100-Jahr-Gedenken an die Ermordung von Nikolaus II. und seiner Familie in Jekaterinburg

Patriarch Kyrill führt nächtliche Prozession mit 100.000 Gläubigen zur Grube von Ganina Jama an – Keine Stellungnahme zur Frage der Authentizität der ab 1991sichergestellten sterblichen Überreste des Zaren, seiner Familienangehörigen und Mitarbeiter

0
1115
Foto: © Public Domain (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain )

Moskau, 14.07.18 (poi) In Jekaterinburg wird der Ermordung des letzten russischen Zaren Nikolaus II., seiner Familie und seiner persönlichen Betreuer durch die Bolschewisten vor 100 Jahren gedacht. In der Ural-Metropole findet in diesen Tagen ein feierliches mehrtägiges Gedenken an den Zaren und seine Familienangehörigen statt, die vom Moskauer Patriarchat im Jahr 2000 als Märtyrer heilig gesprochen worden sind. Patriarch Kyrill ist am Freitag in Jekaterinburg eingetroffen, wo er zunächst Reliquien der einen Tag nach der Zarenfamilie in Alapajewsk ermordeten Schwester der Zarin, Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna, für die „Erlöserkirche auf dem vergossenen Blut“ überbrachte. Diese Kirche wurde an der Stelle des Ipatjew-Hauses errichtet, in dessen Keller die Ermordung der Mitglieder des Zaren-Haushaltes erfolgte. Am Samstag leitete der Patriarch in Jekaterinburg eine Sitzung des Heiligen Synods, bei der der Ereignisse vor 100 Jahren gedacht wurde. Am Sonntag wird Kyrill I. die Kirche der Fjodorowskaja-Ikone der Gottesmutter im Neumärtyrer-Kloster in Alapajewsk weihen und dort die Göttliche Liturgie feiern (die Fjodorowskaja-Ikone ist die Haus-Ikone der Familie Romanow). In der Nacht von 16. auf 17. Juli wird der Patriarch einen Vigilgottesdienst auf dem Platz vor der „Erlöserkirche auf dem vergossenen Blut“ zelebrieren und dann eine Prozession leiten, die 21 Kilometer weit zur Ganina Jama zieht, einer Grube, in der die Bolschewisten die Leichen der Ermordeten „entsorgen“ wollten. Heute steht auch dort ein Kloster. Zu der Gedenkprozession zur Ganina Jama werden bis zu 100.000 Gläubige erwartet. Das Oberhaupt des Hauses Romanow, Großfürstin Maria Wladimirowna, wird an den Gedenkfeiern in Jekaterinburg und Umgebung teilnehmen.

Mittlerweile hat der Leiter der Synodal-Abteilung für die Beziehungen zur Gesellschaft und zu den Medien, Wladimir Legojda, bekanntgegeben, dass die russisch-orthodoxe Kirche keine Stellungnahme zur Frage der Authentizität der ab 1991 sichergestellten sterblichen Überreste des Zaren und seiner Familienangehörigen und Betreuer abgeben wird. Zuvor müssten alle Analysen – forensische, genetische, anthropologische, historische – abgeschlossen sein. Patriarch Kyrill habe wiederholt betont, dass die Kirche in dieser Frage keinen Fehler machen dürfe, sagte Legojda im Gespräch mit der „Izwestija“. Zum jetzigen Zeitpunkt könne eine wissenschaftliche Untersuchung der sterblichen Überreste nur eine 70- bis 80-prozentige Sicherheit garantieren, der Kirche gehe es darum, eine nahezu 100-prozentige Sicherheit zu gewinnen.

Die Gedenkstätten für die ermordeten Mitglieder der Familie Romanow haben sich in den letzten Jahren zu Pilgerzielen entwickelt, die Orthodoxe und Nichtorthodoxe aus aller Welt anziehen. Während der Fußball-WM kamen besonders viele Lateinamerikaner nach Jekaterinburg. Der Bürgermeister der Ural-Metropole, Jewgenij Roizman, hat über die Botschaft in Moskau auch die britische Königsfamilie nach Jekaterinburg eingeladen, weil die Familien Romanow und Hanover/Windsor – und damit auch Kaiser Nikolaus II. und König Georg V. – eng miteinander verwandt waren.

Wenige Tage vor dem 100-Jahr-Gedenken in Jekaterinburg wurde auf der Isle of Wight an der englischen Kanalküste ein Granit-Kreuz mit einem Bronze-Relief der kaiserlichen Märtyrer gesegnet. Die Segnung nahm Bischof Irinej (Steenberg) von Sacramento vor, der zur russischen Auslandskirche (ROCOR) gehört, die heute wieder in voller Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat steht. Der Zar und seine Familie waren 1909 als Gäste von König Eduard VII. auf der Insel. Bischof Irinej erinnerte bei der Feier der Göttlichen Liturgie daran, dass es bei Nikolaus II. und seinen Familienangehörigen nicht in erster Linie um eine politisch bedeutsame Gruppe von Personen gehe, sondern um eine Familie von Märtyrern, die im Leben und im Tod Gott bezeugt hätten.