Fällt die Entscheidung über die Zukunft der Hagia Sophia am 2. Juli?

Türkischer Verwaltungsgerichtshof soll sich an diesem Tag mit dem Dekret von 1934 über die Umwandlung der Kathedrale in ein Museum befassen – Präsident Erdogan strebt offensichtlich eine Rückumwandlung des Museums in eine Moschee an – Scharfe internationale Reaktionen auf die Bestrebungen zur „Reislamisierung“ eines der bedeutendsten christlichen Bauwerke der Welt

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Foto ©: Arild Vågen (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Konstantinopel, 10.06.20 (poi) Die Entscheidung über die Zukunft der Hagia Sophia soll nach Angaben der regierungsnahen türkischen Zeitung „Yeni Safak“ am 2. Juli erfolgen. Die türkische Denkmalschutzvereinigung hat an den Verwaltungsgerichtshof (Daniştay) appelliert, zu prüfen, ob das Dekret von 1934 über die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum manipuliert ist. Wenn das Gericht den Appell am 2. Juli als verhandelbar einstuft und sich bestätigen sollte, dass die Unterschrift Kemal Atatürks auf dem Dekret von 1934 gefälscht ist, würde das Verfahren zur Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee in Gang gebracht werden, so die Zeitung. Die Denkmalschutzvereinigung hatte bereits früher Vorstöße unternommen, um eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu erreichen; diese Vorstöße waren aber zurückgewiesen worden.

Nach Angaben der Zeitung „Hürriyet“ vom 5. Juni will der türkische Präsident Recep T. Erdogan das Statut der Hagia Sophia so verändern, dass sie auch wieder als islamisches Gotteshaus genutzt werden kann. „Hürriyet“ berief sich auf „vertrauliche Quellen“. Der Plan soll von Erdogan selbst bei einer Sitzung des Exekutivkomitees seiner Partei, der AKP, angekündigt worden sein. Der Präsident habe die Entwicklung einer Formel verlangt, um das Bauwerk trotz der Nutzung als islamisches Gotteshaus weiterhin für Touristen zugänglich zu machen, „genau wie bei der Sultanahmet-Moschee (Blaue Moschee)“. Das Projekt sei „mit Vorsicht und ohne Eile“ durchzuführen, da es sich bei der Hagia Sophia um ein „sensibles“ Thema handle, über das jedoch „nur unsere große Nation entscheiden kann“, wurde der Präsident in der Zeitung zitiert.

Die Frage nach dem Status der Hagia Sophia ist wieder in den Mittelpunkt internationaler Kontroversen gerückt, nachdem die türkische Regierung beschlossen hatte, zum 567. Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel am 29. Mai 1453 in der Basilika aus dem Koran die sogenannten „Sure der Eroberung“ (Sure 48) verlesen zu lassen. Außerdem wurde auf dem Vorplatz der Basilika eine Multimediaschau mit Gebeten über die Eroberung von 1453 veranstaltet. Die Initiative löste eine sofortige heftige Reaktion der griechischen Regierung aus. Athen bezeichnete die Vorgänge in der und um die Hagia Sophia am 29. Mai als „Beleidigung der weltweiten christlichen Gemeinschaft“ und Verletzung des Welterbe-Status der Kathedrale.

Die Hagia Sophia-Kathedrale wurde nach dem Fall von Konstantinopel – ebenso wie unzählige andere Kirchen in der Bosporus-Metropole – in eine Moschee umgewandelt. Sie blieb die osmanische „Reichsmoschee“ bis zum Ende des Osmanischen Reiches. 1931 wurde der islamische Gottesdienst in der Hagia Sophia eingestellt. Auf Grund des jetzt wieder umstrittenen Dekret Atatürks wurde sie 1935 in ein Museum umgewandelt.

Im Hinblick auf die Koran-Rezitation vom 29. Mai in der Hagia Sophia stellte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), in seiner Sendung auf „Rossija-24“ am 6. Juni fest, jeder Versuch, den Museums-Status der Kathedrale zu verändern, würde die „heute bestehende fragile interkonfessionelle Balance in Frage stellen“. Der Metropolit plädierte dafür, dass die Hagia Sophia ein Museum mit offenem Zugang für alle bleibt; er hoffe, dass es durch Vorkommnisse wie die Koran-Rezitation nicht zu „interreligiösen Spannungen“ komme. Wörtlich stellte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats fest: „Diese Kirche ist ein Symbol für Byzanz. Sie ist aber auch ein Symbol der Orthodoxie für Millionen von Christen in aller Welt, vor allem für die orthodoxen Gläubigen“. Die Kathedrale sei im 6. Jahrhundert von Kaiser Justinian als zentrales Gotteshaus des Oströmischen Reiches errichtet worden. Für das russische Volk sei die Hagia Sophia besonders bedeutsam, weil dort die Abgesandten des Kiewer Großfürsten Wladimir die Göttliche Liturgie erlebten, „als ob sie im Himmel wären“. Die Erzählung darüber habe dann den Ausschlag für die Entscheidung Wladimirs für die „Taufe der Rus“ gegeben.

Im diesjährigen „International Religious Freedom Report“ hatte auch das US-Außenministerium festgestellt, dass amerikanische Regierungsvertreter in „privaten und öffentlichen Gesprächen“ mit türkischen Repräsentanten auf die „außerordentliche Bedeutung“ der früheren orthodoxen Kathedrale in Konstantinopel hingewiesen hätten. Diese Bedeutung müsse in einer Weise bewahrt werden, die der religiösen Geschichte der Hagia Sophia gerecht wird. Zugleich sei von amerikanischer Seite darauf verwiesen worden, dass die Hagia Sophia ein „Symbol der friedlichen Koexistenz, des wahren Dialogs und des Respekts zwischen den Religionen“ sei.

Präsident Erdogan reagierte auf die internationale Kritik am 8. Juni: Die Türkei habe das Recht, „unabhängig“ über eine Änderung des Status der Hagia Sophia zu entscheiden. Ankara müsse auch nicht in Athen um Erlaubnis fragen, ob die Hagia Sophia wieder eine Moschee werden dürfe. Im Hinblick auf die gesetzliche Lage werde auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs gewartet, danach werde man „entsprechend vorgehen“. Der Vorsitzende der rechtsextremen „Milliyetci Hareket Partisi“ (MHP), Devlet Bahceli, erklärte unverblümt: „Die Hagia Sophia ist eine Moschee, ein Symbol der Eroberung durch das türkische islamische Volk. Das ist eine Wahrheit, die sich nicht ändert, jeder muss das anerkennen. Durch den Willen Gottes ertönt nicht der Klang von Glocken, sondern der ‚Adhan‘ (islamischer Gebetsruf, Red.) von der Hagia Sophia“. 

Die jüngsten Entwicklungen um die Hagia Sophia haben in der weltweiten Diaspora der aus der Türkei stammenden griechischen, armenischen und syrischen Christen scharfe Reaktionen ausgelöst. So appellierten das “Hellenic American Leadership Council” (HALC), das “Armenian National Committee of America” (ANCA) und die Vereinigung “In Defense of Christians” (IDC) an die UNESCO, auf die Beachtung des Welterbe-Status der Hagia Sophia durch die türkische Politik zu drängen. Der IDC-Vorsitzende Toufic Baaklini betonte, die Hagia Sophia sei eines der bedeutendsten christlichen Bauwerke der Welt. Es dürfe nicht als “politische Schachfigur” missbraucht werden. Die heutige Türkei sei noch immer nicht bereit, den von den ittihadistischen Machthabern der letzten osmanischen Regierungen verantworteten Völkermord an den griechischen, armenischen und syrischen Christen anzuerkennen; die christliche Restbevölkerung des Landes werde durch die Bedrohung des Status der historischen christlichen Kathedrale beleidigt. Der ANCA-Exekutivdirektor Aram Hamparian pflichtete Baaklini bei: Die jüngsten Schritte Erdogans im HInblick auf die Hagia Sophia “spiegeln und verstärken die seit 100 Jahren dauernden Bestrebungen der offiziellen türkischen Politik, das große kulturelle und religiöse Erbe von Armeniern, Griechen und Christen der syrischen Tradition auf dem heutigen türkischen Territorium zu vernichten”. Der HALC-Exekutivdirektor Endy Zemenides stellte fest, Erdogan und seine Leute seien entschlossen, einer Minderheit in der Türkei zu dienen, die in der Christenheit einen Feind sieht: “Aber die Hagia Sophia ist Teil des Erbes von uns allen, die UNESCO darf der türkischen Politik nicht erlauben, das erhabene Bauwerk zu benützen, um uns auseinanderzudividieren”.

Auch die armenisch-australischen, assyrisch-australischen und griechisch-australischen Gemeinschaften – die eine “Joint Justice Initiative” gestartet haben – verurteilten die Bestrebungen Erdogans im Hinblick auf die Hagia Sophia. Die drei Gemeinschaften appellierten an die Regierung in Canberra, die jüngsten Vorgänge um die Kathedrale zu verurteilen und dafür zu sorgen, dass internationale Anstrengungen unternommen werden, “um das zu bewahren, was von den christlichen Stätten in der Türkei noch erhalten ist”. Ebenso sei dafür zu sorgen, dass in der Türkei der christliche Gottesdienst “in Freiheit und Sicherheit” stattfinden kann.