St. Alfons in Leoben: Zukunftweisendes Beispiel des ökumenischen Miteinanders

Die frühere Klosterkirche der Redemptoristen wurde 2014 in Anwesenheit des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. an die griechisch-orthodoxe Metropolis übergeben – Die Verehrung der Ikone „Maria, Mutter von der immerwährenden Hilfe“ vereint Orthodoxe und Katholiken – Orthodoxer Priester und katholischer Kustos schufen ein Miteinander, das über die obersteirische Industrie- und Universitätsstadt hinaus Beachtung findet

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Foto: © ZL (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Graz, 20.07.20 (poi) Die St. Alfons-Kirche in Leoben entwickelt sich zu einem gelungenen und zukunftweisenden Beispiel eines ökumenischen Miteinanders unterschiedlicher Kirchen und Kulturen. Die frühere Redemptoristenkirche wurde im Jahr 2014 an die griechisch-orthodoxe Metropolis von Austria übergeben. Mit dem orthodoxen Pfarrer der Kirche, Erzpriester Sladjan Vasic, setzt sich der katholische Kustos (und Oblate des Redemptoristenordens) Karl Mlinar für dieses Miteinander ein, das über die obersteirische Industrie- und Universitätsstadt hinaus große Beachtung findet.

Besonders eindrucksvoll wurde das am 28. Juni sichtbar, als das Patronatsfest der orthodoxen Kirchengemeinde „Maria, Mutter von der immerwährenden Hilfe“ gefeiert wurde. Die vermutlich aus Kreta stammende und seit Jahrhunderten in Rom beheimatete Ikone „Maria von der immerwährenden Hilfe“ ist zugleich das im Redemptoristenorden am meisten verehrte Gnadenbild; durch die weltweite Präsenz der Redemptoristen sind Kopien der Ikone heute in allen Kontinenten zu finden.

Metropolit Arsenios (Kardamakis) war nach Leoben gekommen, um das Patronatsfest zu feiern, an dem zahlreiche orthodoxe und katholische Gläubige teilnahmen. Der Metropolit stand der Feier der Göttlichen Liturgie vor, mit ihm konzelebrierten Erzpriester Sladjan Vasic, der Pfarrer der Grazer orthodoxen Gemeinde, Erzpriester Dimitrios Makris, sowie Erzdiakon Maximos Rudko. In seiner Predigt plädierte Metropolit Arsenios für Freude am Glauben. Er verwies auf das Leben und das Zeugnis der Apostel. Die Apostel hätten den Aufruf Christi vernommen und seien ihm ohne zu zögern nachgefolgt. Sie gaben vieles auf und verloren vieles, bis hin zu ihrem Leben, als Zeugnis für ihren Glauben und ihr Vertrauen auf die Liebe Gottes und die Auferstehung. Und doch seien sie nicht voll Angst gewesen, sondern durchdrungen von der Zuversicht, von der Freude, die die Nachfolge Christi mit sich bringt. Durch die Beziehung mit Christus hätten die gläubigen Menschen „Frieden mit Gott“, betonte der Metropolit: „Wir leben den wahren und tiefen Frieden“. Am Ende der Liturgie dankte der Metropolit Erzpriester Vasic für die großen Bemühungen um den Aufbau der Gemeinde. Ebenso dankte er Kustos Mlinar und dessen Team aus motivierten freiwilligen Helfern, „die sich immer so fürsorglich um die Kirche und ihre Besucher bemühen“.

Nach der Liturgie wurde wie jedes Jahr die Ikone der „Mutter von der immerwährenden Hilfe“ in feierlicher Prozession durch die Straßen der obersteirischen Stadt getragen. Neben den Gesängen des Kirchenvolkes wurde die Prozession auch von einer Leobner Bläsergruppe begleitet. Vor der Pestsäule hielt die Prozession an und es wurde für die Stadt und ihre Bewohner gebetet, in dieser Zeit der Corona-Pandemie besonders um Schutz vor Krankheit und um Heilung.

 

Die „Große Wasserweihe“ ist fest verankert

Es war heuer bereits der zweite Besuch von Metropolit Arsenios in Leoben. Am 26. Jänner hatte der Metropolit an der Waasenbrücke über die Mur die jetzt in Leoben schon traditionelle „Große Wasserweihe“ im Hinblick auf das Epiphanie-Fest durchgeführt. Wie sehr dieser ostkirchliche Brauch in Leoben bereits verankert ist, ließ sich daran erkennen, dass Mitglieder der Steirischen Wasserrettung mit Booten und Tauchern an der Waasenbrücke den Weihesegen direkt im Wasser der Mur empfingen. Bei der Wasserweihe ließ der Metropolit eine weiße Taube aufsteigen, die einerseits in der christlichen Kunst traditionell den Heiligen Geist symbolisiert, andererseits aber auch im 20. Jahrhundert zu einem Zeichen der Friedensbotschaft wurde.

Am 12. Dezember des Vorjahrs hatte es in der St. Alfons-Kirche in Zusammenarbeit mit dem „Bürgerforum Leoben“ eine stimmungsvolle ökumenische adventliche Feier unter Beteiligung von orthodoxen, katholischen und evangelischen Laienchristen gegeben. Bei der Adventfeier zeigte sich, wie sehr die Konfessionen in Leoben bereits einander nahegekommen sind. Am Beginn der Adventzeit wurde am 28. November in Leoben ein bedeutsamer ökumenischer Akt gesetzt: Eine Reliquie des Heiligen Rupertus (660-710 n. Chr.), erster Bischof von Salzburg und Heiliger der noch ungeteilten Christenheit, wurde von Prälat Matthäus Appesbacher im Auftrag des Salzburger Erzbischofs Franz Lackner an die Leobner orthodoxe Pfarrkirche und ihren Priester Sladjan Vasic übergeben.

Ein Jahr zuvor – am 25. November 2018 – feierte Metropolit Arsenios mit seiner Leobner Gemeinde die Göttliche Liturgie. In seiner Predigt betonte er, dass es nicht richtig sei, das Christentum nur als eine Ansammlung von Regeln zu verstehen. Es gehe nicht nur um die Befolgung der Gebote, „die richtig und wichtig sind“. Vielmehr fordere Christus eine Ausrichtung des Lebens auf Gott hin, ungehemmt von Bindungen an Reichtum und Wohlstand, Karriere, Haus, Auto „oder was auch immer“. All diese Dinge würden nicht grundsätzlich abgelehnt, aber sie dürften den Menschen nicht von der Nachfolge Christi abhalten. Am Ende der Liturgie verlieh der Metropolit an Karl Mlinar das Silberne Verdienstkreuz der Metropolis von Austria in Anerkennung der langjährigen Bemühungen des Kustos um den Erhalt und die Pflege der Kirche in Leoben. Mlinar habe gemeinsam mit seiner Frau und einer Gruppe motivierter Menschen den Aufbau der orthodoxen Gemeinde und die Durchführung des liturgischen Lebens „zu manchen Zeiten überhaupt erst ermöglicht“ und dann tatkräftig unterstützt.

Nach dem Weggang des letzten Redemptoristen im Jahr 2010 drohte die St. Alfons-Kirche in Leoben zu verwaisen. Karl Mlinar und seine Freunde nahmen sich des Gotteshauses an und suchten auch das geistliche Leben zu erhalten. Die Vision einer ökumenischen Zukunft für die Kirche in der Gösser Straße erfüllte sich 2014/15, als die Metropolis von Austria das Gotteshaus übernahm. Mlinar sieht das Miteinander von orthodoxen und katholischen Christen an der Kirche bis hin zur gemeinsamen Marien-Prozession durch die Straßen von Leoben auch als einen „kulturpolitischen Beitrag für den Frieden in der Welt“ und eine „Förderung des Ansehens der internationalen Universitätsstadt Leoben“ mit ihrer traditionsreichen Montanuniversität.

Am 9. November 2014 wurde in Anwesenheit des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. die bisherige Klosterkirche der Redemptoristen in Leoben an die Metropolis von Austria übergeben. Am selben Tag wurde die erste Göttliche Liturgie zelebriert und mit dem Jahr 2015 begann das orthodoxe Gemeindeleben. Liturgiesprache ist Deutsch mit Einschüben in Griechisch und Serbisch. Als Patrozinium der Kirchengemeinde wurde das Fest der Ikone der Mutter von der immerwährenden Hilfe am 27. Juni gewählt (eine Kopie der Ikone wurde in der Kirche St. Alfons – wie in allen Gotteshäusern der Redemptoristen – schon seit ihrer Errichtung verehrt ). Das traditionsreiche Redemptoristenkloster wurde vom Orden zu einem topmodernen Wohn- und Studentenhaus umgebaut, das den Namen Haus St. Alfons trägt und ein Zuhause für mehrere Generationen darstellt.

Der Provinzial der Redemptoristen, P. Lorenz Voith, sagte im November 2014: „Die weitere Sorge um die St. Alfons-Kirche lag uns Redemptoristen sehr am Herzen. Unzählige Bewohner Leobens und der Umgebung haben die Klosterkirche in der Vergangenheit schätzen und lieben gelernt“. Nach dem Weggang des Ordens sei mit Hilfe des Kreises von ehrenamtlichen Laien um Karl Mlinar die Kirche weiterhin genützt worden: für Andachten, Heilige Messen und Konzerte. Mit der Übergabe des Gotteshauses an die orthodoxe Kirche sei der langfristige Erhalt von St. Alfons als „christlicher Ort der Einkehr, der Besinnung und des Gebetes“ gesichert. Die griechisch-orthodoxe Kirche in Österreich wolle einen besonderen Ort der ökumenischen Begegnung schaffen; es werde auch weiterhin katholische Gottesdienste geben, aber auch neue Formen christlichen Austausches. P. Voith damals: „Wir sind dankbar für die gefundene Vereinbarung und haben damit gemeinsam mit unseren orthodoxen Mitchristen ein neues Kapitel für St. Alfons und für Leoben aufgeschlagen“.

 

Metropolit Arsenios: „Ein Raumn lebendiger Begegnung“

Metropolit Arsenios zeigte sich glücklich: „Ich bin sehr dankbar, dass wir diese besondere Kirche mit ihrer reichen Geschichte und ihrer guten Ausstrahlung anvertraut bekommen. Wir werden intensiv dafür arbeiten, dass sie ein Raum lebendiger ökumenischer Begegnung wird und gleichzeitig ein Zuhause für die katholischen Christen der Stadt und der Region bleibt. Wir dürfen hier mit der weiteren tatkräftigen Unterstützung des bisherigen treuen Kustos der Kirche, Karl Mlinar, rechnen. Dazu werden wir auch kulturelle und künstlerische Akzente setzen – denn die Kunst wie der Glaube verleihen der Seele Flügel, die den Menschen zu Gott tragen“.

Die Errichtung eines Redemptoristen-Hospizes in Leoben war im Jahr 1834 erfolgt. Die Revolution 1848 führte zur Aufhebung der Ordensgemeinschaft, die den bürgerlich-liberalen und deutschnationalen Vertretern der neuen Zeit nicht geheuer war. Die Patres konnten erst 1853 zurückkehren und den vorher begonnenen Bau einer Kirche und des Klosters weiterführen. Am 9. November 1854 wurde die St. Alfons-Kirche eröffnet. Das Kloster diente als Exerzitienhaus und beherbergte vorübergehend auch das Noviziat des Redemptoristenordens. Mit dem Bau der Kirche war 1846 begonnen worden. Der Architekt Alois Haberkalt sah den Bau eines Gotteshauses in neoromanischen Formen vor.

Die originale Ikone der „Mutter von der immerwährenden Hilfe“ dürfte bereits auf Kreta viel verehrt worden sein, möglicherweise im Heiligtum der „Kardiotissa“ unweit von Iraklion. Wie die Ikone nach Rom kam, wird nur in Legenden geschildert. 1499 erhielt die Ikone in Rom einen Ehrenplatz in der Kirche San Matteo in Merulana, wo sie bis 1798 von den Gläubigen verehrt wurde. In diesem Jahr zerstörte die französische Revolutionsarmee bei ihrem Einmarsch in Rom die Kirche San Matteo, die Ikone geriet zunächst in Vergessenheit. Sie landete in der kleinen Hauskapelle eines Klosters der Augustiner-Eremiten. 1865 erbat sich der damalige Ordensgeneral der Redemptoristen, P. Nicolas Mauron, die Ikone. Seither wird sie in der Hauptkirche der Redemptoristen, Sant’Alfonso (nahe der Basilika Santa Maria Maggiore), verehrt. Die Ikone wurde das wichtigste Gnadenbild der Redemptoristen; Kopien werden in vielen von den Redemptoristen betreuten Heiligtümern verehrt wie in den Basiliken der „Mutter von der immerwährenden Hilfe“ in Boston, in Liguori im US-Bundsstaat Missouri, in Paranaque auf den Philippinen, in Toronto. Auch Kathedralen in aller Welt sind der Ikone geweiht, so die in der eritreischen Hauptstadt Asmara, die in der kasachischen Hauptstadt Astana und die in Oklahoma City.

Die Ikone entspricht dem Typus der „Muttergottes der Passion“ (Amolyntos). Besonders berührend an der Ikone ist die Darstellung des Jesus-Kindes, das angesichts der Leidenswerkzeuge seine kleinen Hände in die Hand der Mutter schmiegt und eine Sandale verliert. Möglicherweise war der „Schreiber“ der Ikone der kretische Künstler Andrea Rizzo, von dem es ähnliche Ikonen in Patmos, Rethymnon, Bari, Parma und Fiesole gibt.