Zu wenig Wissen über die orthodoxe Kirche

„(Un-)sichtbar und (doch) präsent“: Gemeinsame Veranstaltung von „Pro Oriente“ und „Institut für den Donauraum und Mitteleuropa“ über die Bedeutung der Orthodoxie im Donauraum – Bischof Andrej (Cilerdzic) und Bischofsvikar Nicolae Dura: Positive Sicht der Integration der orthodoxen Kirchen in die österreichische Wirklichkeit

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Foto: © Bwag/Wikimedia (Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 06.12.19 (poi) Die Bedeutung der Orthodoxie im Donauraum stand unter dem Titel „(Un-)sichtbar und (doch) präsent“ am Donnerstagabend im Mittelpunkt einer gemeinsamen Veranstaltung von „Pro Oriente“ und „Institut für den Donauraum und Mitteleuropa“ (IDM) im Kapitelsaal von St. Michael in der Wiener Innenstadt. Der IDM-Vorsitzende Erhard Busek bedauerte den geringen Stand der Kenntnisse über die Präsenz der orthodoxen Kirche in Österreich und im ganzen Donauraum. „Pro Oriente“-Präsident Alfons M. Kloss erinnerte daran, dass die Donau der einzige Wasserlauf Europas ist, der die großen christlichen Traditionen des Kontinents – die katholische, die orthodoxe, die reformatorische – als starke Lebensader verbindet und in dessen Umfeld auch eine islamische bzw. jüdische Präsenz wirkt. Der Leiter des Kultusamtes, Florian Welzig, dankte „Pro Oriente“ und IDM für die Initiative, die nationale und internationale Bedeutung der Orthodoxie bewusst zu machen.

Erhard Busek verwies auf die „große Rolle“ der Orthodoxie in der Monarchie, was heute weitgehend vergessen sei. Es genüge, in Czernowitz den Palast des Metropoliten zu sehen, der von der Bukowina bis Dalmatien für die ganze „cisleithanische“ Reichshälfte zuständig war oder in Wien am Musikvereinsgebäude vorbeizugehen, dessen Erbauung wesentlich dem griechisch-aromunischen Industriellen und Politiker Nikolaus Dumba zu verdanken ist. Der frühere Vizekanzler zitierte aber auch seine Erfahrung als Wissenschaftsminister, als es um die erstmalige Berufung eines  orthodoxen Theologen (Prof. Grigorios Larentzakis) an eine Katholisch-Theologische Fakultät ging und manche Leute fragten, „ob das notwendig ist, weil Orthodoxe gibt’s bei uns eh nicht“. Als positiv bewertete Busek, dass in den letzten Jahren nicht mehr benötigte katholische Gotteshäuser („redundant churches“) der Orthodoxie zur Verfügung gestellt werden. Zum Abschluss der Veranstaltung in St. Michael definierte der IDM-Vorsitzende zwei „Arbeitsaufträge“, um der Präsenz der Orthodoxie in Österreich besser gerecht zu werden: Die orthodoxe Kirche in den österreichischen Medien stärker bewusst zu machen und – nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Migrationsproblematik – die karitativ-diakonische Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen zu intensivieren.

„Pro Oriente“-Präsident Kloss betonte, dass sich die Stiftung seit ihrer Gründung durch Kardinal Franz König im Jahr 1964 intensiv mit dem Donauraum beschäftige. Das auf Abgrenzung zielende Denken des 19. und 20. Jahrhunderts habe den Donauraum vor allem als Grenzzone verstehen wollen. Die neuere Forschung, zu der Initiativen von „Pro Oriente“ beigetragen hätten, sehe diesen Raum hingegen viel stärker als Kontaktzone. Auch politisch-militärische Konfrontationen hätten den permanenten Austausch von Menschen, Gütern und Ideen nicht unterbinden können. Ansatz von „Pro Oriente“ sei es immer gewesen, die Bedeutung der Orthodoxie für den Donauraum nicht isoliert zu betrachten, sondern die orthodoxe Kirche vielmehr als einen „wichtigen und konstitutiven Bestandteil von Geschichte, Gegenwart und Zukunft“ dieses Raumes zu verstehen. Die mit dem Zerfall des früheren Jugoslawien verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen hätten „Pro Oriente“ seinerzeit veranlasst,  die Beziehungen zu Orthodoxen und Katholiken, zu Serben und Kroaten, in den Dienst der Versöhnung und der Wiederherstellung des Friedens zu stellen. Zu diesem Zweck habe die Stiftung 1991 und 1992 Versöhnungsinitiativen mit orthodoxen und katholischen Bischöfen veranstaltet. Die Teilnehmer hätten die Aufarbeitung und Neubewertung der gemeinsamen Geschichte Südosteuropas als eine wichtige Voraussetzung für das künftige Zusammenleben im Donauraum erachtet. Aus dieser Überzeugung sei 1996 die „Pro Oriente“-Kommission für südosteuropäische Geschichte entstanden, die seither vielfältige Dialog- und Kooperationsarbeit geleistet hat. Im Oktober nächsten Jahres werde in Graz eine große Tagung zum Thema „Religion und Zivilgesellschaft in Südosteuropa“ stattfinden. Dabei werde die wichtige Rolle der Orthodoxie entsprechend thematisiert werden, im Kontext der heute aktuellen Herausforderungen zwischen traditioneller Identität und europäischer Öffnung. Präsident Kloss plädierte dafür, den Blick auf den Donauraum nicht auf den Unterlauf des Flusses zu beschränken. Die Migrationsbewegungen der jüngsten Vergangenheit hätten dazu geführt, dass es auch am Oberlauf des Flusses, in Österreich, Bayern und Baden-Württemberg, eine „signifikante orthodoxe Präsenz gibt, deren Bedeutung ständig zunimmt, aber in der öffentlichen Wahrnehmung vielfach noch zu wenig erkannt wird“. „Pro Oriente“ wolle sich künftig noch mehr dafür einsetzen, mit dieser orthodoxen Präsenz gemeinsam in der Gesellschaft zu wirken, „in der Einsicht, dass wir uns nicht so sehr auf das konzentrieren sollten, was uns trennt, sondern darauf, wie wir uns gemeinsam als Christen in der heutigen Welt engagieren können“.

 

„Orthodoxie hält Frage nach Gott wach“

Der Wiener Ostkirchen-Experte Thomas Mark Nemeth, seit kurzem Professor für Theologie des Christlichen Ostens an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Bundeshauptstadt, brachte in seiner „Keynote address“ seine Sorge darüber zum Ausdruck, dass die östlichen Kirchen in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen werden, obwohl die orthodoxe Kirche in Österreich die zweitstärkste Religionsgemeinschaft ist. Prof. Nemeth, ein griechisch-katholischer Priester, ist persönlich mit den „orthodoxen Kollegen“ sehr verbunden. Auch er erinnerte an die Geschichte der Orthodoxie in der Habsburger-Monarchie. U.a. verwies er auf die 1875 errichtete Orthodox-Theologische Fakultät an der damals neuen Universität Czernowitz, es war die weltweit erste orthodoxe theologische Fakultät im Rahmen einer staatlichen Universität.

Prof. Nemeth unterstrich, dass im Donauraum die orthodoxe Kultur nach wie vor die Alltagskultur prägt, etwa auch im Bereich der Festtags- und Fastenpraxis. Die orthodoxe Kirche leiste aber auch einen wesentlichen Beitrag zur „Seele Europas“, auch in ihrer ergänzenden Rolle zum westlichen Christentum, in dem es Tendenzen gebe, das Christliche auf „moralische Impulse“ zu reduzieren. Darin könne sich Religion aber nicht erschöpfen. Er verwies auf die Feststellung des kürzlich verstorbenen katholischen Theologen Johann Baptist Metz: „Die bürgerliche Religion fordert nichts, tröstet aber auch nicht. Gott ist in ihr zwar zitierfähig, aber kaum mehr anbetungswürdig“. Die Orthodoxie halte die Frage nach Gott wach, so Nemeth.

Im Hinblick auf die aktuelle interorthodoxe Situation im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Konstantinopel und Moskau um die Autokephalie der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ verhehlte Prof. Nemeth nicht, dass sich die orthodoxe Kirche „in einer Krise“ befinde. Was die Lösung des Problems angeht, herrsche „Ratlosigkeit“. Die Verzahnung von Kirche, Nation und Territorium stelle ein Einfallstor für eine „Politisierung“ dar. Das Problem des „Phyletismus“, des kirchlichen Nationalismus (der bei der Synode von Konstantinopel 1872 verurteilt wurde), sei in der Orthodoxie zwar erkannt worden, aber die konfessionelle Komponente bei der Nationsbildung sei seit dem 19. Jahrhundert prägend. Das Problem der Instrumentalisierung von Kirche bleibe aktuell, auch wenn es Tendenzen gibt, als Gegenüber der christlichen Gemeinschaft nicht mehr den Staat, sondern die Gesellschaft in ihrer Vielfalt wahrzunehmen.

Der Wiener Ostkirchenfachmann begrüßte in diesem Zusammenhang, dass das „große, aber nicht panorthodoxe“ Konzil von Kreta vor drei Jahren „zeitgenössische Themen“ angesprochen hatte. Als wichtige Fragenkreise der orthodoxen innerkirchlichen Diskussion nannte Prof. Nemeth die Beteiligung der Laien, die Rolle des Episkopats, die Auseinandersetzung um das richtige Verständnis der Menschenrechte, die Konfrontation mit den Säkularisierungstendenzen, die Aufgabe der Theologie. Es gebe eine neue Theologengeneration, die sich für gesellschaftliche Themen interessiere und bereit sei, Standpunkte zu hinterfragen. Prof. Nemeth erinnerte in diesem Zusammenhang an den legendären Appell Kardinal Königs an die Theologen, „mutig“ zu sein. Die Gegenwart sei auch in der Orthodoxie pluralistisch. Prof. Nemeth nannte „positive Beispiele“ aus der rumänischen orthodoxen Theologie und verwies darauf, dass der heilig gesprochene Bischof Andrei Saguna von Sibiu schon im 19. Jahrhundert für die stärkere Beteiligung der Laien in der Kirche eintrat. Ausdrücklich würdigte er die „Tradition der Freiheit“ in der orthodoxen Theologie, die Diskussionen nicht durch ein „lehramtliches Machtwort“ beenden wolle. Das hänge mit der theologischen Einsicht von der „Größe Gottes“ und der „Begrenztheit menschlicher Formulierungen“ zusammen. Prof. Nemeth hob auch die Dialogfähigkeit der Orthodoxie im Donauraum hervor, die Orthodoxie besitze etwa viel Erfahrung im Umgang mit dem Islam.

In der abschließenden Podiumsdiskussion stellten der Journalist Otto Friedrich („Die Furche“) und der Historiker Konrad Clewing (Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg) kritische Anfragen. Friedrich meinte, dass es im Verhältnis von katholischer und orthodoxer Kirche in Österreich zwei Kulminationspunkte gegeben habe – 1994 den Beitritt der römisch-katholischen Kirche als Vollmitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) und 1997 die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV2) in Graz. Danach sei vom ökumenischen Aufbruch „nicht so viel übrig geblieben“. Der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura wandte dagegen ein, dass es auch nach 1997 zwei wichtige Entwicklungen unter starker orthodoxer Beteiligung gegeben habe: 2003 die Veröffentlichung des „Ökumenischen Sozialworts“ und 2007 die Einrichtung der gemeinsamen Religionslehrer-Ausbildung an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) Wien-Krems. Konrad Clewing machte auf die Unterschiede in der orthodoxen Welt des Donauraums aufmerksam. In Bukarest habe er erleben können, wie sich Passanten bekreuzigen, wenn sie an einer Kirche vorbeikommen. Der gelebte Glaube sei in Rumänien offensichtlich stark. In Serbien habe er den Eindruck, dass Kirche mehr mit dem „nationalen Selbstverständnis“ zu tun habe. Dies könne damit zusammenhängen, dass der titoistische Kommunismus im früheren Jugoslawien eine kämpferisch areligiöse Haltung hatte. Clewing vermisste in den orthodoxen Kirchen aber auch das karitativ-diakonische Moment, man „erwartet viel vom Staat“.

Der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura und der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) zeichneten beide ein grundsätzlich positives Bild der Integration der orthodoxen Kirchen in die österreichische Wirklichkeit. Bischofsvikar Dura unterstrich das Selbstverständnis der (seit 1885 autokephalen und seit 1925 als Patriarchat konstituierten) rumänisch-orthodoxen Kirche als einer „apostolischen Kirche“ (im Hinblick auf die Missionstätigkeit des Apostels Andreas im 1. Jahrhundert in der heutigen Dobrudscha). In Österreich wächst die rumänisch-orthodoxe Kirche durch die Zuwanderung aus Rumänien, aber auch durch die Familienstruktur, wie Dura an Hand seiner Pfarrstatistik erläuterte: In den letzten Jahren standen in Wien den 131 Begräbnissen 3.257 Taufen gegenüber. Mit „besonderer Dankbarkeit“ sei in Österreich die Einführung des orthodoxen Religionsunterrichts zu registrieren, so der Bischofsvikar. Auf die Frage nach der Aufarbeitung des Verhältnisses zur kommunistischen Diktatur vor 1989 plädierte Dura für eine ehrliche „Heilung der Erinnerung“. In Bukarest gebe es ein „Institut für die Aufarbeitung der Verbrechen des Kommunismus“.

Auch Bischof Andrej nahm zur Frage der „Vergangenheitsbewältigung“ Stellung. Dabei dürfe man es sich nicht zu einfach machen. Als ein positives Beispiel nannte der Bischof das gemeinsame Zeugnis der katholischen und der fünf orthodoxen Bischöfe in Kroatien zur „Überwindung der traumatischen Konflikte der Vergangenheit“. Der österreichische serbisch-orthodoxe Bischof plädierte auch im Hinblick auf die ökumenische Versöhnung für eine entsprechende Haltung. Missverständnisse und Vorurteile müssten aufgeklärt werden, etwa die von manchen Orthodoxen vertretene Meinung, die Kirche des Westens sei den sieben Allgemeinen Konzilien des ersten Jahrtausends nicht treu geblieben. Im Hinblick auf die aktuellen interorthodoxen Probleme verwies Bischof Andrej auf den am 16. Dezember (um 19 Uhr im Rupertus-Saal am Salzburger Kapitelplatz) bevorstehenden Vortrag von Prof. Larentzakis „Ukraine-Moskau-Konstantinopel. Kirchenkonflikt in der Orthodoxie“. Prof. Larentzakis wurde von der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion zu diesem Vortrag eingeladen.