Zwei bahnbrechende Persönlichkeiten aus Italien für den Dialog mit der Orthodoxie

Die Gründerin der „Fokolar“-Bewegung, Chiara Lubich, wurde vor 100 Jahren geboren, der Gründer der Gemeinschaft „Sant’Egidio“, Prof. Andrea Riccardi, wurde am Donnerstag 70

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Italy)

Rom, 17.01.20 (poi) Die Jubiläen von zwei zentralen Persönlichkeiten des italienischen Katholizismus, die für den Dialog mit den Ostkirchen von außerordentlicher Bedeutung sind bzw. waren, werden in diesen Tagen begangen: Die Gründerin der „Fokolar“-Bewegung, Chiara Lubich, wurde vor 100 Jahren geboren, der Gründer der Gemeinschaft „Sant’Egidio“, Prof. Andrea Riccardi, wurde am Donnerstag 70. Sowohl Chiara Lubich als auch Andrea Riccardi  – bzw. die von ihnen begründeten Gemeinschaften – haben immer mit „Pro Oriente“ Kontakt gehalten und mit der von Kardinal Franz König begründeten Stiftung zusammengearbeitet. In beiden Fällen ist der ökumenische Aspekt eine „natürliche Begleiterscheinung“ des breitgefächerten kirchlichen und gesellschaftlichen Engagements von Laienbewegungen.

Am Sonntag, 19. Jänner, wird im Heiligtum „Maria Theotokos“ in der „Fokolar“-Stadt Loppiano bei Florenz eine Gedenkmesse für die am 22. Jänner 1920 in Trient geborene Fokolar-Gründerin gefeiert. Die vielsprachige und von den beiden Bands „Gen Rosso“ und „Gen Verde“ musikalisch gestaltete Messfeier wird in Italien von der RAI direkt übertragen und bildet den Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen in Loppiano, insbesondere auch im dortigen Universitätsinstitut „Sophia“ und in der Familien-Schule „Loreto“. Geprägt durch die Erlebnisse der Bombennächte von Trient während des Zweiten Weltkriegs und ihr stark ausgeprägtes christliches und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein gründete Chiara Lubich 1943 die „Fokolar“-Bewegung, die heute in nahezu 190 Ländern verbreitet ist und deren Präsidentin Chiara bis zu ihrem Tod im März 2008 war. Chiara Lubich betrachtete die von ihr initiierte Bewegung immer als eine „Bewegung der Einheit“, daher auch ihr Engagement für den ökumenischen und den interreligiösen Dialog. Aber ihre Dialogbereitschaft reichte über den Bereich der Gläubigen hinaus. Schon in der Familie war sie mit der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Marxismus konfrontiert: Ihre Mutter war überzeugte Katholikin, ihr Vater Sozialist, ihr Bruder, ein Partisan, sollte ein wesentlicher Redakteur des kommunistischen Zentralorgans „L’Unita‘“ werden. Auf diesem Hintergrund war Chiara Lubich auch um den Dialog mit den Nichtglaubenden, insbesondere den Kommunisten, bemüht.

Aus Anlass des 100. Jahrestages der Geburt von Chiara Lubich finden weltweit zahlreiche Veranstaltungen statt, durch die das Lebenswerk der „Fokolar“-Gründerin vorgestellt und die Bedeutung ihres religiösen, gesellschaftspolitischen und sozialen Engagement beleuchtet werden soll. In Österreich wird die zentrale Gedenkveranstaltung am 13. Mai stattfinden: Um 18 Uhr gibt es im Stephansdom unter dem Titel „Tränen und Sterne“ eine besinnliche Stunde mit Texten von Chiara Lubich und musikalischen Beiträgen der „Fokolar“-Bands, anschließend findet im Stephani-Saal eine Agape statt.

Das ökumenische Engagement der „Fokolar“-Gründerin begann 1961, als sie auf Einladung von evangelischen Schwestern in Darmstadt über ihre christliche Erfahrung berichtete. Drei evangelisch-lutherische Pfarrer waren anwesend und begeistert von der „evangelischen Radikalität“ der Frau aus Trient. Sie luden Chiara Lubich ein, diese Spiritualität auch in der evangelischen Kirche zu verbreiten. Ähnliche Einladungen folgten bald von leitenden Persönlichkeiten aus anderen christlichen Kirchen. Von besonderer Bedeutung sollte die Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. werden, mit dem sich ein tiefer geschwisterlicher Dialog entwickelte. Von 1967 bis 1972 fuhr Chiara Lubich acht Mal nach Konstantinopel, 24 Mal empfing Athenagoras die „Fokolar“-Gründerin in Audienz. Im Februar 1968 schrieb Athenagoras I. an sie: „Wir Christen des Ostens und des Westens sind berufen, jetzt – und zwar so schnell wie möglich – gemeinsam unter unseren Freunden, unter Bekannten und Unbekannten, das Bewusstsein zu verbreiten, dass wir der selben Kirche angehören“. Die intensive Beziehung mit Konstantinopel wurde auch unter den Nachfolgern von Athenagoras, Dimitrios I. und Bartholomaios I., fortgesetzt. Als Chiara Lubich ab Anfang Februar 2008 ständig im Krankenhaus (im römischen „Policlinico Gemelli“) war, wurde sie dort von Bartholomaios I. besucht.

Andrea Riccardi, heute Historiker, Universitätsprofessor, vorübergehend auch Minister in der italienischen Regierung und seit März 2015 Präsident der „Societa‘ Dante Alighieri“, war 1968 Initiator der ursprünglich von Gymnasiasten und Studenten getragenen Gemeinschaft „Sant’Egidio“: „Gerade in jenem aufgewühlten Jahr mit seiner Sehnsucht nach Veränderung entdeckten wir das Evangelium neu“. Riccardi und seine Freunde gaben zunächst Kindern in tristen Vorstädten Roms („borgate“) kostenlos Nachhilfe. Abends traf man sich zum Gebet in der Kirche Sant’Egidio in Trastevere. Daraus erwuchs eine katholische Basisgemeinde, die zuerst Kontakte zu römischen Juden, Muslimen und Atheisten aufbaute, woraus schließlich ein internationales Netz erwuchs. Neben vielen anderen kirchlichen, sozialen und kulturellen Aktivitäten wurde die praktische Friedensarbeit zu einem besonderen Kennzeichen von „Sant’Egidio“: Prof. Riccardi und seine Leute waren u.a. im Libanon, im Kosovo, in Mocambique – und zuletzt im Südsudan – als Friedensstifter unterwegs. Ökumenischer und interreligiöser Dialog sind selbstverständlicher Bestandteil dieser friedenstiftenden Tätigkeit. Alljährlich veranstaltet „Sant’Egidio“ in einer anderen Stadt große Friedensdialoge als Folgetreffen des 1986 von Papst Johannes Paul II. nach Assisi einberufenen „Friedensgebets der Weltreligionen“. Besonders intensiv sind die Beziehungen mit den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen.