„Ein Gotteshaus sollte kein Symbol für Eroberung sein, sondern einzig ein Symbol für Frieden“

Wiener Pfarrer Martin Rupprecht publizierte auf Facebook in einem Brief „an die lieben türkischen Freunde“ Gedanken zur Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee – Der Priester setzt sich seit vielen Jahren für die christlich-muslimische Verständigung ein

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Foto: © Eric Rolph (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)

Wien, 23.07.20 (poi) Der Wiener Priester Martin Rupprecht, Pfarrer der Hildegard Burjan-Pfarre im 15. Bezirk, hat am Donnerstag auf Facebook in einem Brief „an die lieben türkischen Freunde“ Gedanken zur Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee publiziert. Wörtlich schrieb Pfarrer Rupprecht: „Die Politik hat die Hagia Sophia wieder in eine Moschee gewandelt. Das ist ihre Möglichkeit. Es zu beurteilen, ist nicht mein Anliegen; ich habe auch kein Recht dazu. Was mir Sorgen macht, sind die Worte, die dabei verwendet werden. Ein Gotteshaus sollte kein Symbol für Eroberung sein. Einzig ein Symbol für das Gebet und den Frieden. Wir leben nicht mehr in der Zeit vor 500 Jahren. In der Zwischenzeit haben wir die Sklaverei abgeschafft, den Frauen die gleichen Rechte gegeben, die Kinderarbeit verboten, die Rechte eines jeden Menschen festgestellt. Wir haben auch als Religionen dazugelernt. Gott ist nicht mächtig durch uns, wenn wir etwas erobern. Wir können auch niemanden verpflichten, an Gott zu glauben. Nichts können wir erzwingen. Es bleibt ein Geschenk, den Glauben an Gott gefunden zu haben“.

In seinem „Brief an die türkischen Freunde“ zitiert Pfarrer Rupprecht den anatolischen Mystiker Celaleddin Rumi: „Hast du die Kaaba nicht im Herzen, dann geh nicht nach Mekka, trägst du nicht das Kreuz im Herzen, dann brauchst du keine Kirche“. Der Fünfhauser Pfarrer erinnert daran, dass er vor 20 Jahren ein Jahr in Ankara studiert und versucht hat, die türkische Sprache zu lernen, „um die türkischen Menschen mit ihrer großartigen Kultur besser kennen zu lernen“. Er sei beeindruckt gewesen von der türkischen Gastfreundschaft. Er wisse „um all die schwierige Geschichte zwischen Christen und Muslimen“ und doch glaube er von Herzen daran, „dass Gott uns prüft, ob wir miteinander leben können“, stellte Rupprecht fest und zitierte den Koran-Vers: „So wetteifert miteinander um das Wohl“.

Es komme also auf das Ergebnis des Glaubens an, so Rupprecht: „Glaube ist nicht ein Wort, sondern eine Tat, eine Lebenshaltung. Wie wollen wir also in die Zukunft gehen? Wollen wir überhaupt zusammen leben, oder sind wir erst dann zufrieden, wenn der andere erobert ist?“ Es mache ihn so traurig, dass das Gebet in der Hagia Sophia ein Symbol der Eroberung ist. Das sei der Grund für die Angst aller Christen: „Müssen wir Angst voreinander haben?“

Abschließend stellte Pfarrer Rupprecht im „Brief an die türkischen Freunde“ fest: „In eurem verehrten Koran beginnt jede Sure mit ‚Bismillah er-rahman er-rahim‘ (Im Namen Gottes, des Allerbarmenden, des Allbarmherzigen), der Ruf nach Erbarmen und Barmherzigkeit. Ich bitte euch also: Wenn ihr in der Hagia Sophia betet, dann betet für den Frieden; dann betet, dass wir alle an ein Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen glauben können. Dass wir alle zusammen eine neue Sprache des Miteinanders lernen, dass Gott uns einen gemeinsamen Weg zeigen möge. Nur so werden wir Seine Größe verstehen. Gott ist größer als unser Denken. Amen“.

Martin Rupprecht, Jahrgang 1963, stammt aus Eslarn im Oberpfälzer Wald. Seine stärkste Prägung verdankt er nach eigenem Bekunden den Eltern, den fünf Geschwistern „sowie dem Aufwachsen auf dem Bauernhof“.  Er studierte in Eichstätt und Regensburg Religionspädagogik, Philosophie und Theologie. Während und nach dem Studium war er zwei Jahre in der Obdachlosen- und Suchtkrankenarbeit bei P. Georg Sporschill SJ in Wien tätig. In den Jahren 1987, 1989 und 1990 absolvierte er jeweils die dreimonatige Bibelschule in der Türkei. 1992 wurde er in Regensburg zum Priester geweiht. 1994 kam er wieder nach Wien, um an der Brünnerstraße in Floridsdorf die neue Pfarre „St. Cyrill und Method“ aufzubauen. Im Jahr 1999 wurde er für ein Studienjahr in der Türkei freigestellt.

Ab September 2000 war er Pfarrer in Christkönig–Neufünfhaus und bis Februar 2013 zugleich Islambeauftragter der Erzdiözese Wien. Seither ist er ein gesuchter Berater in Fragen der christlich-muslimischen Verständigung. Als Priester liegt ihm der Dienst für christlich-muslimische Paare und Familien am Herzen. 2003 wurde er zum Dechanten des 15. Bezirkes gewählt und 2008 und 2013 wiedergewählt. Ab 2012 war er Moderator der Pfarre Schönbrunn-Vorpark; ab August 2013 auch Moderator der Pfarre Rudolfsheim. Seit 1. Jänner 2017 ist er Pfarrer der neuen Hildegard Burjan-Pfarre, die praktisch den ganzen 15. Bezirk umfasst.