Armenischer Katholikos-Patriarch fordert Eingreifen der internationalen Gemeinschaft in Berg-Karabach

Karekin II. warnt vor „Völkermord unter direkter Beteiligung der Türkei“ – „Der Krieg ist keine Entscheidung der Armenier, wir wurden zur Selbstverteidigung gezwungen“

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Foto: © Tzolag Hovsepian (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Jerewan, 16.10.20 (poi) Der armenisch-apostolische Katholikos-Patriarch Karekin II. hat sich mit einem – von den armenischen Medien verbreiteten – dramatischen Appell an die internationale Staatengemeinschaft gewandt, um eine Beendigung der Kriegshandlungen zwischen Azerbaidschan und der nicht anerkannten Republik Artsach zu erreichen. Die azerbaidschanischen Militäroperationen in der Region „ignorieren das Waffenstillstandsabkommen“ und bestätigen das Scheitern der bisher durchgeführten Verhandlungen, stellt der Katholikos-Patriarch fest. Angesichts dieses Szenarios müsse die internationale Gemeinschaft und vor allem die „Minsk-Gruppe“ der OSZE „entschlossenere Maßnahmen ergreifen, um einen Völkermord unter direkter Beteiligung der Türkei zu verhindern”. Baku und Ankara müssten gezwungen werden, den Krieg zu beenden und durch Verhandlungen eine endgültige Lösung zu finden, so Karekin II.

In seinem Appell erinnert der Katholikos-Patriarch u.a. an die Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung und an die Beschädigung der Erlöserkathedrale in Shusha durch Raketenbeschuss. Wörtlich heißt es in der Erklärung von Karekin II.:  „Der Krieg ist keine Entscheidung unseres Volkes. Wir wurden zur Selbstverteidigung gezwungen, um unser Leben, unsere Freiheit und unsere Würde angesichts von Gewalt und Brutalität zu retten“. Der Katholikos-Patriarch fordert zugleich auch die Armenier in aller Welt auf, „die Bemühungen um die internationale Anerkennung der bisher nicht anerkannten Republik Artsach fortzusetzen“.

 

Report aus Artsach

Die armenische Botschaft am Heiligen Stuhl hat in den letzten Tagen einen Report verbreitet, demzufolge 50 Prozent der Bevölkerung von Artsach Wohnungen und Häuser verlassen haben und geflüchtet sind. Einige Flüchtlinge seien in den südlichen Bereich von Artsach geflüchtet, andere nach Armenien. Wer in Artsach blieb, sei gezwungen, zum Schutz vor den azerbaidschanischen Angriffen im Keller zu leben. Wörtlich heißt es im Report der armenischen Vatikanbotschaft: „Seit den Morgenstunden des 27. September hat Azerbaidschan entlang der gesamten Grenzlinie Luft- und Artillerieangriffe gegen die Republik Artsach gestartet. Dörfer, Städte und die Hauptstadt Stepanakert wurden intensiv angegriffen, was zahlreiche Todesopfer und Verletzte unter der Zivilbevölkerung gefordert hat. Großflächige Schäden sind an zivilen Objekten, wie Wohnhäusern und Schulen, entstanden, außerdem an Infrastruktureinrichtungen, die für das Überleben der Zivilbevölkerung von vitaler Bedeutung sind. Leben und Gesundheit der Kinder, der Frauen und der ganzen Bevölkerung von Artsach sind nach wie vor aktuell bedroht“.

Bis 9. Oktober seien 20 Zivilperseonen (acht Frauen und zwölf Männer) getötet worden, 60 Prozent von ihnen in ihren Wohnungen. Mehr als 100 Zivilpersonen wurden verletzt, 81 Prozent von ihnen schwer. Die meisten Verletzungen würden die Gliedmaßen betreffen, aber auch den Gesichtsbereich. Die Azerbaidschaner hätten das zentrale Elektrizitätswerk in Stepanakert sowie Umspannwerke in anderen Städten und Dörfern angegriffen und zahlreiche Stromleitungen unterbrochen. In der Folge sei die ganze Bevölkerung tagelang ohne Stromversorgung gewesen. Auch das Telefonnetz und das Internet seien Zielscheibe azerbaidschanischer „Hacker“ gewesen, wodurch einige Tage hindurch große Probleme entstanden seien. Von den Angriffen seien auch Fabriken und hunderte von  Handels- und Gewerbetrieben betroffen worden. Auch öffentliche und religiöse Institutionen wie Schulen, Kindergärten, Kulturzentren und Gotteshäuser seien in Mitleidenschaft gezogen worden. Abschließend hieß es in dem Report: „Am 8. Oktober 2020 hat die azerbaidschanische Armee zwei Angriffe auf die Erlöserkathedrale in Shusha,  das kulturelle und religiöse Symbolbau von Artsach, durchgeführt. Der Angriff liegt auf einer Linie mit der ständigen Praxis der Zerstörung des armenischen kulturellen Erbes in Artsach. Darin zeigt sich ein radikaler Mangel an Respekt gegenüber dem christlichen Element der armenischen Identität“.

 

Appell an Österreichs Bundesregierung

Der Obmann der armenisch-apostolischen Kirchengemeinde Österreich, Vahagn  Amirjanyan, hat sich an Bundeskanzler Sebastian Kurz und die Mitglieder der Bundesregierung gewandt und namens der Österreicherinnen und Österreicher armenischer Herkunft ein Eintreten Wiens für Sanktionen gegen die Türkei und Azerbaidschan und die rasche Anerkennung der Unabhängigkeit und Souveränität der Republik Artsach gefordert. Nur so könne langfristig ein Leben in Würde, Frieden und Demokratie für die Menschen in Berg-Karabach (Artsach) und Armenien garantiert werden.

Amirjanyan verwies darauf, dass sich am 10. Oktober, als in Moskau ein Waffenstillstand zwischen den Außenministern Armeniens und Azerbaidschans unter Vermittlung des russischen Außenministers vereinbart wurde, kurzfristig  Optimismus breit gemacht habe: „Doch bereits zehn Minuten nach dem offiziellen Beginn des Waffenstillstands brach der Krieg erneut aus, bei dem neben Berg-Karabach auch die Republik Armenien bombardiert wurde“. Der Obmann der armenischen Kirchengemeinde legte dar, warum die armenische Bevölkerung kein Interesse an einem Krieg haben kann: „Azerbaidschan, das von der Türkei unterstützt wird, ist sowohl militärisch als auch demographisch der armenischen Bevölkerung überlegen. Was die Zivilbevölkerung in Berg-Karabach möchte, ist der Erhalt der Unabhängigkeit. Es wäre rational nicht nachvollziehbar, wenn ein de-facto unabhängiger Staat einen neuen Krieg gegen stärkere Gegner provozieren – und diese hart erkämpfte Unabhängigkeit aufs Spiel setzen würde“.

Bundeskanzler Kurz  habe mit dem armenischen Ministerpräsidenten telefoniert und ihm angeboten, dass Österreich bereit sei,  Gastgeber für Friedensverhandlungen in Wien zu sein, erinnerte Amijanyan. Das sei ein wichtiger Schritt. Doch es stelle sich die Frage, „inwieweit er das Problem löst“. Der Bundeskanzler habe zurecht laut aufgeschrien, als die Türkei das Recht in Griechenland und Zypern verletzt habe. Doch jetzt gebe es zahlreiche Beweise dafür, dass die Türkei IS-Kämpfer nach Azerbaidschan verschickt, um die armenische Zivilbevölkerung  abzuschlachten. Es sei die Frage, warum das offizielle Österreich bislang kein einziges Wort darüber verloren habe.

Die Österreicher armenischer Abstammung seien sehr besorgt, weil sie sich erinnern, was ihren Vorfahren vor etwa 100 Jahren beim Genozid an den Armeniern passiert ist. Wenn der türkische Präsident heute davon spreche, „das zu beenden, was die Vorfahren begonnen hatten“, könnten die Armenier nicht einfach wegsehen. Amirjanyan: „Es geht nicht um ein Stück Land, es geht um die Existenz eines ganzen Volkes mit langer, aber trauriger Geschichte. Die Menschen in Berg-Karabach wissen, dass sie diesen Kampf entweder gewinnen werden oder aber das armenische Leben auch in Berg-Karabach für immer ausgelöscht sein wird“. Der Bundeskanzler und viele weitere Politikerinnen und Politiker hätten stets vorbildliche Worte gefunden, um den Genozid zu beschreiben. Österreich habe im Jahr 2015 sogar die Mitschuld anerkannt. Die Welt dürfe aber nicht erneut wegschauen, wenn Dschihadisten und weitaus überlegene Armeen erneut die Zivilbevölkerung vernichten möchten. Wörtlich stellte der Obmann der armenisch-apostolischen Kirchengemeinde fest: „Wir sind überzeugt, dass die österreichische Bundesregierung mehr tun kann: sei es auf EU-Ebene, innerhalb der OSZE, den Vereinten Nationen und als brückenbauende Republik, in der Demokratie und Menschenrechte hochgehalten werden“.
„Friedensgebet für den Südkaukasus“ am 17. Oktober

„Pro Oriente“ lädt am 17. Oktober zu einem Friedensgebet ein. In der Eindladung heißt es: „Seit dem 27. September wird um die kaukasische Region Berg-Karabach gekämpft. Es gibt zwar seit 10. Oktober einen in Moskau von den Außenministern Armeniens und Azerbaidschans ausgehandelten fragilen Waffenstillstand, aber es kommt nach wie vor zu Gefechten. Auf diesem Hintergrund findet am Samstag, 17. Oktober, um 19 Uhr, in der Wiener Michaelerkirche ein „Friedensgebet für den Südkaukasus“ statt. Der armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan, der Wiener Weihbischof Franz Scharl und der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (und „Pro Oriente“-Vizepräsident), Domdekan Rudolf Prokschi, leiten das Gebet, zu dem alle eingeladen sind, denen der Friede, der Schutz von menschlichem Leben und die Bewahrung kostbaren kulturellen Erbes am Herzen liegen“.