Bischof Freistetter: „Orient-Christen brauchen unsere Solidarität“

Militärbischof eröffnete Jahrestagung "Initiative Christlicher Orient" in Salzburg, die heuer vor allem den Christinnen und Christen aus dem Orient im Westen gewidmet ist

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Foto: © Assaf Shtilman (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Salzburg, 20.09.21 (poi) Mit einem Appell, die Christinnen und Christen des Orients stärker in den Blick zu nehmen, hat Bischof Werner Freistetter am Montag die Jahrestagung der Initiative Christlicher Orient (ICO) in Salzburg eröffnet. Er unterstrich in seinem Grußwort u.a. die im Westen weithin unbekannte reiche christliche Tradition des Nahen Ostens und Nordafrikas. Der Westen könne von den Christinnen und Christen im Orient, ihrer Spiritualität, ihrem Gottvertrauen und vor allen auch ihrem Durchhaltevermögen noch einiges lernen, zeigte sich der Bischof überzeugt. Und er fügte hinzu: „Die Orient-Christen brauchen unsere Solidarität.“

Ein Schwerpunkt der Tagung im Bildungshaus St. Virgil ist dem Thema Migration und dem Leben der Orient-Christen im Westen gewidmet. Die Tagung steht unter dem Motto „DesORIENTierung“. Mitveranstalter ist die Salzburger Sektion von PRO ORIENTE. Der Salzburger Vorsitzende Prof. Dietmar W. Winkler und der Vizepräsident der Stiftung PRO ORIENTE, Prof. Rudolf Prokschi, gehören dem Organisationsteam der Tagung an.

Bischof Freistetter bezeichnete die Migration als „Herausforderung epochalen Ausmaßes“. Migration sei ein weltweites Phänomen. Europa sei davon auch nur in geringem Ausmaß betroffen. Die meisten Menschen, die ihre Heimat verließen, seien Binnenvertriebene oder schafften es gerade bis in die Nachbarländer schaffen. Unter Verweis auf Papst Franziskus sprach sich der Bischof für eine Haltung der Großherzigkeit und des Vertrauens aus.

 

Migration im Wandel der Zeiten

Der Linzer Theologe und Migrationsforscher Andreas Schmoller eröffnete den inhaltlichen Teil der Tagung mit einem Überblick über die Migration der Christinnen und Christen des Nahen Ostens in Vergangenheit und Gegenwart. Laut Schmoller betrug der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung im syro-palästinensischen Teil des Osmanischen Reiches um 1580 ca. 8 Prozent. Bis 1914 war dieser Anteil auf fast 27 Prozent angestiegen. Dann kam es zum Einbruch. 1945 waren es noch 19 Prozent und 1995 nur mehr 9 Prozent. Die Gründe dafür lagen in Flucht und Migration, aber auch in niedrigeren Geburtenraten verglichen mit jenen der muslimischen Mehrheitsbevölkerung.

Die erste große Auswanderungswelle setzte laut Schmoller in den 1860er Jahren ein. Die Beweggründe für die Migration seien dabei oft nicht klar trennbar. Ökonomische, soziale und politische Gründe, worunter auch Verfolgung, Diskriminierung und Unterdrückung zu rechnen seien, bedingten sich oft gegenseitig. Die ersten Jahrzehnte gingen die Christen vor allem nach Nord- und Südamerika und auch teils nach Australien. Europa stand noch nicht im Fokus, was sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend änderte. Obwohl die Migration nach Amerika fortbestand, wurde Europa zum primären Ziel der zweiten Migrationsbewegung, die sich in viele kleine Wellen unterteilte.

Schätzungen für die Zeit um 2010/15 gehen von rund 560.000 Orient-Christen in Europa aus, 2,65 Mio. in Lateinamerika, 3,68 Mio. in den USA und 90.000 in Australien. Für den Nahen Osten (inklusive Nordafrika) würden rund 12 Mio. Christen geschätzt. Freilich räumte Schmoller ein, dass es keine einzige verlässliche Zahl gebe. Und er fügte im Blick darauf, dass hinter jeder Zahl auch politische Interessen stehen, hinzu: „Zahlen sind eine Waffe!“

 

Erste staatlich anerkannte Orient-Kirche Europas

Schließlich ging der Migrationsforscher auch auf die Orient-Christen in Österreich ein; ein Beispiel dafür ist die Syrisch-orthodoxe Kirche. Deren Geschichte in Österreich reicht in die 1960er und 1970er-Jahre zurück. Die ersten syrisch-orthodoxen Christen kamen im Rahmen der sogenannten Gastarbeiterbewegung nach Österreich. Emanuel Aydin begann 1970 als Subdiakon und später als Priester mit dem Aufbau kirchlicher Strukturen und der Seelsorge. Zur Römisch-katholischen Kirche bestanden von Anfang an beste Kontakte. Bereits 1974 feierte die neu gegründete Gemeinde die Übergabe der alten Lainzer Kirche in Wien-Hietzing an die syrisch-orthodoxen Christinnen und Christen in Wien und somit die Eröffnung einer der ersten syrischen Kirche in Europa. Pfarrer Aydin organisierte den kirchlichen Religionsunterricht und gab von 1976 bis 1981 das erste Pfarrblatt einer orientalischen Kirche mit dem Titel „Nuhro“ (Das Licht) heraus, das an syrisch-orthodoxe Christen weltweit versandt wurde.

In den 1980er Jahren ging der Institutionalisierungsprozess der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Österreich weiter. Sie wurde dabei von der Römisch-katholischen Kirche, vor allem der von Kardinal Franz König gegründeten Stiftung PRO ORIENTE unterstützt, die sich dem Dialog zwischen katholischer und orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen verpflichtet hatte. 1983 stellte die Stadt Wien der syrisch-orthodoxen Gemeinde eine eigene Parzelle auf dem Wiener Zentralfriedhof zur Verfügung.

1988 wurde die Syrisch-orthodoxe Kirche als erste in ganz Europa offiziell als staatliche Religionsgemeinschaft von der Republik Österreich anerkannt. Sie war damit die erste syrisch-orthodoxe Kirche in Europa, die einen Status als Körperschaft öffentlichen Rechts erlangte. Mit der staatlichen Anerkennung war z.B. das Recht verbunden, konfessionellen Religionsunterricht an staatlichen Schulen für Angehörige der Syrisch-orthodoxen Kirche anzubieten.

Mittlerweile ist die Syrisch-orthodoxe Kirche in Österreich auf bis zu 7.000 Mitglieder angewachsen. Manche sind erst vor wenigen Jahren durch die Kriegsereignisse in Syrien und dem Irak nach Österreich gekommen, andere gelten in der Diasporaforschung als Angehörige der vierten Generation syrisch-orthodoxer Christinnen und Christen.

 

Vielfältige Orient-Kirchen

Die Syrisch-orthodoxe Kirche ist nur eine von mehreren Orient-Kirchen in Österreich. Am längsten vertreten in Österreich ist die Armenisch-apostolische Kirche. Die ersten armenischen Bürger Wiens sind im 17. Jahrhundert namentlich fassbar; die Gemeinde selbst wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet. Heute zählt die Armenisch-apostolische Kirche in Österreich rund 7.000 Mitglieder.

Die Zahl der koptischen Gläubigen in Österreich beträgt rund 10.000. Die Kopten haben einige Kirchen in Wien, koptisch-orthodoxe Gemeinden gibt es u.a. auch in Graz, Bruck an der Mur und Linz.

In Wien und Umgebung sind auch noch zwei andere orientalisch-orthodoxe Kirchen präsent: Es gibt äthiopisch-orthodoxe Gemeinden und eine Gemeinde der unabhängigen südindischen Syrisch-orthodoxen Kirche. Weiters ist das (byzantinische) orthodoxe Patriarchat von Antiochien vertreten. Es gibt eine größere Gemeinde in Wien und eine kleinere in Tirol. Die Zahl der Kirchenmitglieder wird auf etwa 2.000 geschätzt. Weiters gibt es in Wien auch eine Gemeinde der Assyrischen Kirche des Ostens.

In Österreich haben aber auch viele katholischen Ostkirchen aus dem orientalischen Raum eine Heimat gefunden: Es gibt eine armenisch-katholische, eine chaldäisch-katholische, eine syro-malabarische, eine syro-malankarische sowie eine maronitische Gemeinde. Zusammen zählen sie einige tausend Mitglieder. Dazu kommt auch noch die kleine melkitische Gemeinde in Wien, der etwa 500 Mitglieder angehören.