Weltweite Solidaritätskampagne für das verwüstete Beirut

Papst Franziskus ruft zum Gebet für den Libanon auf, damit das Land „durch das Zusammenwirken all seiner gesellschaftlichen, politischen und religiösen Komponenten diesen so tragischen und schmerzlichen Moment bewältigen kann“

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Foto: © Vladanr (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beirut, 05.08.20 (poi) Die weltweite Solidaritätskampagne in Wort und Tat für die durch die Explosionskatastrophe schwer getroffene libanesische Hauptstadt Beirut ist am Mittwoch in Gang gekommen. Papst Franziskus rief am Mittwochvormittag bei der Generalaudienzansprache zum Gebet für den Libanon auf, damit  das Land „durch das Zusammenwirken all seiner gesellschaftlichen, politischen und religiösen Komponenten diesen so tragischen und schmerzlichen Moment bewältigen kann“. Der Papst rief die internationale Gemeinschaft zur Hilfe auf, um die von der Explosionskatastrophe ausgelöste schwerwiegende Krise zu überwinden.

Eines der ersten Kondolenzschreiben kam vom Moskauer Patriarchen Kyrill I., der gegenüber Präsident Michel Aoun wie auch dem orthodoxen Patriarchen von Antiochien, Youhanna X., die Anteilnahme der ganzen russisch-orthodoxen Kirche zum Ausdruck brachte. Er bete um Kraft für die Ärzte und Rettungsleute, die selbstlos um das Leben der Verschütteten kämpfen, schrieb Kyrill I. Zutiefst betrübt sei er, dass die schon seit so langer Zeit leidende Kirche von Antiochien von einer neuerlichen Katastrophe betroffen wurde.

Das Oberhaupt der antiochenischen Erzeparchie in den USA, Metropolit Joseph (Zehlawi), veröffentlichte am Mittwochmorgen einen Solidaritätsbrief, in dem er die große antiochenische Gemeinde in Nordamerika um Spenden für die Leidenden in Beirut ersuchte. Der Metropolit hatte nach Bekanntwerden der Katastrophe sofort mit dem antiochenischen Metropoliten von Beirut, Elias (Awde), Kontakt aufgenommen. Wie Metropolit Joseph in seinem Solidaritätsbrief berichtete, blieben sein Beiruter Amtsbruder und alle dessen Priester unverletzt. Aber die Georgskathedrale, die St. Nicholas-Kirche in Ashrafieh, das St. Georgs-Krankenhaus und der Metropolitansitz seien schwer beschädigt. Die Zerstörung habe nicht nur die kirchlichen Institutionen betroffen, sondern auch so viele Wohnungen von einfachen Menschen.

Inzwischen suchen viele Menschen in Beirut Zuflucht in den Gotteshäusern aller Konfessionen. Die meisten stehen nach wie vor unter Schock. Praktisch sind in ganz Beirut und Umgebung alle Fensterscheiben zu Bruch gegangen, Balkone wurden durch die Gewalt der Explosion heruntergerissen, Haustore und Geschäftsauslagen eingedrückt, ungezählte Autos sind nur mehr Schrott. Die Zerstörungen betrafen einen Umkreis von zehn Kilometern um den Ort der beiden Explosionen im Hafengebiet.

Das apokalyptische Szenario und die Pilzform der Explosionswolke haben in der Stadt die Vermutung ausgelöst, dass es sich um eine „kleine Atombombe“ gehandelt haben könnte, was aber von den Behörden zurückgewiesen wird. Die 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat lagerten seit 2014 unbeaufsichtigt in einem Hafendepot, was Ministerpräsident Hassan Diab als „unverantwortliche Gefährdung der Sicherheit der Bürger“ bezeichnete. Das Ammoniumnitrat – Ausgangsprodukt sowohl für die Düngemittel- als auch für die Sprengstoffherstellung – soll für Regimegegner in Syrien bestimmt gewesen sein, es wurde 2014 im nordlibanesischen Tripoli beschlagnahmt und dann nach Beirut verbracht. Wie es zu den Explosionen im Hafendepot gekommen ist, darüber wollte der libanesische Geheimdienstchef, General Abbas Ibrahim, am Mittwoch ausdrücklich keine Aussagen treffen.

Die Wucht der Explosionen hat das Hafengebiet mit seinen Einrichtungen vollkommen zerstört und unbrauchbar gemacht. 80 Prozent der libanesischen Importe laufen über den Hafen Beirut, daher werden Versorgungsschwierigkeiten befürchtet – auch deshalb, weil die Getreidesilos im Hafenbereich ebenfalls völlig zerstört wurden. Total vernichtet wurde auch das nur einen Kilometer vom Hafenbereich entfernte behördliche Quarantäne-Krankenhaus mit dem angeschlossenen Medikamentendepot des Gesundheitsministeriums. Tonnen von Medikamenten – einschließlich teurer Krebsmittel – gingen in Flammen auf. Die Zahl der Opfer – am Mittwochvormittag war von mindestens 100 Toten und mehr als 4.000 Verletzten die Rede – steigt ständig, je mehr sich die Einsatzkräfte in zerstörte Häuser vorarbeiten. Unter den Todesopfern ist auch ein prominenter Politiker, der Generalsekretär der christlichen „Falange“ (Kataib)-Partei, Nazar Najarian.

 

Präsident Macron am Donnerstag in Beirut

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron kommt am Donnerstag nach Beirut, um seine Solidarität zum Ausdruck zu bringen und mit Präsident Aoun, Ministerpräsident Diab und anderen politischen Akteuren die Modalitäten der französischen Hilfe zu besprechen. Am Mittwoch flogen bereits drei französische Flugzeuge von Paris-Roissy und Marseille aus mit Ärzten, Pflegekräften, Feuerwehrleuten und Spezialisten sowie Tonnen von Hilfsmaterial einschließlich von Medikamenten an Bord nach Beirut. Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian sagte am Telefon im Gespräch mit seinem neuen libanesischen Amtskollegen Charbel Wehbe, „in Prüfungen dürfe man sich auf die Hilfe von Freunden verlassen“. Paris werde sich auch auf europäischer Ebene für die Mobilisierung internationaler Hilfe für die schwer betroffene libanesische Hauptstadt einsetzen.

Am Mittwoch trafen auch Flugzeuge mit Personal und Hilfsgütern aus Russland, den Niederlanden, Kuweit und Katar in Beirut ein.