Erhaltung des Status quo“ die richtige Entscheidung zu treffen.

In der Diskussion fand die Stellungnahme des rumänisch-orthodoxen Bischofsvikars Nicolae Dura (einer der beiden stellvertretenden ÖRKÖ-Vorsitzenden) besondere Aufmerksamkeit. Dura berichtete, dass er in der praktischen Seelsorge in Fällen von Gewaltanwendung den „Täter“ für mehrere Monate vom Kommunionempfang ausschließe, Bedingung für die Wiederzulassung zum Kommunionempfang sei eine entsprechende Bußzeit.

 

Kirchen treten für gerechten Frieden ein

Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich setzte sich bei seiner Vollversammlung im Hinblick auf das bevorstehende 75-Jahr-Gedenken des Endes des Zweiten Weltkriegs mit dem christlichen Zugang zur Frage von Krieg und Frieden auseinander – Evangelischer Militärsuperintendent Trauner: Die traditionelle Theorie vom „gerechten Krieg“ wird heute von niemandem mehr als schlüssig betrachtet

Wien,  14.03.20 (örkö) Im Hinblick auf das bevorstehende 75-Jahr-Gedenken des Endes des Zweiten Weltkriegs hat sich die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) intensiv mit der Frage einer Friedensethik aus christlicher Sicht auseinandergesetzt. Der evangelische Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner legte dazu „Grundlinien einer Friedensethik im 21. Jahrhundert“ dar, die für alle Konfessionen Gültigkeit haben. Trauner verwies eingangs darauf, dass die Theorie vom „gerechten Krieg“ – eine ungenaue Übersetzung des Konzepts des „bellum iustum“ – heute von niemandem mehr als schlüssig betrachtet wird. Die fatalen Erfahrungen zweier Weltkriege hätten zur Erkenntnis geführt, dass „Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll“, wie es der Weltkirchenrat 1948 bei seiner Gründung formulierte.  Der Militärsuperintendent verwies auf neuere Konzeptionen christlicher Friedensethik wie auf das von der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2000 verabschiedete Bischöfliche Wort „Gerechter Friede“ und auf die von der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Jahr 2007 vorgelegte Friedensdenkschrift „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“, die EKD bereite gerade ein neues Papier vor. In Österreich hätten die Kirchen im 2003 verabschiedeten „Ökumenischen Sozialwort“ friedensethische Leitlinien erarbeitet.

Ein gerechter Friede ist kein abstrakt-„gutmenschliches“ Ideal, sondern sehr real, betonte Trauner. Er müsse gekennzeichnet sein durch innere Sicherheit, gerechte Ressourcenverteilung, funktionierende Versorgung, entsprechendes Gesundheits- und Bildungswesen.  Zum Frieden gehöre nicht nur Waffenruhe, sondern sozialer Friede und auch die Bewahrung der Schöpfung. Friede sei „mehrdimensional“ zu verstehen,  es gehe um einen „comprehensive approach“, hier könnten auch die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften eine wesentliche Rolle spielen. Der Militärsuperintendent erinnerte in diesem Zusammenhang an die Bemühungen des Weltkirchenrats um einen ökumenischen „konziliaren Prozess“ für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (JPIC). Um sich entwickeln zu können, bedürfe der Friede einer stabilen und gerechten politischen Ordnung.

Allen genannten Erklärungen der Kirchen zur Militär- bzw. Friedensethik sei gemeinsam, dass sie sich von einer religiösen Legitimierung des Krieges klar distanzieren, unterstrich Superintendent Trauner. Es könne aber Situationen geben, in denen der Einsatz militärischer Gewalt unter ganz besonderen Bedingungen zu rechtfertigen ist.  Im Sinn eines „comprehensive approach“  könne Militäreinsatz  ein Teilaspekt der notwendigen Mittel seinGrundsätzliches Ziel bleibe aber die „Einhegung der Gewalt“, damit ein Friedensprozess sich entfalten kann. „Ultima ratio“ (der Weisheit letzter Schluss) könne niemals der Einsatz von Gewalt sein, sondern immer nur ein gerechter Friede. Ob der Einsatz von Militär gerechtfertigt ist oder nicht und in welchem Maße er gegebenenfalls gerechtfertigt ist, könne daran gemessen werden, ob er der Herbeiführung eines gerechten Friedens dient.

Das Verständnis des Friedens als umfassendes Konzept (das über die Abwesenheit von Krieg weit hinausgeht) schließe ein, dass Kriterien nicht gegeneinander „ausgespielt“ werden. Der Fokus der Betrachtung müsse vom militärischen Einsatz selbst auf die Situation danach verschoben werden; ein „ius post bellum“ werde damit zum entscheidenden Faktor. Das „ius post bellum“ könne nur vom gerechten Friede beherrscht werden. Damit werde die Perspektive von der Situation, die zu einem Krieg führt („ius ad bellum“), und der Situation während eines Konfliktes („ius in bello“) auf den zu erreichenden Frieden hin wegverlagert. Dies werde aber in der internationalen Rechtsordnung  – die noch dazu derzeit einem Erosionsprozess unterliege – nicht klar abgebildet. Trotzdem gelte, dass Recht vor Gewalt stehen muss, selbst wenn es sich um legitime Gewalt handelt. Beim Einsatz militärischer Gewalt könne der Soldat letztlich nur als „miles protector“, als ein Beschützender, verstanden werden. Allein ein derartiges Verständnis des soldatischen Einsatzes sei Dienst am Frieden und am Schutz der  Menschenrechte.

Der Einsatz des Militärs könne nur einem Primat der Politik unterliegen, so Superintendent Trauner.  Antworten auf die aktuellen Fragen im Bereich der Friedens- und Sicherheitspolitik zu finden, unterliege zwar dem Primat der Politik, es sei dies aber eine zu wichtige Aufgabe, um sie den Politikern allein zu überlassen. Zu bedenken sei, dass  „der freiheitliche, säkularisierte Staat“ nach dem Diktum des deutschen Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde „von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann“. Hier zeige sich die Aufgabe der Zivilgesellschaft, aber auch die der Kirchen. Die christlichen Kirchen, denen mehr als 70 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher angehören, seien wichtige Meinungsträger. Sie  müssten sich in den politisch-zivilgesellschaftlichen Diskussions- und Entscheidungsprozess über den Frieden einbringen.

Trauner erinnerte zugleich daran, dass der christliche Anspruch, die Welt positiv zu gestalten, in einem deutlichen Spannungszustand zur tatsächlich gelebten Wirklichkeit steht. Theologisch erfordere diese Spannung eine Deutung. Der evangelische Theologe und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer habe – in der Extemsituation der NS-Diktatur – dargelegt, dass der Mensch erst „im Vorletzten“, in der Vorstufe der göttlichen Vollendung (Ewigkeit) lebe, dem „Letzten“.