Expertin: Aufruf zur verstärkten katholisch-orthodoxen Zusammenarbeit im sozialen Bereich

Freiburger Ökumenikerin Prof. Barbara Hallensleben im PRO ORIENTE-Interview über Eigen- und Gemeinsamkeiten der katholischen Sozialverkündigung und des orthodoxen Sozialethos

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Foto: © Gryffindor stitched by Marku1988 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien/Fribourg, 25.5.21 (poi) Zur verstärkten katholisch-orthodoxen Zusammenarbeit im sozialen Bereich hat die Freiburger Ökumene-Expertin Prof. Barbara Hallensleben aufgerufen. Die Kirchen seien aktuell vielfach herausgefordert, Stellungnahmen zu aktuellen sozialen Fragen abzugeben. Zwischen der katholischen und der orthodoxen Sicht bestehe eine so große Nähe, „dass die Zusammenarbeit zur gegenseitigen Bereicherung werden kann und der gemeinsamen Stimme in der Öffentlichkeit mehr Gewicht gibt“, so Hallensleben. Sie äußerte sich im Interview gegenüber dem PRO ORIENTE-Informationsdienst.

Auszüge aus dem ausführlichen Interview mit Prof. Hallensleben sind auch in der aktuellen Ausgabe des PRO ORIENTE-Magazins abgedruckt. Dieses widmet sich orthodoxen sozialethischen Dokumenten bzw. der katholischen Soziallehre. Analysiert werden u.a. das Dokument „Für das Leben der Welt. Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche“ des Ökumenischen Patriarchats aus dem Jahr 2020 (Autor: Georgios Vlantis, Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern/Theologische Akademie von Volos, Griechenland) sowie die „Grundlagen der Sozialdoktrin der Russischen Orthodoxen Kirche“ aus dem Jahr 2000 (Autor: Vladimir Khulap, Prorektor der Theologischen Akademie St. Petersburg, Russland). Die Wiener Sozialethikerin Prof. em. Ingeborg Gabriel zieht weiters eine Bilanz über 130 Jahre katholische Sozialverkündigung.

Die katholische Sozialverkündigung und das Dokument zum orthodoxen Sozialethos des Ökumenischen Patriarchats stellten beide die menschliche Person in den Mittelpunkt, erläuterte Prof. Hallensleben im Interview. „Person“ werde freilich nicht als modernes „Subjekt“, sondern als gemeinschaftsfähiges Wesen verstanden, „das allerdings nie als bloßes Mittel zum Zweck für die Gemeinschaft behandelt werden darf“.

Gemeinsam sei der katholischen und orthodoxen Seite auch die universale Perspektive: Christinnen und Christen setzen sich für das Gemeinwohl ein, für das „Leben der Welt“, nicht nur für das „Leben der Christen“.

„Ernst des Glaubens“

Typisch für die orthodoxe Sicht sei die Rückbindung des sozialen Handelns an den Glauben und daher ihre explizit theologische Gestalt. Hier stünden daher der Mensch als Ebenbild Gottes und die Kirche in ihrer Verkündigung, aber auch in ihrer Sendung „für das Leben der Welt“ im Zentrum. Die katholische Soziallehre argumentiere gern naturrechtlich oder berufe sich in der theologischen Disziplin der Sozialethik auf allgemeine ethische Prinzipien. Der Ernst des Glaubens könne dabei leicht übersehen werden, so Hallensleben.

Neu und auch aus katholischer Perspektive sehr reizvoll sei beim Sozialwort des Ökumenischen Patriarchats die Wahl des Terminus „Sozialethos“. Sie wundere sich, so die Expertin, dass die Kommentare das bislang wenig beachtet hätten. Hallensleben: „Eine Soziallehre will gelesen, verstanden, dann vielleicht umgesetzt werden. Ihre Urheberin ist eine ‚Lehrerin‘, die Kirche als ‚Mater et Magistra‘. Ein Ethos ist die bewährte Gestalt einer sozialen Lebenspraxis. Ihre Urheber sind Menschen, die ihre eigene soziale Praxis reflektieren und dabei aktualisieren.“

Ein christliches Sozialethos sei insofern die Weise, „wie der Glaube im Hinblick auf die soziale Verfasstheit unserer Welt praktisch wird“. Das habe eine ganz einschneidende Konsequenz: Das Sozialethos gemäß dem Dokument „Für das Leben der Welt“ sei heilsrelevant. Es „ist nicht nur ein Ethos, das die Kirche um eines ruhigen Gewissens willen empfiehlt, sondern ein notwendiges Mittel zur Erlösung, der unverzichtbare Weg zur Vereinigung mit Gott in Christus; und in diesen Aufgaben zu versagen, ruft die Verurteilung vor dem Richterstuhl Gottes hervor“.

Sie sehe jedenfalls keinerlei orthodox-katholischen Unterschiede, die eine intensivierte Zusammenarbeit behindern könnten, so Hallensleben, im Gegenteil: „Ein Sozialethos ist immer konkret, es kann ja nur in einem Austausch mit Personen unterschiedlicher Ansichten in Bezug auf ihren gemeinsamen Lebensraum erreicht werden.“ Zusammenarbeit gebe es bereits, z.B. im „Orthodox-Katholischen Forum“ auf europäischer Ebene. Ähnliche Initiativen könnten in vielen lokalen Kontexten getroffen werden, z.B. im Rahmen der Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen in den verschiedenen Ländern, so Hallensleben.

Russische „Sozialkonzeption“

Im Blick auf die vor gut 20 Jahren von der Russisch-orthodoxen Kirche veröffentlichten „Grundlagen der Sozialdoktrin“ erinnerte Hallensleben daran, dass das Moskauer Dokument wenige Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sei. „In dieser Zeit war klar, dass die Russische Orthodoxe Kirche sich in den komplexen und spannungsreichen Transformationsprozessen zu Wort melden musste, ohne auf eine offizielle ‚Soziallehre‘ aus der eigenen kirchlichen Tradition zurückgreifen zu können.“

Es sei ein mutiges, in vielerlei Hinsicht durch die katholische Soziallehre inspiriertes Dokument, das im erweiterten Titel das Wort „Sozialkonzeption“ benutze, um seine praktische Ausrichtung und seine Unabgeschlossenheit zu betonen. Seither seien weitere russisch-orthodoxe Dokumente zu sozial relevanten Fragen erschienen, erinnerte Hallensleben, so z.B. das Dokument über Menschenrechte und Menschenwürde (2008).

„Soziale Stellungnahmen sind ihrer Natur nach kurzlebiger als dogmatisch-theologische Erklärungen. Sie müssen heute auf die rasanten Entwicklungen im Bereich der neuen Technologien und der Digitalisierung eingehen, auf Gender-Fragen und auf neue Herausforderungen im Verhältnis zwischen Kirche und Staat“, so Hallensleben weiter.

„Wo sucht man nach einem ‚Sozialentwurf‘?“

Zur Frage, weshalb es so wenige systematische orthodoxe Sozialentwürfe gebe, meinte Hallensleben, dass man nicht die Erfahrungen mit der „Katholischen Soziallehre“ als Maßstab nehmen dürfe. Die Frage sei: „Wo sucht man nach einem ‚Sozialentwurf‘?“ Die Diakonie sei eine Grunddimension des kirchlichen Lebens in seiner sozialen Dimension. Wenn sie als „Lehre“ eingeschärft werden müsse, könne darin auch ein Krisenzeichen liegen, gab Hallensleben zu bedenken. „Orthodoxe Christen haben in vieler Hinsicht vielleicht einen spontaneren Zugang zu ihrer sozialen Verantwortung aus dem Glauben. Ihre Kulturräume sind nicht so extrem individualisiert wie der gegenwärtige Westen.“

Unter der kommunistischen Herrschaft sei zudem eine explizite, öffentlich bezeugte Soziallehre gar nicht möglich gewesen. „Hingegen waren die Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung vielleicht lebendiger als in unserer Neigung, soziale Zuwendung an spezialisierte Institutionen zu delegieren“, so Hallensleben.

So könne man auch fragen, „wie lebendig denn heute unsere katholische Soziallehre ist und wer denn eigentlich ihre vorrangigen Träger sind. Ist nicht die katholische Soziallehre vielfach zu einem archivierten Textmaterial geworden?“ Auch die Katholische Kirche müsse sich neu Gedanken machen, „wie sie zu einem glaubwürdigen ‚Sozialethos‘ für unsere Zeit beitragen kann.“

Barbara Hallensleben ist Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz). Sie hat u.a. das Dokument „Für das Leben der Welt. Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche“ des Ökumenischen Patriarchats ins Deutsche übersetzt.

PRO ORIENTE-Tagung

Prof. Hallensleben ist auch eine der Referentinnen bei der PRO ORIENTE-Veranstaltung „Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche – Ökumenische Perspektiven“ am 8. Juni. Sie wird einzelne Passagen des Dokumentes „Für das Leben der Welt“ vorstellen und aus ihrer fachlichen Perspektive einordnen. Weitere Vortragende sind der Wiener rumänisch-orthodoxe Theologe Ass.-Prof. Ioan Moga und die Wiener katholische Sozialethikerin Prof. em. Ingeborg Gabriel. Der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios (Kardamakis) wird ein Grußwort sprechen. Die Veranstaltung am 8. Juni von 17 bis 19 Uhr findet online statt. Eine Anmeldung ist notwendig (bis 6. Juni).

Weitere Informationen unter: https://www.pro-oriente.at/Sozialethos-der-Orthodoxen-Kirche

Das Interview mit Prof. Hallensleben kann auf www.pro-oriente.at im Wortlaut nachgelesen werden!