Keine Entspannung im ukrainischen Kirchenkonflikt in Sicht

Moskauer Außenamtsleiter Metropolit Hilarion: Ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats keine "fünfte Kolonne des Kremls", sondern die nationale Kirche der Ukraine - Metropolit Epifanij, Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine, verurteilt russische Aggression

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Foto: © Υπουργείο Εξωτερικών (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Wien, 10. März 2021 (POI) Im Konflikt zwischen den Patriarchaten von Moskau und Konstantinopel um die Ukraine ist aktuell keine Entspannung in Sicht. Metropolit Hilarion (Alfejew), der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, wies in seiner wöchentlichen TV-Sendung „Kirche und Welt“ darauf hin, dass immer noch Gotteshäuser der Ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats von Anhängern bzw. Verantwortlichen der Orthodoxen Kirche der Ukraine widerrechtlich in Besitz genommen würden. Diese Praxis habe unter Präsident Petro Poroschenko begonnen und solche Besitzergreifungen würden immer noch vorkommen, klagte der Metropolit. Die Öffentlichkeit in der Ukraine und darüber hinaus müsse diese Ungerechtigkeiten endlich zur Kenntnis nehmen, so Hilarion.

Das Moskauer Außenamt berichtet auf seiner Website, dass der Kanzler der UOK-MP, Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Boryspol, am Montag einige orthodoxe Priester empfangen hat, die laut Angaben der Informationsabteilung der UOK-MP aus ihren Pfarren in der Diözese Rowno-Polesye vertrieben worden waren. Metropolit Antonij dankte den Geistlichen für ihre Standhaftigkeit und Treue zur UOK-MP und stattete sie symbolisch mit einem liturgischen „Notfallkit“ aus, damit sie wieder Gottesdienst feiern können.

Keine „fünfte Kolonne des Kremls“

Metropolit Hilarion hielt derweil in seiner TV-Sendung einmal mehr fest, dass die UOK-MP keine „fünfte Kolonne des Kremls“ sei und auch nicht die „Russische Kirche in der Ukraine“. Sie sei vielmehr die nationale Kirche der Ukraine, zu der sich auch die Mehrheit der orthodoxen Gläubigen bekenne. Die Mitglieder der Kirche seien meist in der Ukraine geboren und aufgewachsen, sie seien ukrainische Staatsbürger.

Vonseiten der OKU sieht man das freilich anders. In seinem jüngsten Glückwunschschreiben an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios anlässlich dessen 81. Geburtstags – der Patriarch wurde am 29. Februar 1940 auf der türkischen Insel Imbros geboren – hatte das Kirchenoberhaupt Metropolit Epifanij (Dumenko) die OKU als „die“ Kirche des ukrainischen Volkes bezeichnet. Patriarch Bartholomaios habe mit seiner Entscheidung, der Kirche die Unabhängigkeit zu gewähren, die ungerechtfertigte lange Spaltung der Orthodoxie in der Ukraine überwunden.

Metropolit Epifanij sagte Patriarch Bartholomaios seine Unterstützung in der Abwehr ungerechtfertigter Anschuldigungen sowie unfairer und haltloser Vorwürfe zu. Das Oberhaupt der OKU bekräftigte zugleich die gemeinsame Einladung von Staat und Kirche an den Ökumenischen Patriarchen, anlässlich des 30. Jahrestages der Unabhängigkeit der Ukraine (24. August) das Land zu besuchen.

Wie sehr die Orthodoxie in der Ukraine gespalten ist, zeigte dieser Tage auch eine Nachricht der OKU, in der diese einmal mehr die russische Aggression gegen die Ukraine verurteilte. Die Krim und das besetzte Donbass-Gebiet seien integraler Bestandteil der Ukraine, hielt die Kirche fest. Zugleich wurde darauf verwiesen, dass immer noch zahlreiche Ukrainer als politische Gefangene in der Krim, im Donbass oder in Russland in Haft seien. Die Kirche unterstütze alle Bemühungen für Recht und Ordnung, für die Freilassung aller politischen Gefangenen sowie zur Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine, hieß es.

Bartholomaios weist Anschuldigungen zurück

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat derweil am vergangenen Wochenende im Phanar in Istanbul eine Delegation ukrainischer Parlamentarier empfangen. Im Rahmen der Begegnung erläuterte der Patriarch nochmals, weshalb er der OKU die Unabhängigkeit verliehen hatte.

Dies sei hauptsächlich Ausdruck einer pastoralen Verantwortung gewesen, sagte der Patriarch laut dem Nachrichtenportal „orthodoxtimes“. Er sprach von der „Verantwortung der Mutterkirche gegenüber Millionen unserer orthodoxen Brüder und Schwestern, die sich außerhalb der Kirche befanden“. Externe „Mächte“ oder geopolitische Interessen hätten hingegen bei seiner Entscheidung keine Rolle gespielt.

Bartholomaios wies die Vorwürfe vonseiten Moskaus zurück, mit seiner Entscheidung die Orthodoxie gespalten zu haben. Er spielte den Ball an die Russisch-orthodoxe Kirche zurück, die die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat abgebrochen habe und damit Gefahr laufe, „vom Leib der orthodoxen Kirche abgeschnitten zu werden“, sich also ins Schisma zu begeben. Die OKU sei jedenfalls gemäß dem Kirchenrecht Teil der Weltorthodoxie. „Wenn einige diese Realität nicht akzeptieren können, sollten sie sich fragen, wer genau die Einheit in der Orthodoxen Kirche bricht“, fügte der Patriarch hinzu. Schließlich bekräftigte er auch, im kommenden August in die Ukraine reisen zu wollen.

 

HINTERGRUND

In der Ukraine gibt es zwei größere orthodoxe Kirchen, die miteinander konkurrieren. Die Ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP), die innerhalb der Russisch-orthodoxen Kirche autonomen Status hat, und die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU), die vom Ökumenischen Patriarchat 2019 die Autokephalie (Unabhängigkeit) erhielt. Die Weltorthodoxie ist seither in der Frage gespalten, welche Kirche die kanonisch anzuerkennende ist. Für Moskau ist die OKU schismatisch. Die Russisch-orthodoxe Kirche kündigte in Folge auch die Zusammenarbeit und Eucharistiegemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat und all jenen orthodoxen Kirchen auf, die die OKU anerkennen.