„Für Dialog und Menschenwürde“

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. würdigte Papst Johannes Paul II. im „Osservatore Romano“ zum 100. Jahrestag der Geburt von Karol Wojtyla

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Vatikanstadt-Konstantinopel-Moskau, 19.05.20 (poi) Unter dem Titel „Für Dialog und Menschenwürde“ hat die offiziöse vatikanische Tageszeitung „L’Osservatore Romano“ am Montag einen persönlichen Artikel des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zum 100. Jahrestag der Geburt von Papst Johannes Paul II. veröffentlicht. Johannes Paul II. habe eindrucksvoll seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass es die Mission der Kirche ist, „die Menschheit von allen Formen der Unterdrückung zu befreien“, stellte Bartholomaios I. fest. Der Papst habe eine entscheidende Rolle beim Abbau der Trennmauern gespielt, die das östliche Europa lange Zeit gefangen hielten. Das besondere ökumenische Engagement des Wojtyla-Papstes schilderte der „Patriarch von Konstantinopel und Erzbischof des Neuen Rom“ an Hand von drei großen Momenten.

 

Ein Dialog beginnt: 30. November 1979

Insbesondere hob der Patriarch die ökumenischen Initiativen des Papstes und dessen „brüderliche Beziehungen“ mit der Kirche von Konstantinopel hervor. Johannes Paul II. habe mit dem offiziellen Besuch in Konstantinopel kurz nach seiner Wahl eine „neue Tradition“ geschaffen. Als persönlicher Sekretär von Patriarch Demetrios I. sei er damals im Phanar erstmals mit Johannes Paul II. zusammengetroffen, erinnerte sich Patriarch Bartholomaios. Am 30. November 1979 hätten dann Johannes Paul II. und Demetrios I. jene gemeinsame Erklärung unterzeichnet, mit der die Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche eingesetzt wurde. Nach den ersten Kontakten zwischen den Päpsten Johannes XXIII. bzw. Paul VI. und Patriarch Athenagoras, mit denen der „Dialog der Liebe“ eingeleitet wurde, sei damals die Zeit für die Aufnahme des „Dialogs der Wahrheit“ reif gewesen, „um Missverständnisse zu überwinden und die Wunden der Vergangenheit auf dem Weg zur Einheit zu heilen“.

 

Eine Erklärung für die Schöpfung: 10. Juni 2002

Er habe sich bemüht, die ökologischen Initiativen der orthodoxen Kirche, die 1989 vom Ökumenischen Patriarchen Demetrios initiiert wurden, durch internationale Symposien voranzutreiben und zu verstärken, merkte Bartholomaios I. im „Osservatore Romano“ an. Das Symposion über die Adria im Sommer 2002, bei dem die ethischen Dimensionen der ökologischen Krise behandelt wurden, habe mit einer historischen Göttlichen Liturgie in der Kirche Sant’Apollinare in Classe in Ravenna am 9. Juni 2002 geendet. Anderntags, am 10. Juni 2002, hätten die Delegierten bei der Schlussveranstaltung in Venedig, im großartigen Dogenpalast, an einem historischen Augenblick von ökumenischer Tragweite teilgenommen. Es habe eine Satellitenverbindung mit Johannes Paul II. gegeben, um gemeinsam die „Erklärung von Venedig“ zu unterzeichnen, „den ersten gemeinsamen Text der beiden Oberhäupter des westlichen und des östlichen Christentums, der ausschließlich ökologischen Fragen gewidmet war und die Sorge um die Schöpfung als moralische und spirituelle Pflicht aller Menschen hervorhob“.

An diesem Tag habe er gemeinsam mit Johannes Paul II. betont, dass „die Menschheit auf mehr Recht hat, als wir um uns herum sehen. Wir – und noch mehr unsere Kinder und die zukünftigen Generationen – haben das Recht auf eine bessere Welt, eine Welt ohne Erniedrigung, Gewalt, Blutvergießen, eine Welt der Großzügigkeit und Liebe“, unterstrich der Ökumenische Patriarch.

 

Ein Vermächtnis für die Ewigkeit: 27. November 2004

Ein dritter entscheidender Moment in der „Beziehung zum verehrten Papst“ sei die Rückgabe einiger heiliger Reliquien an die Kirche von Konstantinopel gewesen: „ein wichtiges, aber heikles Thema für die Beziehungen zwischen unseren Kirchen“, so Bartholomaios I. Im November 2004 wurden die Gebeine des Heiligen Gregor des Theologen († 390) und des Heiligen Johannes Chrysostomus († 407) an das Ökumenische Patriarchat zurückgegeben.

Die beiden Heiligen waren berühmte Erzbischöfe der Hauptstadt des oströmischen Reiches, unterstrich Bartholomaios I. Ursprünglich seien die Reliquien in der Apostel-Kirche in Konstantinopel aufbewahrt worden, ehe sie über Venedig nach Rom gebracht wurden, „was eine schwere und tiefgreifende Wunde in der Geschichte der Beziehungen zwischen Christen hinterließ“. Bis zu seinem Vatikan-Besuch im Juni 2004 anlässlich des 40. Jahrestages des historischen Treffens zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras sowie des 800-Jahr-Gedenkens des 4. Kreuzzugs im Jahr 1204 seien die Reliquien in Rom geblieben. In seiner Rede habe Papst Johannes Paul II. offiziell um Vergebung für die tragischen Ereignisse des 4. Kreuzzugs gebeten. Daraufhin habe er selbst „mit einer bescheidenen Bitte um Rückgabe der heiligen Reliquien als moralische Wiederherstellung des geistlichen Erbes des Ostens und bedeutenden Schritt im Prozess der Versöhnung“ geantwortet, schilderte der Patriarch von Konstantinopel im „Osservatore Romano“. Am 27. November 2004 seien die Reliquien dann nach einem feierlichen Gottesdienst und der von Johannes Paul II. geleiteten Prozession in Rom in die Heimat des Heiligen Gregor des Theologen und des Heiligen Johannes Chrysostomos im „Neuen Rom“ zurückgekehrt. Abschließend stellte der Ökumenische Patriarch fest: „Es war vielleicht eine der letzten und schönsten Taten der Nächstenliebe sowie eine der wichtigsten und denkwürdigsten ökumenischen Gesten des greisen und gebrechlichen Papstes, unseres geliebten Bruders in Christus“.

 

Gedenkfeier in Moskau

Der „Osservatore Romano“ veröffentlichte am Montag auch eine Schilderung der Gedenkfeier zum 100. Jahrestag der Geburt von Papst Johannes Paul II. in Moskau. Wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie konnte die Feier auf Initiative der „Bibliothek für Auslandsliteratur“ nur virtuell stattfinden. Die Bibliothek bemühe sich dank des Einsatzes ihrer früheren Leiterin Jekaterina Geniewa seit 30 Jahren darum, die christliche Kultur und den ökumenischen Dialog zu fördern, schrieb Miguel Palacio, ein Mitarbeiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, im „Osservatore Romano“. Im Atrium der „Bibliothek für Auslandsliteratur“ steht seit 2011 eine Statue von Johannes Paul II., die nach einer Idee des Regisseurs Grigorij Amnuel von russischen und ukrainischen Künstlern geschaffen wurde. Aus Anlass der Segnung der Statue am 14. Oktober 2011 – dem Fest der Schutzmantel-Muttergottes nach Julianischem Kalender – brachte die Bibliothek einen Sammelband theologischer, sozialer und dichterischer Texte Karol Wojtylas heraus.

Bei der Gedenkfeier erinnerte der katholische Erzbischof in Moskau, Paolo Pezzi, an die prophetischen Worte Johannes Pauls II., dass bei vielen Europäern der Platz, der Christus zukommt, von einem „vagen und unbedeutenden religiösen Gefühl“ eingenommen wird. P. Hyacinthe Destivelle vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen (er war einige Jahre Pfarrer der katholischen Gemeinde am Newskij Prospekt in St. Petersburg) berichtete, dass er seine eigene ökumenische Berufung einem Ausspruch des Wojtyla-Papstes verdankt: „Für einen Christen ist es unmöglich, mit nur einem Lungenflügel zu atmen, er benötigt beide Lungenflügel, den westlichen und den östlichen“.

Die Dichterin Olga Sedakowa erinnerte an die Vertrautheit Johannes Pauls II. mit der russischen Kultur. Die Literatin hatte mehrfach mit dem Papst lange Gespräche über das Denken des russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjew geführt, der eine Einigung der Christenheit anstrebte. Für Natalja Zazulina, die mit einem Buch über die Hilfe Papst Benedikts XV. für das hungernde Sowjetrussland in den frühen 1920er-Jahren hervorgetreten ist, bedeutet das „Mea culpa“ der katholischen Kirche, das Johannes Paul II. am ersten Fastensonntag des Heiligen Jahres 2000 (12. März 2000) formuliert hat, den Höhepunkt des Pontifikats. Der Historiker Aleksij Judin, Organisator des Moskauer Gedenkens, hob hervor, wie sehr er beeindruck davon war, dass Johannes Paul II. die Menschen „die schon vergessene Kraft des Alters“ spüren ließ, „die Kraft des menschlichen Geistes und seiner Fähigkeit zum Widerstand gegen die leibliche Schwäche“.

Die Referenten waren sich einig, dass es mehr als historischer Zufall war, dass Karol Wojtyla in jenem Jahr 1920 geboren wurde, als der große Exodus aus dem von Revolution und Bürgerkrieg gezeichneten Russland seinen Höhepunkt erreichte. Russland habe von da an die ernsthafteste Religionsverfolgung der Geschichte erlitten, orthodoxe und katholische Christen seien davon in gleichem Maß betroffen gewesen. Als Johannes Paul II. im Jahr 2001 den ersten Exarchen der „unierten“ russischen Kirche, Leonid Feodorow, selig sprach, habe der Papst davon gesprochen, dass sich das Opfer der Märtyrer des 20. Jahrhunderts in eine „praktische Lektion“ gewandelt habe, wie man „für alle leben kann“. Der Dienst Johannes Pauls II. bezeuge, dass das „Geschenk des Lebens für alle“ ein Schlüssel „für den Dialog, die gegenseitige Verständigung und die Einheit“ sei.