Patriarch Ilia II. mit Abstand populärste Persönlichkeit Georgiens

Georgische Regierung in Bekämpfung der Covid-Pandemie um Schulterschluss mit Orthodoxer Kirche bemüht

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Foto: © Patriarch_ILIA_II_of_Georgia.jpg (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Tiflis, 07.04.21 (poi) Patriarch Ilia II., Oberhaupt der Georgischen Orthodoxen Kirche, bleibt die mit Abstand populärste Persönlichkeit Georgiens. Das geht aus einer aktuellen repräsentativen Umfrage hervor, wie das orthodoxe Internetportal „orthochristan“ (Mittwoch) berichtete. Demnach liegt die Zustimmungsrate für den Patriarchen bei 89 Prozent. Damit liegt der Wert zwar geringfügig unter jenem früherer Umfragen, aber immer noch deutlich höher als bei georgischen Politikern. Dem Patriarchen am nächsten kam mit 65 Prozent der frühere georgische Premierminister Giorgi Gakharia. Aktuelle Regierungsmitglieder rangieren weit abgeschlagen.

Aufgrund interner Turbulenzen sowie der umstrittenen kirchlichen Coronapolitik hat zugleich aber das Vertrauen in die Institution Kirche in Georgien abgenommen: Noch im vergangenen August lag der Wert bei 85 Prozent, inzwischen sind es nur mehr 79 Prozent, die angeben, der Kirche zu vertrauen. Überholt wurde die Kirche von der georgischen Armee, die auf eine Zustimmungsrate von 82 Prozent kommt.

Aufgrund der aber sehr hohen Vertrauenswerte des Patriarchen ist es kein Wunder, dass die georgische Regierung – trotz erheblicher inhaltlicher Auffassungsunterschiede – im Blick auf die Bekämpfung der Pandemie den Schulterschluss mit der Kirche sucht. Man erhofft sich seit einem Jahr, dass die Kirche die staatlichen Maßnahmen unterstützt, bislang jedoch weitgehend ohne Erfolg.

Vor wenigen Tagen erst war die georgische Gesundheitsministerin Ekaterine Tikaradze mit Patriarch Ilia zusammengetroffen. Im Anschluss an die Begegnung wurde verlautbart, dass die Kirche zwar nicht aktiv für die Covid-Impfung werben wolle, man aber „jede vernünftige Entscheidung der Regierung unterstützen werde“, wie das Portal „orthodoxtimes“ berichtete.

Damit blieb die Kirche ihrer Linie treu: Schon in einer Stellungnahme vom 11. Februar hatte der Hl. Synod erklärt, dass er keine Werbung für die Impfung verantworten könne. Die Kirche begrüße es, dass der Impfprozess als freiwillig und nicht zwingend erklärt worden sei, angesichts der Tatsache, dass „der Impfstoff neu entwickelt wurde, und Gesundheitsexperten in verschiedenen Ländern unterschiedliche Meinungen dazu haben“. Daher ermahne die Kirche dazu, „niemanden zu schikanieren und zu verfolgen, ungeachtet ihrer oder seiner sozialen Stellung, öffentlicher oder privater Aktivitäten, ob geimpft oder nicht“.

Dramatisch steigende Infektionsraten

Der erste Coronavirus-Fall wurde in Georgien am 26. Februar 2020 registriert. Die Infektionszahlen blieben aber lange Zeit relativ niedrig. Zuletzt entwickelte sich Georgien aber innerhalb von wenigen Monaten zu einem Land mit einer der höchsten Pro-Kopf-Infektionsrate und mit über 27.500 Fällen Mitte März, wie das Fachmagazin „Religion & Gesellschaft“ in seiner März-Ausgabe berichtete. Auch viele Kleriker haben sich inzwischen infiziert und sind teils auch am Coronavirus gestorben.

Das Magazin zeichnete auch die Entwicklung nach, die die Georgische Orthodoxe Kirche im Blick auf Corona durchmachte. Die Rhetorik der Kirche entwickelte sich demnach von einer anfänglichen Leugnung der Bedrohung der öffentlichen Gesundheit über Skeptizismus bis zur schrittweisen Akzeptanz der Tödlichkeit des Virus. Man setzte sich freilich stets für öffentliche Gottesdienste – wenn auch unter Vorsichtsmaßnahmen – und die Löffelkommunion ein; das heißt, dass alle Gläubigen im Gottesdienst die Kommunion mit demselben Löffel gereicht bekommen.

Schon Ende März 2020 hatte die georgische Regierung den Ausnahmezustand verhängt. Grenzen und Bildungsinstitutionen wurden geschlossen, der öffentliche Verkehr ausgesetzt, Ausgangssperren verordnet, Autofahrten durch Georgien verboten und die fünf größten Städte des Landes abgeriegelt. Nur Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Tankstellen, Poststellen und Banken waren noch offen. Die Kirchen genossen währenddessen behördlich genehmigte Freiräume.

Mit der zunehmenden Pro-Kopf-Infektionsrate wurden die Sicherheitsmaßnahmen bei den Gottesdiensten schließlich verschärft. Schon zum Weihnachtsfest wurde die erlaubte Zahl an Gottesdienstbesuchern verkleinert, doch die religiösen Praktiken blieben weitgehend dieselben: Die Kirchgänger küssen noch immer Ikonen und empfangen die Kommunion mit einem gemeinsamen Löffel. Am Ende der Liturgie küssen manche Gläubigen die Hand und das Kreuz des Priesters.

Für diese im wesentlichen unveränderte Gottesdienstpraxis setzt es laut „Religion & Gesellschaft“ auch viel Kritik vonseiten der georgischen Bevölkerung. Zumindest der Popularität von Patriarch Ilia tut dies aber scheinbar keinen Abbruch. Der 88-jährige Patriarch steht seit 1977 an der Spitze der Georgischen Orthodoxen Kirche.