Italien gedenkt des „Holodomor“

Der griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk feierte im Dom von Neapel eine Göttliche Liturgie als Requiem für die Millionen Opfer der in den 1930er Jahren vom stalinistischen Regime künstlich ausgelösten Hungerkatastrophe in der Ukraine

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Foto: © Unknown. Thanks to Lewis H. Siegelbaum and Andrej K. Sokolov (Quelle: Wikimedia; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Rom, 21.11.18 (poi) In Rom wird mit mehreren Veranstaltungen des „Holodomor“ gedacht, der vor 85 Jahren in der damaligen Sowjetunion durch eine gesteuerte Hungerkatastrophe Millionen Opfer forderte. 1932 hatte Stalin angeordnet, die „Kulaken“, die selbständigen Bauern, ihres Besitzes zu berauben und in Kolchosen und Sowchosen zu zwingen. In der Folge brach die landwirtschaftliche Produktion vor allem in der Ukraine, aber auch in Südrussland, in der Wolgaregion und in der kasachischen Republik zusammen. Alle Vorräte wurden beschlagnahmt und die Landbevölkerung gezielt ausgehungert.

Der „Holodomor“, die Ausrottung durch Hunger, dürfe nicht zu einer „vergessenen Seite der Geschichte“ werden, sagte der ukrainische Botschafter in Rom, Jevhen Perelygin. Diese Seite der Geschichte müsse dem Vergessen entrissen werden, um den neuen Generationen die Lehren aus diesem furchtbaren Geschehen nahezubringen. Diese Lehren könnten dazu beitragen, das Gewissen der Völker zu formen, das Böse zu erkennen, den Frieden zu verteidigen, die internationale Solidarität zu stärken und Gerechtigkeit und Freiheit zu fördern.

Am 22. November wird im römischen „Cinema Farnese“ der kanadische Film „Bittere Ernte“ gezeigt, der als „kraftvolle Geschichte von Liebe, Ehre, Rebellion und Überleben, betrachtet durch die Augen eines jungen ukrainischen Paares in den 1930er Jahren“ bezeichnet wird. Am 23. November wird von italienischen Historikern, Philosophen und Journalisten – unter ihnen der Geschichtsforscher Prof. Ettore Cinnella, der ein Buch über den „Vergessenen Genozid“ veröffentlicht hat – in der „Biblioteca Angelica“ die Geschichte der politisch ausgelösten Hungerkatastrophe analysiert. 

Ebenfalls in der „Biblioteca Angelica“ gibt es eine Vor-Vernissage der Ausstellung O.O.M. (Out of Memory), in der vier italienische Künstler ihre Sicht „dieser vergessenen Seite der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ aufzeigen. Die Werke werden anschließend von 24. November bis 2. Dezember im römischen Ausstellungsgelände T24 in Santa Maria in Campitelli zu sehen sein.

Das römische Interesse am „Holodomor“ ist auch deshalb groß, weil der italienische Konsul in Charkow, Sergio Gradenigo, einer der ersten war, der über die von den Kommunisten ausgelöste Tragödie in der Ukraine berichtete. Sein Zeugnis ist in dem Band „Briefe aus Charkow. Die Hungersnot in der Ukraine in den italienischen diplomatischen Berichten 1923-1933“ dokumentiert.

Bereits am 18. November hatte der ukrainische griechisch-katholische Großerzbischof von Kiew und Halytsch, Swjatoslaw Schewtschuk, im Dom von Neapel eine Göttliche Liturgie als Requiem für die Millionen Opfer des „Holodomor“ – unter ihnen viele Kinder – gefeiert. Es sei eine Verpflichtung des ukrainischen Volkes, eine Wahrheit zu erzählen, die 70 Jahre hindurch zensuriert worden sei, sagte der Großerzbischof: „Wir wollen berichten über die schrecklichen Jahre der sowjetischen Diktatur und die Hungersnot der 1930er Jahre, als unser Land, die ‚Kornkammer Europas‘, seine Kinder nicht mehr ernähren konnte, die millionenfach dahinstarben. Wir wollen dem Andenken der Millionen schuldloser Opfer, Männer, Frauen, Kinder Tribut zollen, die durch den Hunger umkamen, während die Überlebenden nicht einmal mehr die Kraft hatten, ihre Angehörigen zu bestatten“.