„Keine Religion ist eine Insel“

Erstmals ökumenischer Empfang der Diözese Linz – Bischof Scheuer: In der getrennten Christenheit gibt es „mehr, was uns verbindet als was uns trennt“ – Linzer „Pro Oriente“-Vorsitzender Pühringer: Spaltung des Christentums eine historische Tatsache, aber sie darf kein „ewig dauernder Zustand“ sein

0
198
Foto: © Peter1c (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Attribution-Share Alike 4.0 International)

Linz, 30.05.19 (poi) „Keine Religion ist eine Insel“: Dieses Zitat des jüdischen Theologen Abraham J. Heschel aus 1965 stellte der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer an den Beginn seiner Ausführungen beim ersten ökumenischen Empfang seiner Diözese, zu dem er gemeinsam mit der Linzer „Pro Oriente“-Sektion eingeladen hatte. Die Feststellung Heschels gelte heute in einer Zeit wachsender wechselseitiger Beeinflussung in allen Bereichen in noch viel stärkerem Ausmaß als 1965. Ökumene sei ein „Grundauftrag“ aller Christen, unterstrich Bischof Scheuer, für die Katholiken bedeute ökumenisches Engagement „Vollzug des Katholischseins“. Auch wenn es heute Stimmen gebe, die vom Ziel der „vollen sichtbaren Einheit“ abrücken wollen, bleibe die Einheit im gemeinsamen Bekenntnis des apostolischen Glaubens und in den Sakramenten das Ziel.

Auch in der getrennten Christenheit gebe es „mehr, was uns verbindet als was uns trennt“, betonte der Linzer Bischof. Er plädierte für eine Form des „differenzierten Konsenses“, in dem einander ergänzende Aspekte zum Ausdruck kommen. Ein vorbildliches Beispiel dafür sei die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“, die von römisch-katholischen und evangelisch-lutherischen Theologen erarbeitet und am 31. Oktober 1999 in Augsburg feierlich unterzeichnet wurde. Zum Weg der Ökumene gehöre auch die Bereitschaft zu Umkehr und Buße, die Einsicht, dass man selbst falsch liegen könnte. In dieser Haltung gelinge es, „voneinander zu lernen und aufeinander zu hören“.

Es sei gemeinsame Aufgabe der Kirchen, das Evangelium in die verschiedenen Lebensmilieus hineinzutragen, unterstrich Bischof Scheuer. Es gehe um das gemeinsame Zeugnis im diakonisch-karitativen wie im gesellschaftspolitischen Bereich. Als ein international bedeutendes Beispiel nannte er die vom Weltkirchenrat initiierte „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ für den Zehn-Jahres-Zeitraum von 2001 bis 2010. Widerstand gegen Gewalt gehöre – ebenso wie der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung und der Schrei nach Gerechtigkeit – zum innersten Auftrag der Ökumene. In Bezug auf Österreich nannte Scheuer vor allem das im Jahr 2003 verabschiedete „Ökumenische Sozialwort“, das in Oberösterreich weiterhin hohe Bedeutung habe.

Im ökumenischen Dialog bestehe heute oft der Eindruck, dass man in einer „Zwischenphase“ sei, in der sich nichts erzwingen lasse, räumte der Linzer Bischof ein. Aber man müsse auch sehen, dass viele persönliche und institutionelle Freundschaften über die Konfessionsgrenzen hinweg gewachsen sind. Wörtlich sagte der Bischof: „In der Ökumene dürfen wir den jeweils anderen im Licht Christi sehen. Der gemeinsame Blick auf Christus regelt das Miteinander neu“. Da gehe es nicht mehr darum, Identität in der Andersheit statt im Gemeinsamen zu suchen. Ein neuer Aspekt sei, dass in bestimmten vor allem ethischen Fragen die Trennlinien nicht mehr zwischen den Konfessionen, sondern quer durch die Kirchen verlaufen. Diese Tatsache gelte es zu berücksichtigen.

Weiterkommen könne man in der Ökumene, wenn drei Ebenen beachtet werden, stellte der Linzer Bischof fest: Die Ökumene der Vernunft, die Ökumene des Herzens und die Ökumene des Zeugnisses.

 

Beitrag zum „Aufbau des Hauses Europa“

Der Linzer „Pro Oriente“-Vorsitzende (und frühere Landeshauptmann) Josef Pühringer bezeichnete im Sinn von Kardinal Franz König den ökumenischen Dialog, für den „Pro Oriente“ steht, als Beitrag zum Aufbau des „gemeinsamen Hauses Europa“. Die 1987 vom damaligen Diözesanbischof Maximilian Aichern begründete Linzer „Pro Oriente“-Sektion habe sich besonders um den Dialog mit der orthodoxen Kirche der tschechischen Länder und der Slowakei bemüht. Im Zeichen des Gedenkens an die „samtene Revolution“ des Jahres 1989 werde die Linzer „Pro Oriente“-Sektion gemeinsam mit Bischof Scheuer von 30. September bis 2. Oktober eine ökumenische Reise in die Tschechische Republik durchführen.

Die Spaltung des Christentums sei eine historische Tatsache, aber sie dürfe kein „ewig dauernder Zustand“ sein, betonte Pühringer. Manche ökumenischen Probleme könnten nur auf oberster Ebene gelöst werden, aber auch auf lokaler und regionaler Ebene lasse sich vieles beitragen. Der ökumenische Dialog sei eine Frucht des „gemeinsamen Zeugnisses für das Evangelium“. Zusammenzuführen und Begegnungen zu ermöglichen, sei Teil der Aufgabe von „Pro Oriente“. Die Besuche der Linzer „Pro Oriente“-Sektion bei orthodoxen Gemeinden hätten vor allem das Ziel des „gegenseitigen Kennenlernens“. Dabei lasse sich festzustellen, dass „hier noch viel zu tun ist“, weil es historisch oder kulturell bedingte „Berührungsängste“ gibt. Die verschiedenen Ebenen des ökumenischen Dialogs seien aufeinander bezogen, hielt Pühringer fest: „Von oben her kann nur zusammengeführt werden, was von unten auch zusammenwächst“. Erfreulicherweise habe sich in dieser Hinsicht in Oberösterreich schon einiges weiter entwickelt als anderswo. Vor allem im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen müssten die christlichen Kirchen gemeinsam auftreten, damit ihre Stimme Gehör finden könne, so Pühringer.

Vertreter von drei Kirchen erläuterten die Probleme ihrer Gemeinschaften. Der rumänisch-orthodoxe Pfarrer Sorin Bugner verwies darauf, dass Rumänen zunächst als „Gastarbeiter“ nach Oberösterreich gekommen seien, mittlerweile seien zwei Drittel österreichische Staatsbürger. Freilich gebe es auch Orthodoxe, die sich bei der Beheimatung schwertun. Der Bau einer eigenen Kirche wäre in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung. Der altkatholische Pfarrer Samuel Ebner machte darauf aufmerksam, wie sehr sich auch seine kleine Gemeinschaft durch die Diskussion um die Karfreitagsregelung betroffen gefühlt habe.

 

„Selbstverständliches Miteinander“

Der evangelisch-lutherische Superintendent Gerold Lehner bezeichnete es als wesentlich für die Ökumene, Anteil an der Situation der anderen Gemeinschaften zu nehmen und Anteil an der eigenen Situation zu geben. Dann könne Gemeinschaft entstehen. So wie auch Bischof Scheuer die Sorge um den Nachwuchs der Verkünder des Evangeliums betont hatte („wer gibt dem Evangelium ein Gesicht?“), verwies auch Superintendent Lehner auf die wachsende Zahl unbesetzter evangelischer Pfarrstellen in Oberösterreich (10 von 34). Der Hirte, die Hirtin sei „unverzichtbar“ für den Aufbau eines Beziehungsgeflechts.

Die ökumenische Situation in Oberösterreich sei durch ein besonderes Maß an Vertrautheit, ein „selbstverständliches Miteinander“ gekennzeichnet, betonte der Superintendent. Es sei beglückend, dem Evangelium in der Öffentlichkeit gemeinsam ein Gesicht zu geben. Im Hinblick auf das Wort Bischof Scheuers von der „Zwischenphase“ meinte Lehner, es gehe darum, „die Unruhe aufrecht zu erhalten, damit wir nach dieser Phase wieder gemeinsam auf dem Weg weiterkommen“.