Katholisch-orthodoxer Dialog muss vom „gemeinsamen Zeugnis in der Welt“ begleitet werden

Patriarch Bartholomaios I. zeigte sich bei der Liturgie zum Andreas-Fest überzeugt, dass der Weg des ökumenischen Dialogs zum „Ziel der so sehr ersehnten vollen Einheit“ führen wird – Gemeinsames Zeugnis ist nur möglich, wenn die „von Gott inspirierten moralischen und anthropologischen Prinzipien“ nicht an die moderne säkularisierte Kultur angepasst werden

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Foto ©: ניר חסון Nir Hason (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Konstantinopel, 01.12.20 (poi) Der offizielle theologische Dialog der „Wahrheit in Liebe“ zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, der heuer sein 40-Jahr-Jubiläum begeht, muss von Initiativen des gemeinsamen Zeugnisses in der Welt angesichts der aktuellen „dornigen Probleme“ begleitet werden: Diesen Grundsatz unterstrich der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in der Schlusspredigt der Liturgie zum Andreas-Fest am 30. November in der Georgskathedrale im Phanar. Bei diesen „Initiativen des Zeugnisses“ gehe es um Aktionen in gegenseitigem Vertrauen und herzlicher Zusammenarbeit, die von den fundamentalen Prinzipien des Evangeliums inspiriert sind. Die neuen Herausforderungen der globalisierten Welt verlangten verstärktes Engagement. Bei dem Gottesdienst in der Georgskathedrale war die „brüderliche Delegation“ aus dem Vatikan mit Kardinal Kurt Koch an der Spitze anwesend.

Der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zunächst auf diplomatischer, dann auf theologischer Ebene in Gang gekommene Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche schreite mit „Beharrlichkeit, Realismus und vollem Vertrauen in die Göttliche Vorsehung“ auf jenem Weg voran, der zum Ziel der so sehr ersehnten vollen Einheit führen wird, sagte Bartholomaios I. Das werde trotz der Einwände jener geschehen, die entweder den Wert der Theologie gering schätzen oder den Ökumenismus für eine Utopie halten.

Der Ökumenische Patriarch unterstrich die Übereinstimmung mit Papst Franziskus im Hinblick auf Sorgen, Sensibilitäten und Meinungen, „wie man den großen Herausforderungen der Gegenwart begegnen soll“. „Wir unterstützen alle jene Initiativen, die den Frieden und die Versöhnung fördern“, stellte Bartholomaios I. wörtlich fest. Die menschenfreundliche Botschaft der Kirche fördere die Geschwisterlichkeit und die Solidarität, die soziale Gerechtigkeit und die Respektierung der Menschenrechte. Es gehe darum, die Ursachen und Konsequenzen der „großen Gegenwartskrise der Flüchtlinge und der Migration“ in Angriff zu nehmen, aber auch die „tragischen Ereignisse der Gewalt im Namen Gottes und der Religion“. Gerade dies mache den Wert und die Bedeutung des interreligiösen Dialogs deutlich, „des Friedens und der Zusammenarbeit der Religionen, um die extremistischen Verhaltensweisen zu diskreditieren und den gegenseitigen Respekt wiederherzustellen“. Die jüngste Enzyklika von Papst Franziskus, „Fratelli tutti“, zeige in eindrucksvoller Weise die vielfältige Sorge der Kirche von Rom angesichts der großen gesellschaftlichen Herausforderungen, betonte der Ökumenische Patriarch. Vor drei Monaten habe auch die orthodoxe Kirche – auf der Grundlage der Beschlüsse der Synode von Kreta über die orthodoxe Sozialethik – ein analoges Dokument herausgebracht.

Bartholomaios I. ging aber auch auf die moralischen und anthropologischen Fragen ein, die von „großer Aktualität“ seien, so sehr, dass man im ökumenischen Bereich von einem Paradigmenwechsel sprechen könne. Der Pluralismus dürfe nicht auf ein „nihilistisches Instrument“ reduziert werden, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht, zum Bruch der christlichen Identität und zu Spaltungen im Leben der Kirche führt, hob der Patriarch hervor. Für die Kirche Christi sei es nicht möglich, in ihrem Inneren „parallele Monologe“ zu akzeptieren oder die von Gott inspirierten moralischen und anthropologischen Prinzipien an die „alternativen Vorschläge“ der modernen säkularisierten Kultur anzupassen. Bartholomaios I. ist überzeugt, dass die Ausarbeitung einer allgemein akzeptierten christlichen Anthropologie und die tatsächliche Respektierung ihrer Prinzipien eine wichtige Unterstützung für die Beziehungen von orthodoxer und katholischer Kirche bedeuten würde. Denn erst dann werde die Kirche auf dem Weg der Wahrheit und der Liebe, den Quellen wahren Lebens und wahrer Freiheit in Christus, voranschreiten und den Dialog führen können. Erst dann werde es aber auch möglich sein, ein gemeinsames Zeugnis zu geben.

Abschließend nahm der Ökumenische Patriarch auf seine Begegnung mit Papst Franziskus in Rom im Vormonat Bezug, wobei er betonte, dass jede persönliche Begegnung „mit dem Bruder Papst Franziskus eine besondere Erfahrung der Brüderlichkeit“ sei, die beiderseits den Wunsch verstärke, „Hand in Hand auf unserem Marsch zum gemeinsamen Kelch der Eucharistie zu kämpfen“.

 

Zu Gast  beim Patriarchen

Am Morgen des 1. Juli war die Delegation aus dem Vatikan – ebenso wie eine Delegation der autonomen orthodoxen Kirche von Finnland – zu Gast bei Bartholomaios I. in Neochorion (Yeniköy) am Bosporus. Die Delegationen besuchten anschließend die Kirche der Panagia Koumariotissa in Neochorion, eine der typischen konstantinopolitanischen Kirchen, die vom intensiven kirchlichen Leben am Bosporus bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zeugen. Zum Unterschied von vielen anderen Kirchen in Konstantinopel ist die Kirche der Panagia Koumariotissa in gutem Zustand. Im 19. Jahrhundert  – als auf Grund der „Tanzimat“-Dekrete die Glocken wieder läuten durften – wurde dem Gotteshaus ein neogotischer Glockenturm hinzugefügt. Wie bei den meisten Kirchen in der Bosporus-Metropole gab es auch in Neochorion rund um die Kirche drei griechische Schulen.